»Wir schaffen es alle«
DIE ZEIT: Was ist Ihnen momentan wichtig?
Philipp Trauer: Ganz vorne Schule, dann Cello spielen und vor allem Filme machen. Ich möchte Dokumentarfilmer werden deshalb drehe ich seit fünf Jahren fürs Medienzentrum München Reportagen und arbeite in den Ferien bei Filmproduktionen.
ZEIT: Warum gerade Dokumentarfilme?
Trauer: Weil sie meist mehr vom Leben erzählen und zum Nachdenken anregen als Spielfilme. Ich würde mich aber nicht scheuen, Szenen nachzustellen so wie Heinrich Breloer es gemacht hat in Die Manns oder Speer und Er. Es ist schade, dass Dokumentarfilme so maßlos unterschätzt werden. Man sollte die Wirklichkeit zeigen, wie sie ist.
ZEIT: Und bei welcher Person, welchem Thema haben Sie das schon mal getan?
Trauer: Ich habe mit 14 einen Film über Alois Alzheimer gemacht, den Entdecker der Krankheit. Ein Film mit vielen Schwarzweißfotos, Krankenakten, Begegnungen mit seiner Enkelin und einem Psychiater. In dem Schulwettbewerb ging es damals um Straßennamen, und Alzheimers Enkelin wohnt im Alzheimer Gassl. Dann gibts noch Filme von mir über einen Rettungshubschrauber, Schiller im Schultheater und den Münchner Hochhausstreit. Momentan schneide ich was über den Papstbesuch, alles für den Aus- und Fortbildungskanal.
ZEIT: Welche Filme sind wichtig für Sie?
Trauer: Dann doch Spielfilme Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Volver und Sophie Scholl. Das Filmische ist da sehr stark, die Liebe zum Bild, die ich auch empfinde bei Fernsehreportagen heißt es eher: draufhalten.
ZEIT: Wie oft gehen Sie momentan ins Kino?
Trauer: Überhaupt nicht. Ich schau seit Wochen nichts mehr, wegen der Schule. Davor war ich in Wer früher stirbt, ist länger tot und Wo ist Fred beides tolle deutsche Filme. Til Schweiger finde ich super. Ich schaue auch gerne Tierdokumentationen an. Ein großes Vorbild unter den Dokumentarfilmern habe ich nicht. Ich möchte eher etwas Eigenes machen.
ZEIT: Mit Dokumentarfilmen kann man kaum reich und berühmt werden.
Trauer: Ja. Drum kann es auch sein, dass ich noch in Richtung Spielfilm schwenke und mir einen Zweitjob suche. Denn ich möchte auf jeden Fall eine Familie gründen und die dann auch ernähren können.
ZEIT: Haben Sie einen Traumstoff?
Trauer: Ja, einen Film über Homosexualität in der NS-Zeit. Als Spielfilm, nicht als Dokumentarfilm.
ZEIT: Wo könnten Sie an einer Filmhochschule studieren?
Trauer: In München, Berlin oder Ludwigsburg. Aber München ist einfach die schönste Stadt, und ich will unbedingt hier bleiben. Allerdings nehmen Filmhochschulen nur Leute mit viel Praxis und durchschnittlich sehr hohem Alter, also meist über 23, und darum bewerbe ich mich erst mal an der Falkenbergschule im Fach Theaterregie und mache noch einige Praktika.
ZEIT: Beneiden Sie die Generation Ihrer Eltern?
Trauer: Ja, sehr gerade meine Eltern. Die haben beide in der zwölften Klasse abgebrochen, sind auf die Musikhochschule gegangen und haben gute Stellen bekommen. Die hatten es leichter und lange nicht diesen Druck auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.
ZEIT: Was glauben Sie: Wofür steht Ihr Jahrgang 1988?
Trauer: Wir werden es schwer haben, aber unsere Generation ist fröhlich, und deswegen schaffen wir es alle. Auch weil wir viel Ehrgeiz besitzen und etwas erreichen wollen.
Das Gespräch führte Norbert Joa
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.72
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