Zum Gruseln

Das wussten wir schon: Die kleinen Leute, die von Leitartiklern gern pauschal »Modernisierungsverlierer« genannt werden, sind die Klientel jenes Rechtspopulismus, der Europas Demokratien seit einigen Jahren heimsucht. Weil sie von der Globalisierung keinen für sie erkennbaren Nutzen haben und in der Zuwanderung von ausländischen Arbeitsmarktkonkurrenten die größte Gefahr sehen, kommen ihnen diejenigen besonders attraktiv vor, die sich um ihre Sorgen kümmern und die sie in ihren xenophoben Vorurteilen bestärken: eben die Rechtspopulisten. So ist es doch! Oder?

Offenbar nicht ganz. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des österreichischen Sozialwissenschaftlers Jörg Flecker ist der Frage nachgegangen, wie die grundlegenden Veränderungen der Arbeitswelt und der Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa zusammenhängen. Und siehe da: Die Forscher fanden auch unter den »Modernisierungsgewinnern« große Offenheit für die Botschaften der neuen europäischen Rechten.

Und sie fanden deutlich mehr Motive fürs Rechtswählen als nur Fremdenangst. Das Ergebnis der Recherchen in sieben Ländern (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Ungarn, Schweiz) liegt jetzt in zwei Bänden vor. Die englische Version umfasst die Auswertung der gesamten Studie, die deutsche Ausgabe beschäftigt sich ausschließlich mit Österreich: Die populistische Lücke. Umbrüche in der Arbeitswelt und Aufstieg des Rechtspopulismus am Beispiel Österreichs.

Der Wiener Soziologe Flecker, 47, ist der wissenschaftliche Leiter des von ihm vor 16 Jahren gegründeten Forschungsinstituts FORBA (www.forba.at), das sich auf Untersuchungen der Arbeitswelt spezialisiert hat. Die Ergebnisse seiner europaweiten Studie, durchgeführt im Auftrag der EU, hat er inzwischen mehrfach vor internationalen Gremien präsentiert. So machte er damit vor wenigen Wochen auf einer Tagung in London Furore. Dort hatten sich Vertreter sozialdemokratischer Thinktanks getroffen, um eine Art linker Gewissenserforschung zu betreiben. Da musste es auch um die Ursachen der rechtspopulistischen Erfolge gehen, die nicht nur in Österreich mit dem Verlust der linken Hegemonie zusammengefallen waren.

Die zentrale Botschaft der beiden von Flecker herausgegebenen Studien lautet: Für die Bereitschaft der arbeitenden Bevölkerung, die neue Rechte zu wählen, gibt es nicht nur einen Grund, wie die Zuwanderung.

Unzufriedenheit und negative Erfahrungen am Arbeitsplatz nicht zu verwechseln mit drohendem Arbeitsplatzverlust könnten zu einer erhöhten Bereitschaft führen, sich für populistische Botschaften zu öffnen. Wer sich im Job ungerecht behandelt fühlt, Demütigungen erlebt und trotz langjähriger loyaler Mitarbeit keinerlei Mitsprache genießt, wird so die These mit seinem Frust und seiner Wut zum Adressaten für die populistischen Verführer. Zum oft beschriebenen Phänomen der inneren Kündigung am Arbeitsplatz gesellt sich quasi die innere Kündigung gegenüber der Demokratie. Die einigermaßen funktionierende »Demokratie am Arbeitsplatz« ist somit ein Eckpfeiler für die politische Demokratie insgesamt. Keine neue Erkenntnis. Aber sozialwissenschaftlich hier vortrefflich beschrieben.

Das Besondere an Fleckers Untersuchungsmethode ist die Kombination von normalen repräsentativen Umfragen und persönlichen Tiefeninterviews mit Menschen, die nach bestimmten Kriterien ausgewählt wurden: Sie leben entweder in prekären Verhältnissen (»Unterschicht«), sind beschäftigt in objektiv vom Abstieg bedrohten Branchen oder stehen für den Typus »Aufsteiger«, sind Besserverdienende, die nach oben wollen.

Lebensgeschichten, die in Fleckers Österreichband erzählt werden, Geschichten vom Grenzgebiet der Demokratie.

Wie die vom Herrn Huber, dem Jungunternehmer aus der IT-Branche, der sich buchstäblich krumm arbeitet, inklusive Bandscheibenvorfall (mit 28 Jahren), »eine Klassengesellschaft gar nicht so schlecht« findet, aus seiner sozialdarwinistischen Weltsicht keinen Hehl macht, sich über »Sozialschmarotzer« aufregt und dem an der FPÖ gefällt, dass sie gegen die »Spielregeln politischer Korrektheit« verstößt. Darin erkennt er sich wieder, der leistungswillige Modernisierungsgewinner, der helfen würde, die rechte »populistische Lücke« zu füllen. Ein sehr lehrreiches Buch aus der Wiener Sozialforschung. Stellenweise gruselig unterhaltsam.

 
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