Wieder auf Sendung
Saba, Nordmende, Telefunken, Schneider, Dual, Grundig. Viele der klingenden Namen aus der deutschen Unterhaltungselektronik existieren noch, doch die Fabriken wurden hierzulande längst dichtgemacht. Außer der Zirndorfer Firma Metz überlebte nur ein weiteres Unternehmen den Niedergang der einstigen Vorzeigebranche, obwohl es seine Produktion in Deutschland hielt: die oberfränkische Loewe AG im oberfränkischen Kronach.
Berühmt wurde Loewe bereits Anfang der 1930er Jahre mit dem weltweit ersten elektronischen Fernseher. Doch als es Jahrzehnte später mit der Branche bergab ging, hätte es fast auch das Traditionsunternehmen erwischt. Vor vier Jahren steckte es tief in der Krise. Quasi über Nacht war der Umsatz des Herstellers hochwertiger Fernsehgeräte um die Hälfte eingebrochen. Loewe rutschte in die roten Zahlen, das Eigenkapital schrumpfte bedrohlich, und die Banken waren drauf und dran, ihre Kreditlinien zu kündigen. Nur mit einer konzertierten Aktion von Geschäftsführung, Betriebsrat, Gewerkschaft und einem Investor gelang es, die Firma vor dem Untergang zu bewahren.
Ursache der Krise war die rasante Umstellung des TV-Marktes auf Flachdisplay-Geräte. Hochwertige Fernseher mit ausgereifter Bildröhrentechnik, wie sie Loewe im Programm hatte, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Damit saß der Konzern in der Falle. Denn die flachen Flundern hielten die meisten Kunden zunächst noch für zu teuer. » Deshalb warteten viele ab und kauften sich für den Übergang ein billiges Gerät aus Asien«, sagt Loewe-Vorstandschef Rainer Hecker.
Diese Entwicklung habe zwar die gesamte Branche getroffen. Doch wegen der Konzentration auf das Premium-Segment litt Loewe besonders unter der abwartenden Haltung potenzieller Kunden. Dass man den Boom der Flachen »verschlafen« habe, wie immer wieder zu lesen ist, will Hecker nicht auf sich sitzen lassen. » Wir hatten Plasma-TV bereits seit 1998 und LCD seit 2000 im Programm.« Nur das Tempo des Wandels hatte das Management wohl unterschätzt.
Die Sanierung kostete Opfer. Zusammen mit seinem Betriebsrat fuhr Loewe-Chef Hecker seinerzeit zum bayerischen IG-Metall-Vorsitzenden Werner Neugebauer nach München, um persönlich einen Sanierungstarifvertrag unter Dach und Fach zu bringen. Der sah einschneidende Maßnahmen vor: Kurzarbeit ohne Lohnausgleich, Streichung von 300 Stellen, einen zehnprozentigen Lohnverzicht für die verbliebenen rund 1000 Beschäftigten. Zuvor hatten die Mitarbeiter als Sofortmaßnahme ihrem Unternehmen bereits ein halbes oder ein ganzes Monatsgehalt gestundet der Vorstand eingeschlossen. Sowohl Loewe-Betriebsratschef Günter Oßwald als auch der Coburger IG-Metall-Bevollmächtigte Jürgen Apfel loben die Offenheit und Kooperationsbereitschaft der Unternehmensleitung. » Der Vorstand hat von Anfang an die Karten auf den Tisch gelegt«, sagt Oßwald. » Wir waren immer davon überzeugt, dass es der Unternehmensleitung nicht um die reine Ertragssteigerung ging, sondern um das Erhalten von Arbeitsplätzen und die Sicherung des Standortes. «
Drastische Kostensenkungen waren die eine Sache, neue Perspektiven die andere. Hecker ging daran, die Produktpalette völlig umzukrempeln. Im Mai 2006 lieferte Loewe sein letztes Bildröhrengerät aus. Das Zeitalter der klobigen Kisten ist seither in Kronach vorbei. Jetzt setzt Loewe ganz auf edle LCD- und Plasmadisplays. Dazu gehören elegante Flachbildschirme, die in Möbel integriert sind oder an einer vom Boden zur Decke reichenden Stange als Raumteiler dienen können, genau wie opulente Heimkino-Technik.
Vielleicht aber wäre das alles ohne den Elektronikkonzern Sharp vergeblich gewesen. Die Japaner sind mit Loewe nicht nur als Lieferant von LCD-Displays verbunden - Loewe entwickelt im Auftrag von Sharp seit dem Jahr 2000 auch LCD-Fernseher für den europäischen Markt. Und auf dem Höhepunkt der Krise schossen die Japaner 20 Millionen Euro zu. Sie sicherten sich damit im Rahmen einer Kapitalerhöhung 28,8 Prozent der Loewe-Aktien. Damit trug Sharp wesentlich zur Rettung des Unternehmens bei und ist jetzt mit Abstand größter Einzelaktionär. Hecker schätzt Sharp-Chef Katsuhiko Machida als »strategischen Partner«, der auch eine gewisse Sicherheit vor einer möglichen Übernahme durch reine Finanzinvestoren biete.
Das Aus für Loewe konnte vor allem deshalb verhindert werden, weil man die Kostenführerschaft schon früh den konkurrenzlos billig produzierenden Asiaten überließ. Stattdessen setzte man auf Qualität.
Der erste Premium-Fernseher von Loewe, der 1985 herausgekommene Art 1, zählt heute zu den Design-Klassikern. In Zukunft will Loewe von dem weiter wachsenden Markt für Flachbildschirme profitieren. Derzeit seien erst 15 Prozent der 50 Millionen Fernsehgeräte in Deutschland auf Flachdisplays umgestellt, sagt Hecker. » Diesen Markt wollen wir uns nicht entgehen lassen.« In Europa kommt Loewe mit seinen LCD-Fernsehern derzeit auf einen wertmäßigen Marktanteil von fünf, in Deutschland auf elf Prozent.
In der hochautomatisierten Fabrik in Kronach werden die Geräte zum großen Teil von Robotern zusammengeschraubt. Die meisten Einzelteile stammen von Zulieferen: LCD- und Plasmadisplays etwa von Sharp und Hitachi, die Fernbedienungen von einem österreichischen Spezialisten.
Kunststoffteile und gestanzte Blechteile fertigen Unternehmen in der Region. Allein 130 Loewe-Mitarbeiter sind in der Entwicklung tätig.
Loewe sieht sich führend auf dem Gebiet der digitalen Signalverarbeitung, also beim elektronischen Innenleben eines Fernsehgerätes. Trotz der Produktion im Hochlohnland Deutschland beträgt der Lohnanteil an den Herstellungskosten bei Loewe nur fünf Prozent. » Damit sind wir absolut konkurrenzfähig«, sagt Hecker.
Seit 2005 schreibt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen. Im vergangenen Jahr verbesserte sich der operative Gewinn (Ebit) um 11,1 auf 13,2 Millionen Euro, was allerdings auch der Fußball-WM zu verdanken war. Von der Genesung sollen nun auch die Mitarbeiter profitieren. In diesem Frühjahr will Hecker die gestundeten Löhne zurückzahlen mit 25 Prozent Zinsen obendrauf. Und 2008 können wohl auch die Aktionäre wieder auf eine Dividende hoffen.
Audio www.zeit.de/audio
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- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.27
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