Und immer schon ein Weltenbürger
So schön kann Propaganda sein: Da malt ein deutscher Maler eine deutsche Ruine unter deutschen Eichen und heraus kommt ein Europabild. Der Maler heißt Caspar David Friedrich, nie hat er sich als Wegbereiter der europäischen Einigung verstanden. Als solcher aber tritt er nun auf, in einer großen Ausstellung in Brüssel. Zusammen mit vielen anderen deutschen Künstlern des 19. Jahrhunderts wird er in den Dienst der hohen Politik genommen.
Die farbenfrohen Bilder sollen hinweghelfen über die alltägliche Tristesse, über den ewigen Streit um Abgasnormen, Verfassungsartikel, Erweiterungsfragen. Sie sollen zeigen, dass sich die Staaten viel einiger sind, als sie glauben. Weil nämlich die Künstler sie lange schon geeint haben. » Die Künste sind Europa!«, tönt es im Katalog der Ausstellung. Und da darf dann auch ein Caspar David Friedrich nicht zimperlich sein. Seine urdeutsche Abtei im Eichwald wird umgedeutet zum ureuropäischen Inbild der Grenzenlosigkeit.
Nicht zufällig ist die Ausstellung gerade jetzt zu sehen. Auf dem EU-Gipfel vorige Woche wurde sie von der Kanzlerin eröffnet, als kulturelles Manifest der deutschen Ratspräsidentschaft und nebenher auch als Werbebotschaft in eigener Sache. Deutschland wird als »künstlerisch-kulturelle Drehscheibe inmitten Europas« gepriesen, und Angela Merkel hebt in ihrem Vorwort eigens die »internationale Verbundenheit« der deutschen Kunst hervor. Sie sieht in den Künstlern die denkbar besten Europäer: »Sie transportieren Ideen und Sehnsüchte ebenso wie Freiheit, Bildung, soziale Kompetenzen und Herausforderungen. So kam es, dass die europäische Idee in der Kunst bereits Ausdruck und Gestalt fand, noch lange bevor sie tatsächlich gelebt werden konnte.«
Die Künstler waren wirklich viel unterwegs. Vor allem der Süden lockte, es zog sie nach Italien und Griechenland. Viele dieser Wander- und Reisebilder sind in Brüssel zu sehen, tiefe Schluchten, hohe Wipfel, weite Küsten. Nur von der »europäischen Idee« ist nichts zu erblicken. Immer schon sind Künstler viel gereist, und reisend verbreiteten sie ihre Stile. Eine internationale Gotik gab es bereits im 14. Jahrhundert, ohne irgendeine Art von europäischer Einigkeit.
Meistens reisten die Künstler aus finanziellen Gründen. Sie wechselten von einem Fürstenhof zum nächsten, auf der Suche nach Auftraggebern.
Im 19. Jahrhundert war das nicht anders. So bestellte Ludwig I. von Bayern mehrmals Bilder seiner Villa Malta in Rom, etwa bei dem Münchner Maler Domenico Quaglio. Ein anderer bayerischer Herrscher, Max I., gab bei Heinrich Maria von Hess ein gewaltiges Bild in Auftrag, Apollo und die Musen, das später den Festsaal der Münchner Residenz schmücken sollte. Max wollte sich als legitimer Nachfolger Apollos inszenieren.
Ähnlich zeigen viele der ausgestellten Bilder nicht »Blicke auf Europa«, wie der Titel der Schau verheißt. Sie zeigen, wie sich die Deutschen freizügig bei der antiken Mythologie bedienten, um sich zu wahren Erben der Geschichte zu verklären. Ganz neue Nationalreservate entstanden, etwa bei Joseph Anton Koch, der in seiner italienischen Landschaft einige deutschstämmige Fischreiher und Pflanzen ansiedelte, stilistisch direkt aus der Donauschule des 16. Jahrhunderts übernommen.
Es ging den Künstlern nicht um ein Europa als »Gemeinschaftsutopie«, wie es im Katalog heißt. Vielen ging es noch nicht mal um die Erkundung der Nachbarländer, um Geografie oder Volkskunde (so malte Friedrich den Juno-Tempel von Agrigent, ohne jemals in Griechenland gewesen zu sein). Vielmehr begeisterten sie sich für ferne Zeiten und Länder, weil sie sich von ihnen eine Erneuerung erhofften, geistig und ästhetisch.
Philipp Otto Runge zum Beispiel. Er wird in der Ausstellung, die in 12 Regionalkapitel unterteilt ist, unter Skandinavien verbucht. Dabei kündet sein Großer Morgen nicht von nationalen Eigenheiten, sondern von den Farbtheorien des Künstlers und von seinem Traum von einer neuen Ganzheit. » Entsteht nicht ein Kunstwerk«, fragte er, »nur in dem Moment, wann ich deutlich einen Zusammenhang mit dem Universum vernehme?« Runge wollte jene Regionalismen überwinden, auf die ihn die Ausstellung nun festlegt.
Sie begrenzt, wo sie von Entgrenzung erzählen will. Um jeden Preis müssen alle Regionen Europas in der Ausstellung vorkommen, sogar jene, an denen die Künstler nicht weiter interessiert waren. Russland etwa, das nun von unbedeutenden Porträts und einem Arbeiterbild von 1920 vertreten wird. Oder Belgien, das sich von schlimm verschmockten Historienbildern repräsentieren lassen muss. Die einzig erkennbare »europäische Idee« dieser Ausstellung ist denn auch eine falsche Harmonisierung. Sie zeigt erhabene Landschaften und verträumte Fahrensleute, von den Konflikten hingegen, von den Auf- und Umbrüchen gibt es fast nichts zu sehen als wäre Europa im Reich der Kunst immer schon befriedet gewesen. Es war ein »praktiziertes Paradies«, schreibt der Kurator Bernhard Maaz. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs habe den »kulturell zuvor so harmonischen Kontinent« aufgestört.
Wie unharmonisch es in Wahrheit schon im 19. Jahrhundert zuging, zeigen Goya, Manet, Courbet, die aber nicht in der Ausstellung vorkommen. Ihre Bilder erzählen von einem Jahrhundert der Unruhe, der Gewalt und Unterdrückung. Dass die deutschen Künstler davon nicht viel spiegelten, mag daran liegen, dass ein »riesiger Abgrund uns von Frankreich trennt, was die Kunst und den Geschmack betrifft«, wie ein Zeitgenosse Ende des 19. Jahrhunderts vermerkte. Allerdings war auch das nur ein Teil der Wahrheit.
Die Brüsseler Ausstellung zeigt viele erstaunliche Bilder, etwa Carl Rottmanns Schlachtfeld von Marathon, eine aufgewühlte Landschaftsstudie, der Himmel bräunlich verfinstert, die Erde ebenso.
Doch werden auch Werke wie dieses hineingepresst in ein thematisches Korsett, und ausgerechnet drei der mächtigsten deutschen Museen, aus Berlin, Dresden und München, haben dieses Korsett geschnürt. Sie spannen die Kunst ein für pseudopolitische Schönfärberei und liefern auch noch einen blamablen Katalog ab, inhaltlich so dünn wie dick an Seiten. Dem Besucher bleibt da nur die Freude an der Kunst. So üppig ist das 19. Jahrhundert sonst selten zu sehen, nie haben die drei Museen ihre Bilder gemeinsam gezeigt. Wenn das die »europäische Idee« wäre mehr davon!
Bis zum 20. Mai, der Katalog kostet 39,80
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- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.50
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