Die langweiligsten Geburtstagsreden beginnen so: »Ich weiß noch, wie ich den Jubilar zum ersten Mal getroffen habe …« Fangen wir trotzdem so an, um an den Ursprung einer märchenhaften Erfolgsgeschichte zu erinnern. Vor 50 Jahren begann das europäische Abenteuer mit sechs Ländern und einem »Gemeinsamen Markt«, der so gemeinsam nicht war. Im Kern war es bloß eine Zollunion, und freie Fahrt gab’s nur für Produkte, nicht einmal für Menschen, die nach wie vor ihre Pässe am Schlagbaum vorzeigen mussten. Glückwunsch, Europa! BILD

Heute sind es 27 Länder mit einer halben Milliarde Bürger – ein Vielvölkerstaat, der von Sevilla bis nach Sofia reicht, mit gemeinsamem Pass und Geld, mit freiem Verkehr auch für Kapital und Arbeit, mit eigener Justiz und Verwaltung, mit Parlamentswahlen und militärischen Eingreifkräften. Klingt immer noch langweilig, weil es so selbstverständlich ist?

Dann noch einmal zurück: Wer hätte 1957, zwölf Jahre nach dem furchtbarsten aller Kriege, vorauszusagen gewagt, dass die beiden »Erzfeinde« Deutschland und Frankreich nie wieder gegeneinander rüsten würden? Dass sich dieser Kriegskontinent nach 2000 Jahren Gemetzel in eine Festung des Friedens verwandeln würde? Zum größten Wirtschaftsblock auf Erden aufsteigen würde? Und sich als Modernisierungsmaschine sondergleichen entpuppen würde?

Denn diese viel gescholtenen »Eurokraten«, die bekanntlich auch die Krümmung von Gurken und die Höhe von Traktorensitzen bestimmen wollen, haben vollbracht, was keine Regierung aus eigener Kraft geschafft hätte. In ihrem Deregulierungsdrang haben sie Mauern und Privilegien geschleift, den harten Wind des Wettbewerbs durch einst geschützte Räume blasen lassen. Ohne Europa würden wir vielleicht heute noch mit schwarzen Wählscheibenapparaten unter staatlicher Regie telefonieren. Tatsächlich kann ein Hamburger heute billiger mit einem New Yorker plaudern als umgekehrt. Weil die EU es so will, müssen die astronomischen Handygebühren purzeln. »Nationale Favoriten« wie Banken, Airlines oder Energiekonzerne müssen europaweit um ihre Kunden kämpfen. Und wehe den Firmen, die sich zu räuberischen Kartellen zusammenrotten.

Bismarck notierte einst: Qui parle d’Europe a tort – etwa: Wer sich auf Europa beruft, handelt mit Illusionen. Nach 50 Jahren ist Europa nicht nur eine Realität, sondern auch ein Magnet, ein »Imperium«, das sich – historisch einmalig – nicht durch Gewalt, sondern durch schieres Gelingen ausdehnt. Das Mittel ist nicht die Eroberung, sondern die Einladung, welche die Türkei, die Ukraine und der gesamte Balkan liebend gern annehmen würden, wenn sie denn käme.