Trügerische Dividenden

Wahltag ist Zahltag das gilt auch für Aktiengesellschaften. Sobald die Hauptversammlung über die Verwendung des Bilanzgewinns abgestimmt hat, werden umgehend die Dividenden an die Aktionäre überwiesen. Für das Jahr 2007 wird ein wahrer Geldregen erwartet: Rund 27 Milliarden Euro werden nach einer Hochrechnung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) allein die im Dax notierten Großkonzerne für das vergangene Geschäftsjahr an ihre Teilhaber ausschütten.

Zu den größten Profiteuren zählt dabei Vater Staat. Er ist mit einem Anteil von 31,7 Prozent Hauptaktionär bei der Deutschen Telekom.

Insgesamt 3,5 Milliarden Euro wird der rosa Riese wohl an seine Aktionäre zahlen, wovon rund 1,1 Milliarden Euro in die Taschen des Bundes und der staatlichen KfW-Bank fließen. Die Deutsche Post dürfte den Haushalt des Finanzministers dank üppiger Ausschüttung immerhin noch um 240 bis 250 Millionen Euro entlasten. Die Nummer vier der Cash-Kühe beglückt diverse Kommunen, die insgesamt 18 Prozent halten: Der Stromversorger RWE zahlt voraussichtlich 1,8 Milliarden Euro aus.

Gerade diese drei Unternehmen mit hohem Staatsanteil sind es, die im Dax im vergangenen Jahr die höchste Dividendenrendite (Dividende in Relation zum Aktienkurs) boten. Zwischen 3,9 und sechs Prozent des Aktienkurses fließen jährlich an die Aktionäre das könnte auf den ersten Blick als eine sichere Verzinsung erscheinen.

Doch die Höhe der Ausschüttungen sagt nicht viel aus über den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Sie zeigt eher das Ausmaß der Begehrlichkeiten staatlicher oder privater Großaktionäre. So beruht die hohe Dividendenrendite der Deutschen Telekom darauf, dass sich trotz hoher Barausschüttungen der Aktienkurs seit dem Absturz des Börsenkurses im Jahr 2000 nicht mehr erholt hat. Umgekehrt knausern andere Dax-Konzerne wie der Sportartikelhersteller adidas oder der Autozulieferer Continental mit Ausschüttungen, können jedoch in der Bilanz solide Gewinne vorweisen.

Aus Sicht des Unternehmens stehen bei der Dividendenpolitik das Image in Aktionärskreisen und künftige Investitionsvorhaben im Vordergrund.

So betrachtet Jan Tegtmeyer in seiner Dissertation an der Universität Passau die Zahlung einer möglichst konstanten Dividende als strategische Investition. Um die Reputation des Unternehmens hochzuhalten, werde die Dividende oftmals auch bei einem Ertragseinbruch nicht herabgesetzt. So will man gegenüber den Anteilseignern eine kontinuierliche Leistungsfähigkeit demonstrieren.

Diese Reputation muss sich die Deutsche Telekom erst wieder erarbeiten: Für die Geschäftsjahre 2002 und 2003 hat der Konzern keine Dividende ausgeschüttet. Und der aktuelle Aktienkurs und damit die relativ hohe Dividendenrendite zeigen deutlich, dass die meisten Investoren an der langfristigen Leistungsfähigkeit der Deutschen Telekom zweifeln.

Für jeden Konzern stellt sich die Frage, ob der erwirtschaftete Gewinn vorrangig an die Aktionäre fließen oder als Eigenkapital für die Erschließung neuer Märkte und die Entwicklung innovativer Produkte eingesetzt werden soll. Je nach Branche herrschen hier sehr unterschiedliche Gepflogenheiten. So verfügen beispielsweise viele traditionsreiche Unternehmen aus der Industrie- oder Energieversorgerbranche über einen langjährig gewachsenen Kapitalstock, der es ihnen ermöglicht, ohne große Einschränkungen bei den Investitionsplänen einen guten Teil ihres Gewinns als Dividende auszuzahlen. Für forschungsintensive Unternehmen aus der Computer- oder Biotechnologiebranche ist es hingegen betriebswirtschaftlich sinnvoller, möglichst viel Geld im Unternehmen zu halten, um das Finanzierungsrisiko zu senken.

Aktionärsschützer halten weder eine extrem hohe noch eine extrem niedrige Dividende für sinnvoll. » Im Schnitt ist eine Ausschüttungsquote von 50 Prozent des Unternehmensgewinns angemessen«, sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Geringere Dividenden hält er nur bei Unternehmen für richtig, die sich in einer starken Wachstums- und Investitionsphase befinden und den größten Teil des Gewinns in das Kerngeschäft reinvestieren. Von durchschnittlich 50 Prozent Dividende sind jedoch die Großkonzerne im Dax noch weit entfernt: Nach einer DSW-Untersuchung wurden im vergangenen Jahr nur 37 Prozent der erzielten Gewinne an die Aktionäre ausgezahlt.

Aus Sicht des Aktienanlegers ist eine hohe Dividende immer dann interessant, wenn sie aus einer nachhaltig hohen Ertragskraft stammt.

»Dafür genügt es jedoch nicht, allein die aktuelle Dividendenrendite zu betrachten«, sagt Kurz. Eine hohe Dividendenrendite kann auch das Ergebnis eines niedrigen Kurses sein etwa weil der Markt die Zukunft des Unternehmens ungünstig bewertet. In solchen Fällen können Anleger leicht in die Dividendenfalle tappen. Die Dividende ist dann zwar noch hoch, weil sie aus der ertragreichen Vergangenheit des Unternehmens stammt. Doch der Kurs weist auf eine düstere Zukunft hin. Und je niedriger der Kurs, umso höher die Dividendenrendite.

Das sollten Anleger berücksichtigen, wenn sie Aktien mit besonders hoher Ausschüttung kaufen wollen. Grundsätzlich können Dividendenstrategien jedoch lohnend sein. Immerhin war in der Vergangenheit die Selektion besonders dividendenstarker Aktien im Schnitt rentabler als ein Investment auf den Gesamtindex. So brachte seit 1999 der Euro Stoxx Select Dividend 30, in dem die 30 Aktien mit der höchsten Dividendenrendite aus dem Euro Stoxx 50 abgebildet werden, eine jährliche Durchschnittsrendite von fast 20 Prozent. Der Euro Stoxx 50 kam im gleichen Zeitraum pro Jahr auf lediglich knapp vier Prozent Jahresrendite. Sowohl auf den europäischen Dividendenindex wie auch auf sein deutsches Pendant, den DivDax, gibt es mittlerweile einige Anlagezertifikate und Indexfonds.

Als Alternative zu reinen Indexinvestments bieten sich Fonds an, deren Manager sowohl die Dividendenrendite als auch die künftigen Ertragschancen der jeweiligen Unternehmen unter die Lupe nehmen.

Allerdings gibt es auch hier keine Gewinngarantie, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. So konnten der Dividenden-Strategie-Euro-Fonds der BW-Bank, der DWS Top Dividende und der Dividende

& - Substanz-Fonds des Vermögensverwalters Jens Erhardt auf Sicht der vergangenen drei Jahre ihre Vergleichsindizes schlagen.

Die Anleger des Aktien-Global-Dividends-Fonds von HSBC Trinkaus

& - Burkhardt oder des Equity Fund Dividend Europe von Crédit Suisse wären hingegen im gleichen Zeitraum mit einer reinen Indexanlage ohne Berücksichtung der Dividendenrendite besser gefahren.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.38
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