Schule »Extrem selektiv«

UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz fordert mehr Mut bei der deutschen Bildungsreform

Es hatte etwas vom Besuch des Jugendamts bei der Problemfamilie, als sich UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz vom Rat für Menschenrechte zur Schulinspektion in Deutschland ankündigte. »Rat für Menschenrechte« – sollte es denn um die Kinder in den deutschen Schulen so schlecht bestellt sein, dass sich die UN um das Einhalten der Grundrechte kümmern muss?

Als Señor Muñoz, ein Juraprofessor aus Costa Rica, vor einem Jahr im Februar acht Tage lang deutsche Schulen besuchte, mit Kindern und Lehrern sprach sowie mit verschiedenen staatlichen Instanzen und Politikern konferierte, war die Aufregung groß. Dass das deutsche Schulsystem nur in seiner Ungerechtigkeit international spitze ist, haben ja die Pisa-Studien hinreichend bekannt gemacht. In keinem vergleichbaren Land hängt der Schulerfolg so sehr von der sozialen Herkunft ab wie hierzulande.

Der Bericht über das Recht auf Bildung in Deutschland stand nun bei der vierten Sitzung des UN-Menschenrechtsrates am 21. März auf der Tagesordnung. Er wurde zuvor der Bundesregierung und der Kultusministerkonferenz zur Begutachtung vorgelegt. In 107 Punkten stellt Vernor Muñoz seine Beobachtungen zusammen, macht Anmerkungen und gibt Deutschland Empfehlungen. Ganz neu sind die Erkenntnisse allerdings nicht. Er fasst die Ergebnisse der bekannten internationalen Schulstudien zusammen und verbindet sie mit den Beobachtungen des Berichterstatters. Seine Bewertung ist eindeutig. Muñoz bittet die deutsche Regierung, »das mehrgliedrige Schulsystem, das sehr selektiv und sicher auch diskriminierend ist, noch einmal zu bedenken«.

Kritisiert wird auch, dass Schulen »in einem stark reglementierten Umfeld« arbeiten. Der Einfluss der oberen Behörden sei zu groß – die Schulen hätten zu wenig Einfluss auf die Gestaltung des Unterrichts. Insgesamt sei das System zu sehr auf Trennung und zu wenig auf »Einschluss und Beteiligung« angelegt. Dass Flüchtlingskinder, deren Eltern einen ungeklärten Status haben, von schulischer Bildung ausgeschlossen würden, kreidet der Sonderberichterstatter als Verletzung des Rechts der Kinder auf Bildung an. Eine »Politik der Absonderung« führe außerdem dazu, »dass die meisten behinderten Kinder eine Sonderschule besuchen«. Immer wieder sieht Muñoz in Deutschland eine Haltung gegenüber Kindern, »die Defizite und nicht das Potenzial zu betonen«.

»Deutschland muss eine Strukturreform des Bildungswesens durchführen«, heißt es ohne Wenn und Aber. Dafür macht Muñoz sieben Vorschläge. Am ausführlichsten ist die Begründung, warum das »extrem selektiv« gegliederte Schulsystem verabschiedet werden solle. Es löse bei den Kindern Angst und Widerstand aus. Dagegen sollten Deutschlands Bildungspolitiker und Pädagogen jedes Kind als Individuum sehen und unterstützen. Verlangt wird eine bessere Sprachausbildung für Migrantenkinder. Eine demokratischere Schulkultur ließe sich erreichen, wenn die Kinder mehr Autonomie erhielten, ihre Kompetenzen besser einsetzen könnten und ihnen mehr Zeit in Kindergärten und Ganztagsschulen angeboten würde. Die Lehrerausbildung habe sich weniger auf Fächer zu spezialisieren, als vielmehr der pädagogischen Ebene mehr Raum zu geben. Schließlich wird Deutschland aufgefordert, mehr in die frühkindliche Bildung zu investieren.

Muñoz benennt die deutschen Wunden. Aber er sagt nichts Neues. Das kann man nach einem gut einwöchigen Besuch auch nicht erwarten. Dennoch wird der Blick von außen, der in seinen Schlussfolgerungen nicht zimperlich ist, abermals Staub aufwirbeln und den Druck zu handeln verstärken.

Die Bundesregierung hat zunächst in ihrer Kommentierung einige Einzelheiten korrigiert und sich weitere Stellungnahmen vorbehalten. Die Diskussion bekommt allerdings zusätzlichen Schub. Nach den Empfehlungen des Aktionsrates Bildung , auf ein zweigliedriges Schulsystem umzustellen, hat Anfang dieser Woche das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung eine Studie vorgelegt, die nachweist, dass Bundesländer mit späterer und geringerer Selektion der Schüler deutlich höhere Chancengleichheit erreichen und dass die Leistungen darunter nicht leiden. Unterschiede, die bereits durch eine Verlängerung der Grundschule um zwei Jahre bewirkt werden, bringt ein Bundesland vom 40. auf den 10. Platz im internationalen Schulranking.

Der deutsche Sonderweg in der Bildung, dessen Resultate Muñoz verwundert skizziert, hat sich immer auch in Bildungskriegen geäußert, die an lange überholte Kulturkämpfe erinnerten. Diese Feindlichkeit hat in Deutschland einen Konsens in Bildungsfragen lange Zeit blockiert. Der Bericht von Vernor Muñoz wird ein Test sein, ob diese Kritik eine zivile Debatte, die längst begonnen hat, weitertreibt oder ob wieder die Ressentiments und der Triumph der Rechthaber hervorgerufen werden.

D er Lust am Lernen widmet sich Reinhard Kahl auch in seiner Online-Kolumne »Wurzeln und Flügel«: www.zeit.de/wurzelnundfluegel

 
Leser-Kommentare
    • ClausM
    • 22.03.2007 um 7:51 Uhr

    und daran sind bestimmt nicht die Migranten schuld. Das dreigliedrige Schulsystem entspricht der drei Klassen Gesellschaft, aus der es hervorgegangen ist. Das kann man unmöglich bestreiten.

    Seit 1983 befinden wir uns auf dem Rückweg ins 19 Jahrhundert. Wenn wundert es wenn wir dort tatsächlich ankommen?

    • ClausM
    • 22.03.2007 um 8:00 Uhr

    Würde gerne einige Anworten auf diese Frage hören!!

  1. 3.

    Die mangelnden Deutschkenntnisse betreffen bei weitem nicht nur Migrantenkinder, sondern in hohem Masse auch deutsche Kinder, denen nicht mehr vorgelesen, mit denen nicht mehr gesprochen wird.
    Ich selbst habe in Niedersachsen die Orientierungsstufe besucht, eine mittlerweile abgeschaffte Einrichtung, die uns zwei Jahre länger zusammenließ, bevor wir uns auf die verschiedenen Schulformen verteilten. Es hat uns ausgesprochen gutgetan.

  2. Besser hätte ich es auch nicht kommentieren können.

  3. 5.

    Mit der Korrektur wird der Kurz-Kommentar auch nicht erhellender!

    :-))

    U. Schmitz

    • klaeff
    • 22.03.2007 um 8:57 Uhr
    6. Umwege

    Ich verstehe mich auch als Opfer des Deutschen Schulsystems. Meine Eltern waren nicht vermögend und es war klar, der Bub macht eine Lehre und weil er so g'scheit ist, darf er auf die Realschule. Mit 16 in die Fabrik, Berufsschule, dort vom Berufsschullehrer in die Computer AG des angeschlossenen techn. Gymnasiums gescheust worden, mit 17 Software für die Schulverwaltung geschrieben, am Ende der Lehre bis spät Nachts mit dem Meister zusammen SPS Steuersoftware geschrieben und verkauft. Nach der Lehre zunächst mal arbeitslos, dann der Tipp mit dem zweiten Bildungs(UM)weg, Berufskollege, Fachhochschule. Praxissemester und Studijob in einem Forschungszentrum, die Software für die D2 Weltraummission geschrieben, sowie div. Steuerprobleme für Fusionsreaktoren gelöst. Anschließend erst mal wieder arbeitslos, weil als FH Student nix is mit der Promotion an einem FZ. Aus Geldnot bei einer Popelfirma angefangen und langeweile gehabt. Über die New Economy bin ich dann aus Glück unabhängig geworden und arbeite heute nur zum Spaß bei einem großen Unternehmen. Ich sitze dort rum und mache eine Erfindung nach der anderen und reiche Patente ein. Meine Schulbildung ist mein großes Handicap. Mir fehlen 3 Jahre Englisch, damit tue ich mich heute noch schwer und das wäre der wesentliche Vorteil eines Gymnasiums gewesen. Auch mit dem Titel Abitur hätte mein Lebensweg sicher anderst ausgesehen. Nicht das ich einen Schaden davongetragen hätte, mir geht es gut. Aber ich im Nachhinein waren alle Lebensstationen nichts anderes als ein unnötiger und teurer Umweg.

  4. Geschwafel und kaum etwas zur Sache! Den Beitrag aus Frankreich finde ich sehr gut - er beschreibt, wie es sein könnte und sollte! Hier in Berlin gibt es bereits die 6-jährige Grundschule, ohne dass es positive Auswirkungen hätte... Leider kann ich berichten, dass weder Erzieher/innen noch Lehrer/innen immer über die erforderlichen Qualifikationen verfügen, die für eine gute Vorbereitung/einen guten Unterricht nötig wären. Fachfremde Englischlehrer sind der Sprache weder mächtig noch bereiten sie sich vernünftig vor. Erzieher (und Lehrer) sprechen oft kein Hochdeutsch und auch an der Grammatik hapert es. Zusätzlich ist der Ton an den Schulen rau und aggressiv, in den Horten geht's genauso weiter - was soll daraus entstehen?? Besonders schlimm ist es, wie die Schüler mit Noten unter Druck gesetzt werden. Warum muß es bereits in der 2. Klasse Noten geben? Aus welchem Grund setzen Lehrer Eltern unter Druck, für die Einführung von Noten ab der 2. Klasse zu stimmen?? Nach dem Bekanntwerden der schlechten Pisa-Ergebnisse gab es einen regen Reiseverkehr nach Skandinavien, aber hat irgendein Lehrer was geändert? Das wüßte ich gerne mal!

    • Anonym
    • 22.03.2007 um 13:09 Uhr

    akabor polemisiert zwar, aber er hat nicht Unrecht.
    Darauf kann man nur kommen, wenn man den Unterschied zwischen Folge und Äquivalenz nicht kennt. Ein Sachverhalt den Viele ischon m Mathematikunterricht der Mittelstufe nicht verstanden haben und schon da nicht begreifen konnten, das ein Schluss nicht zwingend den Umkehrschluss bedingt.

    Auf dieser Unkenntnis basieren viele Vorurteile, wenn die Problematik, die wir unzweifelhaft im Zusammenhang mit Zuwanderern haben, nicht einseitig als deutsche Fremdenfeindlichkeit betrachtet wird.
    Was akabor beschreibt sind Fakten, keine Schuldzuweisungen. Selbstverständlich ist auch die deutsche Gesellschaft als Ganzes betroffen und auch in der Verantwortung, wenn Ausländerkinder kein deutsch können. Hier geht es aber darum, welches Versäumnis zu kritisieren ist.
    Es kann schließlich nicht sein, dass erst in der Schule die Verpflichtung offensichtlich wird, die Sprache des Gast- oder neuen Heimatlandes zu lernen. Wieso ist das nicht für jeden Zuwanderer selbstverständlich? Wieso gibt es keine obligatorische Aufforderung, ein unterstützendes Angebot und im Versäumnisfall Konsequenzen für die Betroffenen?
    Für jeden Pädagogen ist dies ein selbstverständlicher Dreiklang, wieso hier nicht?

    Die Antwort: Die Politik wollte billige Arbeitskräfte, und sie investiert schon seit jahrzehnten immer weniger in Bildung, noch weniger in die Zugewanderten.
    Die politische Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit sowie der simple staatliche Materialismus ist in Deutschland durchaus mit Rassismus vergleichbar.

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