Einzelhandel Spätschicht im Möbelhaus
Wie die Beschäftigten im deutschen Einzelhandel mit den langen Öffnungszeiten klarkommen. Ein Fallbeispiel.
Es ist kalt und dunkel, leichter Nieselregen fällt auf den Parkplatz. Zwei Männer wuchten eine längliche Kiste in den Kofferraum ihres Kombis, eine Frau schleppt braune Papiertüten zu ihrem Golf. Freitagabend, kurz vor zehn, haben sie noch Beute gemacht: Klippan, Billy, Smörgasbröd. Und auf einmal wehen tatsächlich Takte von Abbas Dancing Queen herüber: »Friday night and the lights are low. Looking out for the place to go…«
Die letzten Kunden des Tages verlassen die Ikea-Filiale in Hamburg-Moorfleet. »Frisch eingetroffen: Die neuen Öffnungszeiten«, verrät ein Schild. Täglich bis 21 Uhr, freitags und samstags bis 22 Uhr.
Es ist so weit. Jahrzehntelang haben große Handelskonzerne das deutsche Ladenschlussgesetz attackiert und es schließlich geschleift. Erst fiel der Samstagnachmittag, dann der Donnerstagabend. Jetzt ist fast alles möglich, 6 mal 24 heißt es in den meisten Bundesländern. Sechs Tage die Woche, rund um die Uhr. Entscheidet selbst! Nur sonntags bleibt zu.
Ein paar Minuten vor Ladenschluss sind bei Ikea fast alle Kassen geöffnet, einige Dutzend Kunden warten. Viele junge Pärchen, kaum Alte, kaum Kinder. Betriebsamkeit, aber keine Hektik. Kein Vergleich zu Samstagmittags, wenn gereizte Massen durchs Möbelhaus schieben. »Der Druck hat nachgelassen«, sagt Melanie Loh. Die Verkäuferin arbeitet in der Kleinkram-Abteilung im Untergeschoss. Und im Hochlager, wo die Pakete liegen. Fünf Jahre macht sie das und weiß, dass es hier auch anders zugehen kann. »Als wir abends noch um acht Uhr zugemacht haben, waren die letzten Kunden oft erst eine Stunde später aus dem Haus, so voll war das manchmal«, sagt Loh. Ihr Kollege Stefan Sander von den Wohnzimmern bestätigt, dass vor allem an den Großkampftagen zum Wochenende hin »jetzt alles viel entspannter ist als früher«.
Früher, das war, als der Staat noch bestimmte, wann eingekauft werden durfte. Seit der Liberalisierung entscheidet der Markt. Also die Kunden. »Einzelhändler konkurrieren nicht nur mit anderen Händlern, sondern mit dem Kino, mit Restaurantbesuchen, Urlaubsreisen und vielem mehr«, sagt Kai Fuhlrott, der Niederlassungsleiter von Ikea Moorfleet. »Die Kunden können ihr Geld nun mal nicht bei uns ausgeben, wenn wir geschlossen haben.«
Aber tun sie es denn, wenn geöffnet ist?
Die neuen Öffnungszeiten könnten das Reizthema der anstehenden Tarifrunde werden. Fast drei Millionen Beschäftigte arbeiten im deutschen Einzelhandel. Für die Abendstunden nach acht steht ihnen ein Zuschlag von 50 Prozent zu; gewissermaßen als Entschädigung, weil sie der Firma jene Zeit opfern, die sie sonst mit Freunden oder Familie verbringen würden. Doch was als Ausnahme gedacht war, könnte nun deutschlandweit zum Normalfall werden – und das bedeutet höhere Personalkosten. Ikea ist zwar nicht an den Tarifvertrag gebunden, weil der Möbelkonzern keinem Arbeitgeberverband angehört. Das Unternehmen hat die Vereinbarungen jedoch stets übernommen. Und wird in diesen Wochen aufmerksam auf die Tarifverhandlungen in den Bundesländern achten.
Die Arbeitgeber möchten die Spätzuschläge am liebsten abschaffen. Margret Mönig-Raane aus dem Vorstand der Gewerkschaft ver.di hingegen sieht nicht ein, warum ein Vollzeitverkäufer mit durchschnittlich nicht einmal 2000 Euro brutto im Monat »die Experimentierlust seines Arbeitgebers« finanzieren soll. »Es macht Sinn, die Frage der Zuschläge an die Realität anzupassen«, sagte Ikea-Deutschlandchefin Petra Hesser kürzlich einem Branchenmagazin . Schon heute arbeiten zwei Drittel aller Beschäftigten im Einzelhandel außerhalb der Standardzeiten, berichtet das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung im November: »Die Freigabe der Ladenöffnungszeiten in vielen Bundesländern wird diese Quote weiter erhöhen.«
- Datum 23.03.2007 - 04:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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...hieß es früher, wenn man seine eigene Dummheit, Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber dem Rest der Menschheit zum Ausdruck bringen wollte.
»Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, die Arbeitsleistung eines Menschen an der Uhrzeit, zu der er sie leistet, zu bemessen.« kommt dem schon ziemlich nahe, finde ich.
... wenn Angestellte bis tief in der Nacht arbeiten oder Stunden vor dem ersten -imaginären- krähen des Hahns aufstehen müssen.
Denn schließlich sind diese Arbeitszeiten sowohl der Gesundheit wie auch dem Sozialleben eines Menschen abträglich.
Wer Spätdienste schieben muß, kann weder im Sportverein noch in der Theatergruppe mitmachen und auch der Kurs in der VHS ist ihm versperrt. Wer Kinder hat kann sie nicht zu Bett bringen, muß sie gar auch mal bei der Tagesmutter übernachten lassen.
Dafür einen Ausgleich zu verlangen ist recht, wenn auch für den Arbeitgeber nicht unbedingt billig.
Ob es Zulagen auf der Gehaltszettel, Zusatzurlaub oder wie bei Ikea, extra Freistunden sind ist da sekundär. Aber etwas sollte schon 'rausspringen. Das ist beim Arbeitgeber schließlich auch nicht anders.
konzentriert euch gefälligst.
leben heißt knechten bis in die nacht, und um 3.00 morgens die aspirin kaufen dürfen.
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