Die Halle ist menschenleer. Nur eine einsame Computermaus zappelt auf einem der Förderbänder. Ihr Kabel hat sich irgendwo verhakt, rechts und links schießen verknüllte Folien, Styroporfetzen, Plastikbröckchen und zerbeulte Konservendosen vorbei. Ab und zu wird ein Förderband hell bestrahlt und verschwindet kurz darauf unter einem Metallkasten. Infrarotkameras erfassen das reflektierte Licht, elektronisch wird der beleuchtete Gegenstand identifiziert und zehn Millisekunden später von einem Gebläse nach links oder rechts vom Band gepustet. Immer weiter wird der Stoffstrom aufgespalten, am Ende landet er fertig sortiert in Holzboxen: Glas, Blechdosen, Aluminium, verschiedene Kunststoffe und ganz am Ende ein Häufchen Ausschuss. 

Die Anlage läuft rund um die Uhr, mehr als zehn Mitarbeiter pro Schicht werden nicht gebraucht. Baggerfahrer, Kontrolleure, Maschinenführer – acht Tonnen Abfall ziehen pro Stunde an ihnen vorbei. "Wir sind ein Sortierbetrieb, kein Abfallmuseum", sagt Peter Hoffmeyer, der Chef der fast geruchs- und staubfreien Trennfabrik an der Bremer Hüttenstraße.

Glas tragen wir zum Container, ausgelesene Zeitungen legen wir gebündelt am Straßenrand zur Abholung bereit, Kartoffelschalen und Salatreste wandern in die Biotonne, Joghurtbecher und Milchtüten spülen wir aus, damit es aus dem gelben Sack nicht stinkt. In keinem anderen Industriestaat werden so viele Wertstoffe aus dem Abfall gefischt wie hierzulande. Lizenzgebühren auf Verpackungen haben das möglich gemacht. Je nach Material sind zwischen 7,4 Cent und 1,30 Euro pro Kilo zu entrichten. Das einfach zu recycelnde Glas ist am billigsten, schwer wiederzuverwertender Kunststoff am teuersten. Und so beginnt für 90 Prozent der Glasflaschen, 80 Prozent des Altpapiers, 75 Prozent des Aluminiums und über die Hälfte des Kunststoffs aus Verkaufsverpackungen nach dem Wegwerfen ein zweites Leben in der Wiederverwertung (siehe Grafik).

Die Sammelleidenschaft der Deutschen ist beeindruckend, doch inzwischen stehen sie sich damit selbst im Weg. Sechzehn Jahre nach Einführung von Grünem Punkt und gelbem Sack können Maschinen das Trennen und Sortieren des Abfalls besser erledigen, als wir es von Hand tun. Rohstoffe und Energie stecken zudem nicht nur in den gelben Säcken, sondern in weit größerer Menge auch im Rest- und Gewerbemüll. Mehr als 300 Euro zahlen chinesische Importeure beispielsweise für eine Tonne gebrauchter PET-Flaschen, 400 Euro für Polyethylen-Folien oder bis zu 1000 Euro für Aluminium. Auch für Altglas, Altpapier und Schrott fließt Geld. Der unverkäufliche Rest kann als "Ersatzbrennstoff" noch Wärme und Strom erzeugen. Fachleute bezeichnen all dies als städtischen Bergbau, urban mining. Wer den Müll gründlich umgräbt, kann daraus große Mengen Sekundärrohstoff und -brennstoff gewinnen und damit teure fossile Ressourcen ersetzen, vor allem Öl.

Die Bremer Trennfabrik ist eine der 130 deutschen Anlagen im Dienst des Dualen Systems – und noch längst nicht der letzte Schrei moderner Sortiertechnik. Den kann man gleich nebenan bestaunen. Die Bänder laufen dreimal schneller, gesteuert von der Hälfte des Personals. So exakt arbeiten Infrarotdetektoren, Siebe und Magnete, dass vom Sortierrest der alten Anlage am Ende wiederum nur ein kleines Häufchen Ausschuss übrig bleibt. Alles andere landet, sauber getrennt, in Containern.

Je besser die Maschinen Sekundärrohstoffe aussortieren, umso unsinniger wird die gegenwärtige Praxis, zu Hause den Abfall von Hand auf diverse Mülltüten und Eimer zu verteilen. Eine grüne Politikerin legt den Finger in die Wunde. "Das Duale System hat sich so entwickelt, dass es das Umweltbewusstsein der Bürger lächerlich macht", sagt die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl und warnt: "Es verhindert ökologische Innovationen." Ihr Parteifreund und Ex-Umweltminister Jürgen Trittin hatte im Müllsammeln und -trennen einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung gesehen. Aber auch die derzeitige Bundesregierung will nicht am Dualen System rütteln. Die ausgediente Plastikschüssel soll weiterhin im Restmüll, ihre Plastikverpackung aber im gelben Sack landen.

Daran wird auch die Novellierung der Verpackungsverordnung nichts ändern, um deren Details Umwelt-, Wirtschaftsminister und Dutzende Lobbygruppen derzeit streiten. Sie zielt nicht auf die Abschaffung unlogischer Regeln, sondern auf deren strengere Einhaltung. Seit zwei Jahren werden sie nämlich oft umgangen. Damals wurde das Duale System Deutschland (DSD), dessen Erkennungszeichen der Grüne Punkt und der gelbe Sack sind, aus kartellrechtlichen Gründen privatisiert. Aus Kostengründen haben DSD und seine beiden Konkurrenten die Wiederverwertung auf vorgeschriebene Mindestquoten reduziert. Beim Altpapier wird heute nur noch so viel recycelt wie vor zehn Jahren. Vieles, was die Bürger trennen, landet somit im Restmüll. In Nordrhein-Westfalen ist der Anteil sogenannter Sortierreste aus gelben Säcken von 37 Prozent im Jahr 1997 auf 50 Prozent angewachsen.

 

Viele Produkte gelangen gleich ganz ohne Grünen Punkt in den Handel. Eine Studie der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung hat ihren Anteil im vergangenen November bereits auf ein Viertel geschätzt. Hinzu kommen nochmals zwölf Prozent Verpackungsanteil, die sogenannte Selbstentsorger in Umlauf bringen, beispielsweise Drogerieketten, die eine Rücknahme der Verkaufsverpackungen im Laden anbieten. Kaum jemand nutzt das Angebot, vielmehr landen die Zahnpastatuben, Plastikhüllen und Bonbonschachteln im Altpapier oder im gelben Sack. Das Einsammeln und Verarbeiten überlassen die Trittbrettfahrer dann den Unternehmen des Dualen Systems, die für das Aufdrucken des Grünen Punktes Lizenzen bezahlen müssen. 

Die jährlichen Kosten von 1,5 Milliarden Euro zahlen am Ende die sammelnden und trennenden Bürger. Die Schweizer Umweltberatungsfirma Carbotech hat im Auftrag des DSD-Konkurrenten Belland Vision aus den offiziellen Zahlen errechnet, wie teuer das ist. Zwar führt das Einsammeln der gelben Säcke und Wiederverwerten ihres Inhalts tatsächlich zur Einsparung von Rohöl – allerdings zu einem absurden Preis von mehr als drei Euro je Liter. Energiesparmaßnahmen oder erneuerbare Energien erzielen eine vergleichbare Ressourcenschonung zu einem Bruchteil der Kosten.

Nur beim Aluminiumrecycling wird der Liter Rohöl für vergleichsweise günstige 15 Cent eingespart. Doch dafür brauchte man nicht Millionen gelber Säcke. Ein Wirbelstromabscheider am Eingang der Müllverbrennungsanlage reichte aus und würde zudem nicht nur hauchdünnes Aluminium aus Chipstüten und anderen Verpackungen, sondern auch Aluminiumpfannen oder -toaster mit erfassen. Im Vergleich zum gesamten Abfall seien die gelben Säcke nur ein "Fliegenschiss auf dem Kuhfladen", sagt Klaus Wiemer. Der Hochschullehrer für Abfallwirtschaft an der Universität Kassel gehört zu den wenigen Fachleuten in Deutschland, die sich nie in eines der vielen Gremien des Dualen Systems einbinden ließen.

Wiemer sitzt im Wintergarten des von ihm gegründeten Witzenhausen-Instituts für Abfall, Umwelt und Energie und untermauert seine Aussage mit den folgenden Zahlen: Jährlich werden 13 Millionen Tonnen Kunststoff in Deutschland neu eingesetzt, darunter etwas mehr als vier Millionen Tonnen für Verpackungen und Behälter. Davon tragen jedoch nur 0,7 Millionen Tonnen den Grünen Punkt, und etwas mehr als die Hälfte wird wieder über die gelben Säcke eingesammelt. Wiederum etwa ein Drittel hiervon darf verbrannt werden. Am Ende führt das Duale System mit gewaltigem Aufwand nur wenige Prozent des Kunststoffs aus Verpackungen zur Wiederverwertung an die Industrie zurück. Und die stellt daraus keineswegs gleichwertige Stoffe her. Stattdessen werden die Verpackungsmaterialien im sogenannten Downcycling zu Billigprodukten eingeschmolzen – etwa Hüllrohre für Kabel, Parkbänke oder Blumenkübel.

"Den Politikern fehlt ganzheitliches Denken", kritisiert Wiemer. "Mit dem Abfallrecht sollten sie nicht den Weg vorgeben, sondern das Ziel." Und das fasst er in drei Begriffen zusammen: energiesparend, klimaschonend, wirtschaftlich.

Ein Großteil der mehr als zehntausend Regelungen im deutschen Abfallrecht ist dazu nicht nötig. Ob der Müll vor oder nach der Abfuhr getrennt wird, sollte allein danach entschieden werden, welcher Weg zum besseren und günstigeren Ergebnis führt. Schon vor zwei Jahren haben Versuche in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gezeigt, dass das Erfüllen der Recyclingquoten der Verpackungsverordnung auch ohne getrenntes Einsammeln von gelben Säcken möglich und am Ende sogar etwas billiger ist. Und die Frage, ob die organischen Materialien und minderwertigen Kunststoffe im Abfall überhaupt getrennt und wiederverwertet oder nicht besser zusammen mit dem Restmüll zur Strom- und Wärmeerzeugung verbrannt werden sollten, ist heute kein Anlass mehr für fundamentale Streiterei.

In Zukunft könnte der Müll seine eigene Entsorgung finanzieren

 

In den achtziger und neunziger Jahren waren Müllverbrennungsanlagen durch gesundheitsschädliche Emissionen und Korruptionsskandale schwer in Verruf geraten. Zumindest das Gesundheitsproblem ist dank moderner Filtertechnik und Rauchgaswäsche inzwischen gelöst. So setzte 1990 in Deutschland die Verbrennung von sechs Millionen Tonnen Abfall noch fast 300 Gramm Dioxin frei, heute ist der Wert trotz Verdoppelung der verbrannten Menge auf weniger als ein Tausendstel gesunken.

Drastisch reduziert wurde auch der Ausstoß von Schwefeldioxid und Schwermetallen wie Blei und Kadmium. "Eine Tonne Hausmüll hat denselben Brennwert wie 200 Liter Öl", sagt Abfallexperte Wiemer. "Wenn sich der Preis fossiler Energien verdreifacht, wird sich die Abfallwirtschaft selbst finanzieren. Müllgebühren können dann abgeschafft werden."

Noch klingt das utopisch. Tatsächlich zahlen die deutschen Haushalte weit über fünf Milliarden Euro im Jahr für ihre Müllentsorgung. Und in den Zwischenlagern wartet ein stetig wachsender Müllberg von über einer Million Tonnen auf die Verbrennung. Die Deponierung ist seit Juni 2005 verboten, um Grundwasser und Klima zu schützen. Wegen der Methanbildung beim Verrotten erzeugt Deponieren einen um 50 Prozent stärkeren Treibhauseffekt als die Verbrennung. Rund 60 Müllverbrennungsanlagen (MVA) gibt es derzeit in Deutschland, weitere 80 sind in der Planung.

Leipzig und Teile Berlins haben unterdessen den ersten Schritt zur Abschaffung des Dualen Systems getan. Dort wird der Verpackungsmüll im Rahmen eines Pilotprojekts in einer "Gelben Tonne plus" zusammen mit "stoffgleichem" Material und Elektrokleingeräten gesammelt. Die Trennung dieser trockenen Abfälle vom feuchten Restmüll erleichtert das maschinelle Sortieren und verbessert die Qualität der wiederverwertbaren Kunststoffe. Rund hundert weitere Kommunen würden ebenfalls gern ausprobieren, welche Vorteile eine trockene Tonne oder sogar das Abschaffen der Getrenntsammlung mit Einführen einer nachträglichen Trocknung und maschinellen Sortierung des Mülls hätte. Doch nirgendwo ist es bisher gelungen, alle Instanzen zusammenzubringen, von den Lizenzgebern des Dualen Systems über die Recyclingbetriebe und MVA-Betreiber bis hin zu den Aufsichtsbehörden.

Die Komplexität hat System: Je komplizierter die Stoffströme der Entsorgung sind, desto mehr bleibt in der Müllbranche hängen. Rund 15 Milliarden Euro setzen 5000 Unternehmen mit über 250.000 Beschäftigten jährlich um. Und die Verpackungsverordnung enthält mit ihren fünf Anhängen ein Geflecht von Regeln und Nachweispflichten, das Reformeifer rasch erstickt.

Maximilian Monzel, Geschäftsführer des Zweckverbands Abfallwirtschaft im Raum Trier, weiß, wie Reformversuche enden. Zwei Jahre liegt ein Testlauf in seinem Gebiet mit gemeinsamer Erfassung von Verpackungs- und Restmüll bereits zurück. Die Ergebnisse waren vielversprechend – und verschwanden in den Akten von Umweltministerium und DSD. "Der Innovationsvorsprung, den wir Anfang der neunziger Jahre einmal hatten, ist verloren gegangen. Weil die Politik zögert, statt zu handeln", klagt er. "Wir haben uns so in Regelungen verstrickt, dass sich nichts mehr bewegt."

Zum Thema
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Saubere Geschäfte - Statt auf stinkenden Deponien landet unser Müll in High-Tech-Fabriken (aus dem Magazin ZEIT Wissen) "

Information im Internet
Referentenentwurf der 5. Novelle der Verpackungsverordnung "

Ausführliche Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen zur Zukunft des Dualen Systems "

Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft e.V. "

Abfallrahmenrichtlinie der EU "