Europa Von wegen Alte Welt!Seite 3/3

Dezidierten Demokraten muss dies ein Gräuel sein, aber es funktioniert; per Volksentscheid wäre der Euro bestimmt nicht entstanden. Doch was funktioniert, erzeugt nicht unbedingt Leidenschaft, höchstens passive Zustimmung. Auch nicht den gemeinsamen Willen, der über die nationalen Kompromisse hinauswächst – schon gar nicht in der Außen- und Sicherheitspolitik, die den stärksten Souveränitätsvorbehalt verkörpert. Siehe zuletzt den »Raketenstreit«, der die West- von jenen Osteuropäern trennt, die ihre Unterwerfung durch die Sowjetunion nicht vergessen können. Ein strategischer Akteur wird die EU so schnell nicht werden.

Ein klassisch-demokratischer Bundesstaat auch nicht – nicht mit 27 Völkern, die fast ebenso viele Sprachen sprechen und anders als die 13 amerikanischen Kolonien uralten nationalen Narrativen lauschen. Aber eine »Midlife-Krise«? Wer in der steckt, will sein altes Leben abschütteln, will neue Partner erproben. Doch will kein Land raus aus der EU, und viele wollen rein. Europa bleibt ein funkelnder Solitär, den viele bewundern und niemand nachmachen kann.

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Die verpatzte Verfassung? Europas »tiefe Krise« (der Luxemburger Jean-Claude Juncker) beweist doch genau das Gegenteil von Siechtum: die unglaubliche Vitalität dieses »postdemokratischen« Gebildes, das mit Pragmatik obsiegt, wo es mit Paragrafen scheitert. Oder ist die EU seit dem Fiasko von 2005 etwa der Lähmung verfallen? Europa ist keine für die Ewigkeit gebaute Kathedrale, sondern ein Korallenriff, das planlos, aber unaufhörlich wächst, auch wenn gelegentlich ein Zweig abbricht.

Wohin es wachsen wird? Lassen wir uns freudig überraschen – wie so oft in den vergangenen 50 Jahren, wo auf jede Krise ein neuer Kraftakt folgte. Happy birthday!

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Leser-Kommentare
  1. ... dann braucht sie keine Feinde mehr.

    Die EU funktioniert also, weil sie sich nicht um parlamentarische Quatschbuden scheren muss. Wie schön.

    Und der 'harte Wind', der durch 'einst geschütze Räume bläst', so weit waren wir doch in den deutschen Städten schon 1945, oder? Viele Grüße an Herrn Joffe in seinem wärmegedämmten Einfamilenhaus.

    • lejuge
    • 23.03.2007 um 9:29 Uhr

    Das wichtigste jetzt in der europäischen Diskussion ist die Charta der Grundrechten bekannt zu machen.

    Wir leben schon in einem freien offenen Chartaland. Befreien wir es von seinen nationalen Vergangenheit.

    [Leider können wir nicht alle Quellen im Internet überprüfen, weshalb wir die URL aus dem Kommentar entfernt haben. gez. die Redaktion]

    • brux
    • 23.03.2007 um 11:19 Uhr
    3.

    Herzlichen Glückwunsch. Endlich mal ein deutscher Zeitungsartikel, der die EU sachlich richtig und mit der gerechtfertigten positiven Emotion darstellt. Da kann man sogar die abgedroschene Referenz auf die Gurkenkrümmung (nichts weiter als eine EU-weite Umsetzung der deutschen Handelsklassen) und die Traktorsitze (nichts weiter als einige ergonomische Mindeststandards, die auf Betreiben eines deutschen Traktorherstellers entwickelt wurden) hinnehmen.

    Besonders dankbar bin ich für die Referenz auf demos und agora. Gerade in Deutschland herrscht ein Mangel an kreativem Denken bezgl. Europa, und es gibt eine Neigung zur Selbstgerechtigkeit. Man glaubt zu gerne, dass alles besser wird in Europa, wenn man nur dem deutschen Beispiel folgt. Europa ist aber etwas völlig Neues und Anderes als die politische Organisation dieses oder jenes Mitgliedsstaates.

    Ich hoffe, wir müssen nicht wieder 50 Jahre warten, bis die Presse der EU Gerechtigkeit widerfahren lässt.

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