Was erlauben Sie sich!

Ich bin maßlos enttäuscht über Ihren Beitrag, aber wirklich maßlos! Er gehört unter die Rubrik »Altersdiskriminierung«. Was erlauben Sie sich, so über die Senioren/Innen herzuziehen? Ich wünsche Ihnen viele Überstunden und viel Mehrarbeit (natürlich ohne zusätzliche Bezahlung).

Marianne Reiter, Seniorenvertretung Köln

Susanne Gaschke hat recht. Hier ein paar Beispiele aus meinem Umfeld von »nervenden« Alten, die meine Generation (Jahrgang 1969) provozieren:

Wehe, man wagt sich mit seiner Familie einmal zu den inoffiziellen Seniorenzeiten also morgens ins Schwimmbad: Meine acht und zehn Jahre alten Söhne haben keine Chance. Ob Dusche oder Massagestrahl, es vergeht keine Minute, bis sie von einem »Best Ager« barsch angewiesen werden, jetzt mal endlich Platz zu machen.

Aber profitiert unsere Generation nicht auch von den »helfenden Großmüttern« (Schirrmacher)? Sicherlich wenn sie mal Zeit haben!

Neulich klagte ein Freund, dass er nicht wisse, wo er seinen zweijährigen Sohn unterbringen soll - seine Eltern seien kurzfristig in Urlaub gefahren, das fünfte Mal in den letzten zwölf Monaten

Was ist da zu machen? Ich gehe in den Keller, lege eine alte Vinylscheibe auf: 1970 spielten The Who den Young Man Blues: »Its the old man, who has got all the money / And the young man has got nothing these days fuck all.«

Dr. Olaf Hähner, Olpe

Susanne Gaschke hat eine große Gruppe der »jungen Alten« vergessen oder unterschlagen. Mein Mann (Lehrer mit 40 Dienstjahren) und ich haben drei Kindern ein Studium ermöglicht (eins mit Promotion).

Zurzeit unterstützen wir noch den Sohn, der bis jetzt keine Anstellung gefunden hat und meine 99-jährige Mutter im Pflegeheim seit fast sieben Jahren. Vorher haben wir sie fünf Jahre rund um die Uhr zu Hause gepflegt - bis ich buchstäblich am Ende war.

So wie uns geht es vielen »Alten« in unserem Bekanntenkreis. Wir meinen, genug für diesen Staat und die jungen Leute getan zu haben, und hoffen, die verdiente Pension irgendwann zu zweit genießen zu können.

Margret Thiemann, Wermelskirchen

Sie sind jung und versuchen die Alten zu verstehen, sie auch zu kritisieren. Na ja, ich muss mich, als Hochbetagte 74 Jahre alt ja nicht betroffen fühlen, tue es aber doch. Schon allein Ihre Eingangsschilderung einer Seniorengruppe im Zug. Bisher bemerkte ich nicht, dass wir schlechte Manieren an den Tag legen.

Was Sie über die so genannten 68er schreiben, die nun mit 60 und früher in den Ruhestand gehen und denen es aufgrund ungebrochener Erwerbsbiografien recht gut geht, zumal wenn sie keine Kinder haben, mag schon so sein. Aber dass deren Zeitreichtum unanständig sei, diese Meinung teile ich nicht. Unanständig ist es, gesunde Menschen mit 55 bis 60 aus dem Erwerbsleben mit Hilfe der Politik hinauszukatapultieren. Dass sich sehr viele dieser jungen Alten dann marktgerecht (siehe Werbung) verhalten, mag man beklagen, aber einen Vorwurf kann man ihnen daraus nicht machen.

Beneiden sollte man die Alten nicht um ihren Zeitreichtum, denn ihre Zeit hat nur eine kurze Zukunft. Ja, liebe Junge, so sehr solltet ihr euch nicht auf den Ruhestand freuen, denn »husch gehört man zu denen, die man durchfüttern muss - dass man das schon früher auch tun musste, was solls!

Sie haben recht, liebe Susanne Gaschke, ein Dasein der totalen Muße ist nicht gesund. Am besten, man stellt sich rechtzeitig darauf ein, es nicht dazu kommen zu lassen - zu tun gibt es in dieser Gesellschaft genug. Und vielleicht fühlen sich die späteren Alten dann nicht mehr als Belastung der Gesellschaft, so wie wir jetzt.

Dorle Riehl, per E-Mail

Wollte man nach der holzschnittartigen Methode von Frau Gaschke ein Bild der »Mittleren« entwerfen, denen sie sich selbst zurechnet, könnte dies etwa so aussehen:

Von wegen Generation Golf! Ein BMW 3er sollte es schon sein, schließlich ist man ja Leistungsträger. Und finanziert mit seinen Steuern die Fettlebe der Rentnerheere. Selbst ihre überflüssigen Vergnügungsstätten wie Konzertsäle, Opernhäuser und Theater, die unsereiner überhaupt nicht braucht, subventionieren wir aus unseren Steuermitteln. Wozu eigentlich? Unsereiner finanziert die Kulturevents, an denen er teilnimmt, Musicals und Popkonzerte, schließlich auch selber. Wenn wir Leistungsträger nur nicht unter dieser drückenden »Zeitarmut« leiden würden. Schließlich will die Kohle für das Penthouse und ein herzeigbares Auto und präsentable Klamotten und den neuesten Laptop und das Essen beim Japaner und so weiter und so fort herangeschafft sein. Da für richtigen Urlaub auch keine Zeit ist, bleibt höchstens mal ein Shopping-Wochenende in New York.

Klaus Fischer, München

Ihr Artikel hat in mir so einige Minen losgetreten. Ich schwanke zwischen Wut- und Lachanfall.

Werteorientierung in unserem Lande: Ganz oben auf der Skala steht JUNG SEIN, Anti-Aging ist in aller Munde. Angst davor, alt zu werden, ist spätestens ab vierzig vorgegeben. Die Jungen und die Alten nerven. Und was ist mit der Spaßgesellschaft, deren Statussymbole Gut, Geld und Karriere den Geist prägen?

Jede Generation erntet, was sie sät. » Und die Geister, die ich rief« wusste schon Goethe, sind wie Rotz an der Backe, nicht abzukriegen.

Also, was soll das Gejammere? Das ist das Leben, und es ist gut, wie es ist. Ohne diese »Wildwüchse« könnten wir Menschen doch gar nicht erkennen, wo der wahre Sinn des Lebens ist. Mit meinen 72 Jahren habe ich viele Lebenslehren durchlaufen, und ich sehe das alles sehr gelassen.

Gudrun Morhoff-Marwitz, Nürnberg

Warum soll ich nicht nachholen dürfen, wozu ich in früherer Zeit nicht den Schimmer einer Chance hatte (nicht nur Zweit-, sondern Erststudium!)? Oder durfte und darf ich, die ich als Kind die Hitlerzeit zu ertragen hatte, die ich den in jeder Hinsicht hinterlassenen Schutt mit wegräumen »durfte«, nur in der Pflicht stehen, nachfolgenden Generationen mehr Chancen zu erarbeiten?

Hanna Leinemann, Kiel

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.20
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