»Unsere« Deutschen
Sie recherchieren für Vertriebene deren Geschichte und begleiten sie auf Reisen in die Heimat. Trauen sich die Menschen denn nicht allein nach Polen?
Sie trauen sich tatsächlich nicht. Die Sprache ist das erste Hindernis, das zweite ist die Scham: Vielen Vertriebenen ist bewusst, dass mit ihrem Schicksal Politik betrieben wird, und sie wollen nicht in eine bestimmte Ecke gestellt werden. Und natürlich gibt es immer noch die alten Vorurteile etwa dass man nach Polen besser nicht mit dem eigenen Auto fahren sollte.
Was für Menschen wenden sich an Sie?
Meist fragen nicht die Vertriebenen selbst, sondern ihre Nachfahren bei uns an gerade jetzt, nach dem ARD-Kriegsdrama Die Flucht, werden wir mit Post überschüttet. Es sind viele Deutsche darunter, aber auch Menschen, die heute in der Schweiz, in Österreich, Australien, in Israel und den USA leben. Ihre Eltern oder Großeltern haben ihnen viel über ihre alte Heimat erzählt. Dadurch wurden die Kinder oder Enkel neugierig, sie möchten dem nachgehen. Fast immer wird dann ein runder Geburtstag, der siebzigste etwa, zum Anlass genommen, um die Reise zu den Wurzeln der Familie zu machen und jene Orte aufzusuchen, die sie aus den Erzählungen kennen. Meist sind das die Häuser, in denen ihre Vorfahren aufgewachsen sind.
Wie kam es denn zu Ihrer so speziellen Reiseagentur?
Die Idee entstand vor drei Jahren, als die Preußische Treuhand ehemalige deutsche Besitztümer in Polen einklagen wollte und damit für politische Spannungen sorgte. Zur selben Zeit hatte ein Student der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) seine Familie in ihre alte Heimat begleitet. Es war das erste Mal, dass sie in Polen waren.
Er hatte sich zuvor in die Geschichte des Ortes eingearbeitet und dolmetschte auf der Reise. Wir haben uns überlegt, dass man das auch für andere machen könnte. Im Vorfeld haben wir von der Studenteninitiative uns mit der Geschichte befasst, Exkursionen in die einstige Neumark, nach Ostpreußen und Hinterpommern gemacht, haben dort Kontakte geknüpft und Stadtführungen konzipiert.
Wie gehen Sie vor?
Oft kennen die Leute nur noch den Namen des Ortes. Wir versuchen dann die genaue Adresse herauszufinden, schauen, ob das Haus noch existiert, ob jemand darin lebt und ob man zu den Bewohnern Kontakt aufnehmen kann. Wenn es in der Nähe ist, etwa in der Neumark, reisen wir vorab schon hin und stellen uns vor. Unser großes Plus ist, dass wir fließend Polnisch sprechen und gut erklären können, was wir wollen. Dadurch können wir vielen Menschen die Angst nehmen.
Die Angst vor Besitzansprüchen?
Die gibt es mittlerweile nicht mehr. Viele in der Grenzregion, die wir besucht haben, haben zu uns gesagt: Wir haben schon lange auf »unsere« Deutschen gewartet. Die Menschen sind sich bewusst, dass ihr Haus mal jemand anderem gehört hat. Einige warten schon darauf, dass sie endlich erfahren, wer der Vorgänger war. Und wie er sich dazu verhält.
Viele sind sehr stolz, dass sie die Vertriebenen einladen können, und sie wollen auch etwas von sich erzählen. Deshalb ist es wichtig, dass Leute, die dorthin reisen, auch zuhören können.
Die Begegnungen mit der alten Heimat sind sicher sehr emotional.
Ja, wir erleben Freude, aber auch Erschütterung. Im Oktober haben wir eine Familie bei ihrer Reise zum Hof der Großmutter nach Schlesien begleitet. Die ganze Fahrt über haben die Kinder und Enkel erzählt, wie schön es dort sei und was es dort alles gebe. Sie kannten den Hof nur aus den Geschichten der Großmutter, es baute sich ein idyllisches Bild auf. Und als sie dann ankamen, war alles verfallen. Das war eine sehr schwierige Situation. Andererseits gibt es auch schöne Momente.
Bei einem Besuch in der Neumark hatte die polnische Familie einen großen Tisch im Garten gedeckt, mit Kaffee und Kuchen. Sie hatte auch Bilder rausgesucht und die Nachbarn eingeladen. Es war ein richtiges Familienfest.
Stoßen diese Begegnungen etwas an?
Teilweise. Manche versuchen nur ihr Bild in der Erinnerung bestätigt zu bekommen und kümmern sich nicht um die Umgebung. Andere nehmen ihre Familiengeschichte und den Besuch als Anlass, sich mit Polen oder Osteuropa zu beschäftigen, und das ist genau unser Ansatz: über den Zugang zur Familiengeschichte auch etwas über die polnische Gegenwart zu vermitteln. Viele haben nach ihren Heimatreisen angefangen, Polnisch zu lernen. Und auch die Polen sind hinterher erleichtert, »ihre« Deutschen kennengelernt zu haben, und wollen in Kontakt bleiben.
Wie lange dauern diese Reisen?
Im Durchschnitt drei Tage. Die 14 Studenten arbeiten ehrenamtlich, aber als Aufwandsentschädigung verlangen wir rund 150 Euro pro Tag.
Dazu kommen noch einmal die Kosten für Fahrt, Hotel und Verpflegung.
Wir führen dann immer noch durch den Ort, gehen in die nächste Stadt, schauen uns das Heimatmuseum an. Oder die Natur. Ich habe ohnehin das Gefühl, dass die Deutschen seit der Aufnahme Polens in die EU mehr Lust haben, in Richtung Osten zu reisen.
Interview: Christine Böhringer
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.82
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