Beziehung Männerbund fürs Leben
Vater und Sohn: Wie spielt man diese Rollen heute? Eine Rundreise durchs Vaterland der Gefühle.
Immer derselbe Mann: Der Lebenslauf eines Gefühls.
Der Vierjährige: Ein Spaziergang über Stock und Stein, Wiesen, ein Bach, Wälder. Der Vater hat ihn an der Hand, sie reden, welches Tier sie sein möchten. Das Gewitter überrascht sie auf halbem Weg, es ist kein Unterschlupf in der Nähe. Und genau das ist der Moment, daran erinnert er sich bis heute: wie der Vater ihn unter seinen Mantel nimmt, dieses wahnsinnige Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit. Er weiß noch heute, wie es dort gerochen hat, der nasse Lodenstoff, das Aftershave des Vaters. Später, viel später, längst ein Erwachsener, in der Nacht vor einer schweren Operation, holte er sich diese Szene in Gedanken her, auf der Suche nach Beruhigung. Ein bisschen hat es funktioniert.
Gratulation, da ist dem Papa was gelungen. Wie leicht hätte der Kleine diese Situation als beklemmend empfinden können – und sie Jahrzehnte später in der Psychotherapie durcharbeiten müssen.
Welcher Vater möchte nicht seinem Sohn so ein gutes Gefühl weitergeben, das ein ganzes Leben hält. Glückssache?
Der Zwölfjährige: Mit dem Vater im Arbeitszimmer, ein steinernes Gesicht hinter Tabakrauch, ernste, harte Sätze. Weggelaufen war er, nach der Schule einfach abgehauen, zusammen mit einem Freund, keine Lust mehr auf den ganzen Scheiß, ein Tag und eine lange Nacht am See, eigentlich mehr ein Joke, das Ganze. Aber zu Hause die Polizei, die Angst der Mutter. Und jetzt der Vater: Wenn du hier nicht leben willst, wirst du woanders leben. Die Prospekte von Internaten auf dem Schreibtisch. Er sagte kühl und bestimmt, nicht böse: »Wir werden die Entscheidung gemeinsam treffen, wohin du gehen wirst.«
Das Gefühl war ein Schock, der ganze Körper kalt: zum ersten Mal kein Kind mehr, zum ersten Mal das Gefühl, Konsequenzen tragen zu müssen für das, was man getan hat.
Der 19-Jährige: Diesmal hatte er dem Vater was mitzuteilen, diesmal hörte der Vater zu. Es war bei einer Autofahrt, von München nach Starnberg, eine knappe halbe Stunde. Er weiß noch genau, dass er schnell auf den Punkt kommen wollte und dass seine Stimme, zumindest glaubt er das bis heute, zitterte: Ich mache es nicht, ich mache die Lehre nicht, ich gehe nicht in deine Firma, werde nicht dein Nachfolger, sorry, aber ich habe andere Vorstellungen von meinem Leben, andere Pläne. Der Vater sagte: Wenn du das so siehst, respektiere ich das. Ja, sagte der Sohn. Dann schwiegen sie. Das Gefühl war, dem Vater wehzutun. Auch zu sagen: Ich will nicht das Leben führen, das du geführt hast. Trotzdem: nicht nur unangenehm, das Gefühl, sich abzugrenzen.
Der 28-Jährige: Die Tischtennisplatte auf der Terrasse, wie früher. Der Vater führt 19:17. Er hat eine dunkelblaue Trainingsjacke an, sieht gut aus. Fünf Spiele machen sie, wollen gar nicht aufhören, weil es so knapp zugeht. Man weiß lange nicht, wer gewinnt. Darum ging es immer bei den beiden, wenn sie spielten: Wer gewinnt?
Der 41-Jährige: Er darf das Zimmer nicht betreten, wenn der alte Mann und der kleine Junge nebeneinander vorm Kaminfeuer sitzen. Niemand darf reinkommen. »Wir müssen übers Leben reden, wichtige Dinge besprechen«, sagt der Opa, und der Enkel schaut an ihm hoch und nickt. Sie machen immer ein ziemliches Geheimnis aus ihren Sitzungen. Einmal dringt ein Thema durch: Opa erzählt vom Staat der Kühe, von ihrem gefürchteten Geheimdienst, von ihren Regenmänteln und Hubschraubern. Nur durch die Glastür sind die beiden immer zu besichtigen: sein Sohn und sein Vater. Ein friedliches Bild. Die anderen Bilder liegen oben im Arbeitszimmer, Röntgenbilder. In den kommenden Wochen und Monaten wird er seinen Vater bei der Chemotherapie abliefern, zu Spezialisten fahren, helfen, den dünn gewordenen Körper in eine Kernspinröhre zu schieben, auf der Intensivstation Nachtwache halten.
Der 42-Jährige: Begegnung mit einem alten Arbeitskollegen im Gang vorm Büro. »Ich hab von Ihrem Vater gehört«, sagt er. »Mein Beileid. Wie geht es Ihnen? Das ist der wichtigste Einschnitt im Leben eines Mannes, der Tod des Vaters.«
Vater und Sohn. Und umgekehrt. Was bedeutet es für die Beziehung der beiden, dass sie Männer sind? Viel bedeutet es, weil die beiden ein ganz eigenes Terrain haben oder hätten. Und dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob sich Vater und Sohn in der sogenannten klassischen Familienkonstellation befinden oder in einer der verschiedensten Formen der Patchworkfamilien.
Momente der Erziehung. Ein Junge spielt in seinem Zimmer Fußball. Er hat eine Wand des Zimmers frei geräumt, benutzt sie als Tor. Allein spielt er, er ist Linksaußen, Torwart, Trainer und Reporter zugleich. Jeden Tag spielt er, stundenlang, die Tür ist zu, er will dabei nicht gestört werden. Draußen die Mutter, lachend, kopfschüttelnd, was macht der Junge da? Der Vater weiß es, und zwar ganz genau, er weiß, dass das gar kein Zimmer mehr ist, sondern der Hexenkessel eines vollen Stadions, wo sein Junge gerade aus unmöglicher Position das entscheidende Tor schießt, alles ist aufgehoben, die Zeit, der Raum, ein Gänsehautgefühl, und der Vater braucht den merkwürdigen Geräuschen aus dem Kinderzimmer nur zu lauschen – und hat es auch.
Anleitung zum Männlichsein, Nummer eins: Es gibt ein Terrain, das für Vater und Sohn reserviert ist. Es ist abgesteckt durch das Bewusstsein, gleiche Gefühle, Sehnsüchte, auch Gefährdungen zu haben. Dieses Terrain entsteht nicht von selbst, verschwindet auch schnell, wenn man nicht aufpasst und sich nicht darum kümmert. Und die Reservierung muss beachtet werden: Hier darf nicht jeder rein.
Eine Szene bei einer Aufführung an einem Gymnasium. Die Schülerinnen und Schüler der fünften Klassen spielen eine moderne Version von Huckleberry Finn. Ein Sohn spielt ziemlich gut den Tom Sawyer auf der Bühne, und sein Vater sagt in der Pause: »Ich denke oft darüber nach, was ich als Mann an meinen Sohn weitergeben kann, ich will das nämlich, ich hab mir das richtig vorgenommen.« So, wie er das gesagt hat, klang es ein bisschen, als würde er sich aufmachen, eine alte ägyptische Stadt auszugraben. Und ein bisschen ist es auch so. In Sachen Männlichkeit müssen wir anfangen zu graben.
Wo gräbt man da? Und in welche Richtung? Was ist es denn, was ein Vater an seinen Sohn weitergeben kann? Beim Vater der beiden Autoren waren zwei Dinge dabei: die Definition, was Mut ist – und der Ratschlag, wie man mit der Polizei umgeht, wenn man verhaftet wird.
Unser Vater war zehn Jahre alt, die Nazis hatten schon Zeit gehabt, ihr Männerbild in die deutschen Hirne zu trommeln. Die Veranstaltung hieß »Mutprobe«: ein großes städtisches Schwimmbad, Schüler, Lehrer und Eltern aus der ganzen Stadt, Mädchen am Beckenrand – und Rettungsschwimmer. Denn die Mutprobe galt den Buben, die nicht schwimmen konnten. Einer nach dem anderen wird über Lautsprecher aufgerufen, klettert auf den Dreimeterturm, geht zittrig vor ans Ende des Sprungbretts – und springt unter dem Gejohle und Gekreische der Masse in die Tiefe. Auch unser Vater. Ein einziger Junge stand vorn am Sprungbrett und sagte: »Nein. Ich springe nicht.« Die Leute lachten ihn aus und schrien »Feigling!«. Auch unser Vater. Genau dafür schämte er sich später, und genau das wollte er uns mitteilen: Der, der nicht gesprungen ist, war mutig. Und er, der gesprungen ist und massenkonform mitgehänselt hat, war feige.
Die Sache mit der Polizei war ihm ähnlich wichtig. Sie hatte damit zu tun, dass er einige Jahre Polizeireporter bei der Süddeutschen Zeitung war. Er war bei vielen Verhaftungen dabei, saß in unzähligen Verhören mit am Tisch. Damals ging das noch, damals durften Journalisten das noch. Er zog daraus für sich vor allem eine Lehre: Geständnisse jeder Art bringen gar nichts. Merkt euch das fürs Leben, das war sein voller Ernst: Wenn ihr verhaftet werdet, dürft ihr niemals, auf keinen Fall etwas zugeben. Nicht hinhören, wenn von mildernden Umständen die Rede ist, von angeblich längst Bewiesenem. Immer alles abstreiten, alles. Ein Geständnis ist immer ein Fehler.
Dass die Tatsache, dass man überhaupt verhaftet wird, vielleicht nicht so toll ist, war nicht sein Thema.
Anleitung zum Männlichsein, Nummer zwei: Was ein Vater an seinen Sohn als Mann weitergibt, lässt sich nicht auf eine Formel bringen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Es ist sicher wichtig, was es im Einzelnen ist, aber das Wichtigste ist, dass es überhaupt geschieht. Dass dieser Dialog stattfindet. Jeder sollte sich fragen, warum er ihm aus dem Weg geht. Weil der Dialog unzeitgemäß ist, aus der Mode gekommen? Oder ist es in Wahrheit nicht so, dass man ihm aus dem Weg geht, weil es bequemer ist?
Eine junge Mexikanerin, beschäftigt bei den UN in Rom, hat einem der beiden Autoren eine Begebenheit aus ihrer Familie erzählt: An dem Tag, als ihr Bruder 18 wurde, ging der Vater mit ihm ins Bordell. Wie um ihm zu sagen, jetzt bist du ein Mann, und ein Mann muss wissen, was in einem Bordell läuft. Das wurde in der Familie regelrecht verkündet. Der Vater war ein Wissenschaftler, vom Typ eher ein Schöngeist, klein, schmächtig, schildert die Tochter.
Und was hat sie dabei gedacht? Da lacht sie. Sie fand das völlig in Ordnung. »Ich war neidisch auf die Jungs, als sie loszogen. Die beiden hatten da was gemeinsam, und ich war ausgeschlossen.«
Man mag diesen Ausführungen der Mexikanerin mit Sympathie oder Skepsis folgen, jedenfalls war sich hier einer ganz sicher, was er seinem Sohn vermitteln will. Und es müsste eigentlich eine Binsenweisheit sein: Wenn es um Sexualität geht – wer soll davon reden, wenn nicht der Vater? Oder ist reden hier das falsche Wort? Noch mal kurz zurück zu dem mexikanischen Wissenschaftler: Er hat seinem Sohn eine Erfahrung geschenkt und bezahlt. Eine eigene Erfahrung. Und er kam mit, um ihm zu zeigen: Ich finde das in Ordnung, das gehört dazu.
Momente der Erziehung. Einem Menschen etwas zum ersten Mal zeigen – das muss bei Gott nicht immer der Vater tun. Aber das könnte eine seiner Domänen sein, hier könnte das Terrain Vater und Sohn ein gutes Fundament bekommen. Schwimmen lernen, den ersten Anzug kaufen, wie binde ich eine Krawatte, wie isst man eine Auster, zum ersten Mal ins Theater… Der englische Schriftsteller Nick Hornby ist ein Scheidungskind, die Wochenenden mit seinem Vater empfand er als Horror: »Wir wussten beide nicht, was wir miteinander anstellen sollten.« Aber dann: Hornby war acht, der Vater nahm ihn zum ersten Mal mit ins Fußballstadion zu Arsenal London. Von diesem Augenblick an, sagt Hornby, war alles anders zwischen ihm und seinem Vater. »Wenn wir uns sahen, gingen wir ins Fußballstadion, und es war wunderbar. Und sonst sahen wir uns nicht.«
Nicht immer geht der Gang ins gemeinsame Terrain so konfliktfrei vonstatten… Wir anonymisieren an dieser Stelle unsere Quelle und berichten von einem legendären Familienstreit. Der Vater hatte Großes vor mit seinem dreijährigen Sohn. Ein Sonntagvormittag, er wollte ihm zum ersten Mal einen Elefanten zeigen. Allein die Vorstellung bereitete dem Vater großes Vergnügen, Menschenskind, wie wird das den Kleinen umhauen, wenn das riesige Tier mit dem Rüssel vor ihm steht. Es begann vielversprechend, die kleine Familie betrat den Zoo, und der Kleine war sofort begeistert und steuerte auf eine Ansammlung von Tauben zu, die um eine Parkbank herumflatterten. Süß, der Bub, dachte der Vater und ließ ihn zwischen den Tauben am Boden sitzen und spielen. 10 Minuten, 20 Minuten, zwischendrin mal der Satz »Komm jetzt, wir gehen doch noch zu den Elefanten«. Hier fiel zum ersten Mal das Schlüsselwort, das die nächsten Stunden beherrschen sollte, erst gesagt, dann geschrien, schließlich von dem Jungen am ganzen Körper zitternd herausgebrüllt: »Taubi!«
Vielleicht macht es auch hier Sinn, die Geschichte vom Ende her zu erzählen. Am Abend sah die Lage so aus: Der Vater schwor, nie wieder irgendetwas mit seinem Sohn zu unternehmen. Die Mutter wollte sich scheiden lassen, weil sie ihrem Mann die Brutalität nie zugetraut hätte, mit der er schließlich, weg von den Tauben, durch den halben Zoo den schreienden Kleinen (»Taubi!«) zu den Elefanten zerrte. Der Sohn machte am Ende dieses langen Tages noch den besten Eindruck. Er schlief irgendwann über dem Bilderbuch Wie heißt dieser Vogel? ein.
Wer hätte das auch voraussagen können, dass der Elefant bei dem Jungen keine Chance haben würde gegen die Taube? Eine hübsche Metapher. Sie steht für die Hoffnungslosigkeit, zu glauben, man könne wissen, wie die Tat des Vaters letztlich beim Sohn ankommt.
Alles in unserer Gesellschaft ist auf Wirkung aufgebaut, möglichst schnell, alle reden von Feedback-Orientierung, man will Ergebnisse sehen. Und es sind die Männer, die die Regeln dieses Spiels predigen, Wirkungsanalysen, Effizienz als Messgröße und Entscheidungsgrundlage. Bei ihren Kindern müssen sie sich davon schleunigst verabschieden. Erziehung heißt dauernd senden, der Empfang wird nur selten bestätigt. Den Applaus, den man eigentlich haben will, bekommt man nie. Dass sich die Mühe lohnt, die man sich macht, dass die Ideen gut sind, die man hat, dass irgendeiner mal sagt: Du bist ein guter Vater. Man schießt Leuchtraketen ins Dunkel, eine nach der anderen, und weiß nicht: Werden sie überhaupt gesehen?
Anders formuliert: Ob etwas zum Trauma wird, ob etwas ein Joker war, man wird es vielleicht nie erfahren, vielleicht stellt es sich erst in 20 Jahren heraus. Wenn man Vaters Arbeitsplatz beschreiben müsste: Diese Ungewissheit aushalten, das muss der Mann können.
Vater und Sohn. Jetzt umgekehrt. Jetzt aus der Sicht des Sohnes.
Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre wuchs unter Frauen auf, bei seiner Mutter und mehreren Tanten, der Vater war früh gestorben – so beschrieb er es in seiner autobiografischen Erzählung Die Wörter. Und er erklärte immer, unter dieser Tatsache habe er gar nicht gelitten, im Gegenteil, das könne er nur empfehlen, ohne Vater aufzuwachsen, das sei super für die eigene Mannwerdung. Klang seiner Biografin Cohen-Solal etwas zu glatt, diese Version. Sie fuhr in das Dorf, wo Sartre aufgewachsen war, und fand noch einige sehr alte Leute, die die Familie gekannt hatten. Wie bitte? Der Vater früh gestorben? Von wegen. Der war immer da und ist ziemlich alt geworden.
Sartre hat also im Umgang mit seinem Vater eine besondere Methode gewählt: Er hat ihn gelöscht. Man kann wohl mit Fug und Recht, ohne in die Sartre-Forschung einzubrechen, behaupten: Er wollte sich keine Sekunde öffentlich mit diesem Thema befassen: Wie viel Vater steckt in mir?
Es gibt Söhne, die ein Leben lang ihre Väter für eigene Probleme verantwortlich machen. Weil sie nie abgeholt wurden, wenn sie vom Skilager zurückkamen, weil sie immer die falschen Geschenke bekommen haben, weil sie mit ihren Vätern nie wirklich reden konnten oder weil die sich lustig machten, wenn man etwas falsch machte.
Wir haben mal einen Freund erlebt, der hat wegen seines Vaters seine große Liebe verlassen, seine Universität und sein Land. Er wollte das nicht, er war total verzweifelt – und er war 27 Jahre alt. Er hat eine Nacht lang getrunken und uns heulend erklärt: »Ich kann das meinem Vater nicht sagen, ich kann nicht.« Er konnte ihm nicht sagen, dass er den Plan des Vaters ändern wollte, den der schon vor Jahren für ihn ausgearbeitet hatte. Die ersten Semester studierst du dort, dann weiter in Shanghai.
Wir kennen den Vater auch, ist ein ziemlich harter Brocken, wie man so sagt. Aber: Muss man von einem 27-Jährigen nicht verlangen, dass er über sein Leben selbst bestimmt? Dass er seinen eigenen Weg durchsetzt? Wie viel Vater darf von mir Besitz ergreifen?
Anleitung zum Männlichsein, Nummer drei, diesmal formuliert für den Sohn: Abgrenzung ist wichtig, auch die vom eigenen Vater. Entgegentreten, sich behaupten, sich Respekt verschaffen, das sind die Wörter, die Markierungssteine. Man muss dem Vater etwas wegnehmen, Macht zum Beispiel, ihm, dem Mächtigsten von allen, und Verantwortung muss man ihm wegnehmen – und alles in den eigenen Rucksack packen. Der Münchner Psychologe und Therapeut Wolfgang Schmidbauer hat dafür sogar eine Formel aufgestellt, das 50-Prozent-Gesetz: In 50 Prozent meines Lebens, der Hälfte also, hat mein Vater nichts zu suchen. Wirkt vielleicht etwas grob, sagt auch Schmidbauer, er betont aber, dass diese Aufteilung hilfreich sei. Er hat mit Hunderten von Patienten den Vater bearbeitet.
Monolog in einer Bar in Zürich.
»Jetzt will ich dir mal sagen, wie dieses beschissene Leben läuft. Erst leidest du unter deinem Vater, weil er so dominant ist, das dauert die ersten 20 Jahre. Dann stemmst du dich gegen ihn und versuchst, ein eigner Kerl zu werden, da sind schnell noch mal zehn Jahre weg. Inzwischen bist du selber Vater und unterdrückst deinen Sohn. Gerade wenn das mit deinem eigenen Vater endlich einigermaßen okay ist, wird er krank. Ärztewartezimmer, dann Krankenpflege, schließlich Sterbebetreuung: noch mal zehn Jahre. Und dann, wenn du gerade über den Schmerz und die Trauer hinweg bist, dein eigener Sohn nach einem schwierigen Prozess endlich ausgezogen ist – dann, mein lieber Freund, wirst du selber krank. So läuft dieses Leben.«
Der Lebenslauf eines Gefühls. Die Biografie einer Überforderung. Liebe, Schuld, Zweifel, Wut, Mitleid, Hass, Gewissen, Angst. Und diese Gefühle haben immer einen grausamen Höhepunkt: Man steht an einem Grab.
Diese Überforderung, die den Vater und den Sohn betrifft, die auch über den Tod hinausgeht, führt zu einer Einsicht, die die Wehleidigkeit abschneidet und den Ball zu den Männern zurückspielt. Die Buddhisten haben das schon lange begriffen. Für sie ist klar, Eltern sind kein Schicksal, jeder sucht sich seine Eltern selbst aus.
Anleitung zum Männlichsein, Nummer vier: Man muss aufpassen, dass die Berge, die sich hier auftürmen, nicht zu hoch werden. Sartre hat mit der gedanklichen Auslöschung seines Vaters eine radikale Lösung gewählt, die wir nicht empfehlen. Aber das Prinzip ist richtig: Ich schau mir meinen Vater-Sohn-Stoff an und mache mich zum Herrn dieser Geschichte. Die Verletzung aus Teenagerzeiten nehme ich nicht mit in die Rente, ich erzähle sie nicht mehr, auch nicht mir selbst. Ich leide nicht mein ganzes Leben daran, dass ich meinen Vater enttäuscht habe, weil er es gern gesehen hätte, dass ich Pilot werde. Ich quäle mich nicht bei jeder Krise meines Sohnes mit der Frage, was ich falsch gemacht habe. Und wenn ich alt bin, jammere ich nicht, dass er mich zu selten besucht.
Sich zum Herrn seiner Geschichte machen heißt, eine eigene Melodie zu komponieren. Und es heißt auch, Fehler, Spannungen und Verletzungen einfach auszuhalten. Das ist das Beste, was wir tun können, für uns – und für alle anderen.
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Stephan Lebert ist ZEIT-Autor, sein Bruder Andreas Chefredakteur der »Brigitte«. Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch »Anleitung zum Männlichsein«, das am 21. März bei S. Fischer erscheint
- Datum 20.03.2007 - 06:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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