Beziehung Männerbund fürs LebenSeite 5/5

Wir haben mal einen Freund erlebt, der hat wegen seines Vaters seine große Liebe verlassen, seine Universität und sein Land. Er wollte das nicht, er war total verzweifelt – und er war 27 Jahre alt. Er hat eine Nacht lang getrunken und uns heulend erklärt: »Ich kann das meinem Vater nicht sagen, ich kann nicht.« Er konnte ihm nicht sagen, dass er den Plan des Vaters ändern wollte, den der schon vor Jahren für ihn ausgearbeitet hatte. Die ersten Semester studierst du dort, dann weiter in Shanghai.

Wir kennen den Vater auch, ist ein ziemlich harter Brocken, wie man so sagt. Aber: Muss man von einem 27-Jährigen nicht verlangen, dass er über sein Leben selbst bestimmt? Dass er seinen eigenen Weg durchsetzt? Wie viel Vater darf von mir Besitz ergreifen?

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Anleitung zum Männlichsein, Nummer drei, diesmal formuliert für den Sohn: Abgrenzung ist wichtig, auch die vom eigenen Vater. Entgegentreten, sich behaupten, sich Respekt verschaffen, das sind die Wörter, die Markierungssteine. Man muss dem Vater etwas wegnehmen, Macht zum Beispiel, ihm, dem Mächtigsten von allen, und Verantwortung muss man ihm wegnehmen – und alles in den eigenen Rucksack packen. Der Münchner Psychologe und Therapeut Wolfgang Schmidbauer hat dafür sogar eine Formel aufgestellt, das 50-Prozent-Gesetz: In 50 Prozent meines Lebens, der Hälfte also, hat mein Vater nichts zu suchen. Wirkt vielleicht etwas grob, sagt auch Schmidbauer, er betont aber, dass diese Aufteilung hilfreich sei. Er hat mit Hunderten von Patienten den Vater bearbeitet.

Monolog in einer Bar in Zürich.

»Jetzt will ich dir mal sagen, wie dieses beschissene Leben läuft. Erst leidest du unter deinem Vater, weil er so dominant ist, das dauert die ersten 20 Jahre. Dann stemmst du dich gegen ihn und versuchst, ein eigner Kerl zu werden, da sind schnell noch mal zehn Jahre weg. Inzwischen bist du selber Vater und unterdrückst deinen Sohn. Gerade wenn das mit deinem eigenen Vater endlich einigermaßen okay ist, wird er krank. Ärztewartezimmer, dann Krankenpflege, schließlich Sterbebetreuung: noch mal zehn Jahre. Und dann, wenn du gerade über den Schmerz und die Trauer hinweg bist, dein eigener Sohn nach einem schwierigen Prozess endlich ausgezogen ist – dann, mein lieber Freund, wirst du selber krank. So läuft dieses Leben.«

Der Lebenslauf eines Gefühls. Die Biografie einer Überforderung. Liebe, Schuld, Zweifel, Wut, Mitleid, Hass, Gewissen, Angst. Und diese Gefühle haben immer einen grausamen Höhepunkt: Man steht an einem Grab.

Diese Überforderung, die den Vater und den Sohn betrifft, die auch über den Tod hinausgeht, führt zu einer Einsicht, die die Wehleidigkeit abschneidet und den Ball zu den Männern zurückspielt. Die Buddhisten haben das schon lange begriffen. Für sie ist klar, Eltern sind kein Schicksal, jeder sucht sich seine Eltern selbst aus.

Anleitung zum Männlichsein, Nummer vier: Man muss aufpassen, dass die Berge, die sich hier auftürmen, nicht zu hoch werden. Sartre hat mit der gedanklichen Auslöschung seines Vaters eine radikale Lösung gewählt, die wir nicht empfehlen. Aber das Prinzip ist richtig: Ich schau mir meinen Vater-Sohn-Stoff an und mache mich zum Herrn dieser Geschichte. Die Verletzung aus Teenagerzeiten nehme ich nicht mit in die Rente, ich erzähle sie nicht mehr, auch nicht mir selbst. Ich leide nicht mein ganzes Leben daran, dass ich meinen Vater enttäuscht habe, weil er es gern gesehen hätte, dass ich Pilot werde. Ich quäle mich nicht bei jeder Krise meines Sohnes mit der Frage, was ich falsch gemacht habe. Und wenn ich alt bin, jammere ich nicht, dass er mich zu selten besucht.

Sich zum Herrn seiner Geschichte machen heißt, eine eigene Melodie zu komponieren. Und es heißt auch, Fehler, Spannungen und Verletzungen einfach auszuhalten. Das ist das Beste, was wir tun können, für uns – und für alle anderen.

* Stephan Lebert ist ZEIT-Autor, sein Bruder Andreas Chefredakteur der »Brigitte«. Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch »Anleitung zum Männlichsein«, das am 21. März bei S. Fischer erscheint

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    für diesen wundervollen Artikel.
    :-)

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