Warum steigen Menschen auf Berge? Er sei »einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen«, schrieb Petrarca nach seiner Besteigung des Mont Ventoux im April 1336. Seit dieser Erfindung des Alpinismus haben Menschen am Berg so ziemlich alles versucht, sind auf die verrücktesten Gipfel geklettert, ohne Sauerstoff, ohne Sicherung, sogar ohne Beine. Warum? Einfach, weil die Berge da sind, lautet eine Antwort. Eine andere liefert Am Limit , der neue Dokumentarfilm von Pepe Danquart. Er zeigt das Extrembergsteigen als die härteste Droge der Welt. Die Huberbuam bei ihrer übermenschlichen Kletterpartie am kalifornischen El Capitan BILD

Speedklettern nennt sich der Stoff für den eineinhalbstündigen Kinorausch. Eine Spezialdisziplin, die mit dem herkömmlichen Klettern so viel zu tun hat wie Tretrollerfahren mit der Tour de France. Es geht darum, eine schwierige Route so schnell wie möglich zu bewältigen. Keiner kann das zurzeit besser als die oberbayerischen Brüder Thomas und Alexander Huber, die Huberbuam, wie die modernen Kletterprofis in einem Rest von Bergromantik genannt werden. In der Welt der überhängenden Felsen haben sie fast alles erreicht; es fehlt nur der Geschwindigkeitsrekord an der »Drehachse der Kletterwelt«, dem El Capitan im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien. Das sind 1000 Meter senkrechter Granit, für die geübte Kletterer drei bis fünf Tage brauchen. Die Huberbuam wollen es in zweieinhalb Stunden schaffen.

Das liest sich nur so lange wie ein Druckfehler, bis Danquarts Kamera mit den Brüdern in die Wand einsteigt. Wie Sprinter zählen sie die Sekunden bis zum Start herunter, drei, zwei, eins, dann beweisen sie, dass man auch ohne Computertricks wie Spiderman eine Wand hinaufrennen kann. Die erste Minute sei entscheidend, erklären die Brüder, wenn sie am Lagerfeuer wie eine Mischung aus Hippie, Marlboro-Mann und Geißenpeter über den Sinn ihres Tuns räsonieren. »Wenn kein Fehler passiert, kommst du in diesen wahnsinnigen Geschwindigkeitsrausch rein, wo auf einmal alles perfekt läuft.« Als stiegen sie eine Leiter empor, gleiten die beiden aufwärts, fingernagelgroße Tritte und Griffe so selbstverständlich benutzend wie unsereiner die Rolltreppe. Auf der Tonspur hechelt derweil der Atem der von sich selbst Getriebenen und peitscht den Film voran.

Wie ein Lebensmüder stürzt die Kamera in die Tiefe

Zwei Jahre lang hat Danquart mit seinem Team die Brüder bei ihrer Hatz nach dem Rekord begleitet. Vier Kilometer Kletterseil wurden neben der eigentlichen Route in der Wand verlegt, um den vier Kameraleuten – auch sie herausragende Kletterer – die Arbeit zu ermöglichen. Welche Torturen sie und ihre Helfer erlitten haben müssen, ganze Tage im Fels über dem Nichts hängend, von der Sonne Kaliforniens gedörrt, von tückischen Fallwinden attackiert, darüber gibt der fertige Film keine Auskunft. Er setzt auf die totale Überwältigung des Zuschauers mit Bildern, die es so noch nie gab. Gleich zu Beginn stürzt die Kamera wie ein Lebensmüder über die Kante des El Capitan hinab in Tiefe; von diesem Moment gilt hier kein menschliches Maß mehr. Die irrwitzige Kameraführung pumpt das Adrenalin vom Berg gleich in den Kinosaal. Schweißnass sind die Hände (zumindest beim nicht schwindelfreien Kritiker), orientierungslos starrt man auf Kletterer, die einhändig am Überhang baumeln: Wo ist hier oben, wo unten?

»Warum musst du das machen?«, schimpft Mama Huber mit ihrem Sohn

Man erlebt die Substanz der Droge Klettern am eigenen Leib: Es ist die nackte Angst, »definitiv brutal intensiv«, sagt Alexander. »Wir können nur wachsen, wenn wir uns unseren Ängsten stellen – Klettern ist eine Metapher dafür.« Wer die Angst überwindet, »hat einen unvergesslichen Moment im Leben gefischt«. Darum kreisen all die Selbsterklärungsversuche der Brüder: dass man im Leben was riskieren muss, sonst ist es kein Leben. Etwas versuchen, allein deshalb, weil es praktisch unmöglich ist. Als seien sie sich selbst ein Rätsel, sprechen die netten Burschen nur zögernd von ihrer »Revolte gegen den gesunden Menschenverstand«, die allein ein Ziel kennt – das eigene Limit zu finden.