Uni-Präsident Präsident Tabula rasa

Unter den deutschen Universitätslenkern ist Sascha Spoun der jüngste, unter den Reformern der mutigste. Der Uni Lüneburg hat er gleich einen neuen Namen verpasst

Das ist er also, denkt die Studentin mit den langen braunen Haaren und den Büchern unterm Arm. Man kann ihr ansehen, wie es in ihr arbeitet, wie sie ihn taxiert, den Mann mit den leuchtend blonden Locken und dem ewigen Lächeln, der ihr höflich grüßend am Eingang der Uni-Bibliothek entgegenkommt. Sie hält kurz inne, doch ihre Mundwinkel bleiben unten. Dann wendet sie sich ab, wortlos, und geht. Es ist nur eine Momentaufnahme, eine kleine, unbedeutende Szene, und doch erzählt sie mehr über Sascha Spouns täglichen Kampf gegen das Misstrauen, als alle Protokolle kontroverser Senatssitzungen oder studentischer Vollversammlungen es je könnten. Und von solchen Sitzungen gab es viele, seit er im vergangenen Jahr Präsident der Universität Lüneburg geworden ist.

Sascha Spoun, 38, ist Deutschlands jüngster Uni-Präsident. Schon sein Lebenslauf wirkt wie eine einzige Provokation für gestandene Hochschullehrer, die sich in der hierzulande üblichen jahrzehntelangen Ochsentour durch die Hochschulhierarchie nach oben gequält haben. Er hat überall studiert, in der Schweiz vor allem, in Frankreich, in den USA, aber nie in Deutschland. Er ist nicht habilitiert und hatte noch nie einen eigenen Lehrstuhl. Doch damit nicht genug: Sascha Spoun ist dabei, seine Universität einer Reform zu unterziehen, wie sie Deutschland noch nicht gesehen hat. Diesen Mittwoch hat er seine Pläne im Wissenschaftsforum Berlin der Öffentlichkeit präsentiert.

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Er hat sich vor die Journalisten gestellt und den Aufbau eines Colleges für die Bachelorstudenten angekündigt, dazu ein Graduiertenkolleg und eine »Professional School« für Weiterbildung und Technologietransfer. Am Schnittpunkt der drei Schulen sollen leistungsstarke Forschungszentren entstehen. Doch all das ist nur die äußere Hülle, Spoun spricht von den »vier Gefäßen«, die es zu füllen gelte. Kern der Reform ist, Lüneburg zu einer der profiliertesten Hochschulen im Land zu machen. Um diesem in Zeiten von Exzellenzinitiativen fast aberwitzigen Anspruch Nachdruck zu verleihen, hat Spoun auch gleich einen neuen Namen für die Universität entwickeln lassen – und ihn Mittwoch zum ersten Mal stolz verkündet: Leuphana soll sie heißen, so hat der griechische Geograf Ptolemäus vor 2000 Jahren einen Ort in Norddeutschland genannt, der möglicherweise dem heutigen Lüneburg entspricht.

Ausgerechnet Lüneburg, könnte man jetzt denken, diese kleine Provinzuniversität auf dem alten Kasernengelände am Stadtrand. Solche Reformen und Namen passen doch viel besser in die reiche Schweiz, nach St. Gallen etwa, wo Spoun herkommt. Ausgerechnet die Uni Lüneburg, die gerade erst eine beschwerliche Fusion mit der örtlichen Fachhochschule hinter sich hat; ausgerechnet eine Hochschule, die Spouns Vorgänger nach über anderthalb Jahrzehnten autoritärer Herrschaft in einem erbärmlichen finanziellen Zustand zurückgelassen hat. Man kann aber auch sagen: gerade Lüneburg, wo sich die Findungskommission zunächst nicht auf einen neuen Uni-Präsidenten einigen konnte und das Bewerbungsverfahren abbrechen musste. Der Hilferuf an Klaus Landfried, den als Querdenker bekannten ehemaligen Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, brachte dann die Rettung: Landfried fragte Spoun, der zögerte erst, denn er wusste wohl, was auf ihn zukommt. Doch selbst seine erbittertsten Gegner wissen, dass der junge Uni-Präsident recht hat, wenn er sagt: »Wir brauchen den gemeinsamen Neuanfang, denn die Rahmenbedingungen für Universitäten haben sich radikal verändert.« Spoun geht sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn steckt das ganze deutsche Hochschulsystem in einer Dauerkrise, seine Reform im kleinen Lüneburg, so hofft er, könnte Vorbild für andere werden – wenn sie den Mut haben, sagt er: »Risikovermeidung ist an deutschen Hochschulen derzeit das größte Gut. Und unter dieser Haltung leiden die Studierenden jeden Tag.«

Den Schreibtisch des Präsidenten hat ein Unternehmer gespendet

Wer Spoun in seinem neuen Büro besucht, bekommt eine Idee davon, was der promovierte Wirtschaftswissenschaftler unter einem radikalen Neuanfang versteht: kein Vorzimmer mehr, keine Anmeldung. Nur ein langer Flur in einem gerade ausgebauten Dachgeschoss, links und rechts offene Glasschiebetüren. Spoun sitzt im vierten Zimmer links an einem silbergrauen Schreibtisch, der aus der Sachspende eines lokalen Unternehmers stammt. Ein enger Raum, kein Platz für den anderswo üblichen Besprechungstisch und die ausladende Ledersofakombination, nur ein paar Bände in einer halb leeren Bücherwand. Sein Assistent im Büro gegenüber ist 28. Natürlich duzt der seinen Chef. Ein Auftritt, der manchen Professor, aber auch manche Studenten, die stolz sind auf die ehrwürdige Tradition deutscher Universitäten, mit dem Kopf schütteln lässt.

Im Regal, in Reichweite seines Bürostuhls, türmt sich ein dicker Papierstapel, eng beschrieben mit Kugelschreiberschrift. »Meine Gesprächsnotizen«, sagt Spoun fast entschuldigend. Fragt man Leute, die ihn lange kennen, ist es das Erste, was sie über ihn sagen: Spoun merkt sich alles, was man ihm sagt. Und versucht dann, allen irgendwie gerecht zu werden. Ein wenig ironisch ist es schon, dass ein Harmoniemensch wie er eine Reform durchboxen muss, die so viel Begeisterung, aber auch so viel Ablehnung auslöst. »McKinsey-Präsident« haben sie ihn insgeheim getauft, und er hat ihre Vorurteile noch bestätigt, indem er einen ehemaligen McKinsey-Mitarbeiter zu seinem Vizepräsidenten gemacht hat und den neuen Uni-Namen bei einer Werbeagentur in Auftrag gab.

Sascha Spoun hat beschlossen, alle Widerstände durch Optimismus zu besiegen, sie einfach wegzulächeln. Und doch, manchmal kann man sehen, wie viel Kraft ihn das kostet. Zum Beispiel, wenn man ihn auf sein ungeliebtes McKinsey-Etikett anspricht. Dann verzieht sich sein Gesicht, und er ruft: »Das ist doch Quatsch, von wegen, ich sei auf die Ökonomisierung der Uni aus!« Aber er fängt sich schnell wieder und fährt mit ruhiger Stimme fort: »Ich wünsche mir, dass sich die Faszination der Idee Universität verbreitet, dann erledigen sich Vorbehalte von selbst.«

Spouns Bilanz bislang: In den gerade mal zehn Monaten seit seinem Amtsantritt hat er in unzähligen 15-Stunden-Tagen und Hunderten von Einzelgesprächen die Reform durch alle Universitätsgremien gedrückt – wobei Drücken eigentlich das falsche Wort ist, denn Spoun will die Leute ja eben nicht überreden, sondern begeistern. Der Lüneburg-Bachelor soll eine bundesweit einzigartige Bildungsmarke werden, die Studenten aller Fachrichtungen werden dazu zunächst am neuen College ein Semester gemeinsam studieren. Mathe, Philosophie und ein praktisches Forschungsprojekt stehen auf dem Lehrplan. Vom zweiten Semester an verteilen sich die Studenten dann auf ihre Haupt- und Nebenfächer, müssen aber das ganze Studium hindurch sogenannte Komplementärveranstaltungen wählen. Zu diesen zählen unter anderem Seminare aus anderen Fachrichtungen, zu Kunst, Kommunikation und Sprachen. Ein Konzept, das radikal anders ist als der fachwissenschaftliche Bachelor, für den sich die meisten deutschen Universitäten im Zuge der Bologna-Reform, der Umstellung aller Studiengänge auf gestufte Abschlüsse, entschieden haben. Der aber ist für Spoun nichts anderes als ein gestauchtes Diplom: »Und dann behaupten alle noch, Bologna wolle das so. Komischerweise sehen die Hochschulen im Ausland das anders.«

Der Lüneburg-Bachelor ist angelehnt an die Struktur, die Spoun als Beauftragter für die Neukonzeption der Lehre in St. Gallen entwickelt hat. Dorthin fährt er auch zurück, wenn seine »Batterien mal wieder leer« sind, wie er sagt. Erst vor ein paar Wochen hat er da mit guten Freunden zusammengesessen und seinen Geburtstag gefeiert. Sie haben ihm Mut gemacht, ihm von der neuen Studie vorgeschwärmt, die den Erfolg seines Modells in St. Gallen zu belegen scheint.

»Mit dem Totalumbau setzt Spoun alles auf eine Karte«

Eine Befragung der ersten Bachelorabsolventen hat ergeben, dass sie nicht nur schnell eine Stelle gefunden haben, sondern auch außerordentlich gut verdienen. Und doch sagt Ulrich Döring, BWL-Professor in Lüneburg und seit vielen Jahren Senatsmitglied: »Ich hätte den schrittweisen Studienumbau bevorzugt. Mit dem Totalumbau setzt der Präsident alles auf eine Karte. Wenn die Reform gelingt – wunderbar! Aber was ist, wenn nicht?« Wenn künftige Studenten mit dem gleichen Zeiteinsatz studierten wie heute, befürchtet Döring, würden sie den Gewinn an Allgemeinbildung mit Verlusten an dringend benötigtem Fachwissen bezahlen. Spoun zuckt mit den Schultern, als er das hört. »Eine breite Bildung und die Befähigung zum Wechsel von Perspektiven sind die beste Lebensversicherung«, sagt er. »Gute Universitäten entstehen durch Mut.« Es ist einer der Sätze, die er immer wieder sagt.

Und tatsächlich, es sieht so aus, als könnte der junge Uni-Präsident mit seiner Charmeoffensive das Unwahrscheinliche schaffen: Die Stimmung auf dem Campus dreht sich. Selbst seine größten Kritiker loben die offene Gesprächskultur, die mit Spoun in die Universität eingezogen ist. Und Ralph Koglin, der bei Spouns Amtsantritt Asta-Sprecher war, sagt: »Wenn Sie jemanden suchen, der kein gutes Haar an der Reform lässt, bin ich nicht der Richtige. Statt über die schlechte Lage zu lamentieren, nimmt da einer das Heft endlich in die Hand und handelt.«

Kürzlich ist Spoun ein weiterer Coup gelungen. Er hat Daniel Libeskind, den New Yorker Stararchitekten, dazu überredet, mit Lüneburger Studenten ein Blockseminar zu veranstalten. Thema: die Neugestaltung des Campus auf dem ehemaligen Kasernengelände. »Denn ein akademischer Geist lebt auch von der Ästhetik.« Als er das sagt, steht der junge Uni-Präsident gerade auf den Stufen vor einem dieser trutzigen Backsteingebäude, in denen früher die Soldaten hausten. Er sieht auf langweilige Hauswände, auf ausgetretene Rasenflächen und planierte Wege. Das ist seine Uni. Er steht da und fängt an zu lachen. Für ein paar Momente hat er all den Ärger vergessen, all die Kämpfe und den Argwohn. »Kommen Sie in fünf Jahren wieder«, sagt er. »Sie werden sich wundern.«

 
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Erstens ist Stefan Jansen von der Zeppelin University mit aktuell 35 Jahren jünger bzw. der jüngste Universitätspräsident.
    Zweitens sind auch an der ZU ein gewisses 'Studium Generale' bzw. entsprechende alternative Studieninhalte eingepflegt und drittens gibt es auch die Alanus Hochschule, die ein sehr ähnliches Konzept betreibt. Wobei ich glaube dass auch bei der 'Leuphana' ein 'aggressives' Marketing (wie bei Alanus und der ZU) eingesetzt werden wird. Ob wirklich alles nötige Fachwissen vermittelt wird, kann zwar angezweifelt werden, aber da dies eine akkreditierte Universität sein wird, sollte bei entsprechender (guter bis sehr guter) Leistung der Studierenden denke ich hier kein Problem auftreten, wobei das natürlich auf den angestrebten Abschluss bzw. die Branche ankommt...

  2. 2.

    Unsere Uni Lüneburg heißt jetzt Leuphana College. Wir sind jetzt bordeauxrot, innovativ und Hauptfach heißt jetzt „major“.
    Dass eine inhaltliche und strukturelle Neuausrichtung des Studiums an unserer Universität in Zeiten von Bologna gut und notwendig ist, steht außer Frage. Dass Sascha Spoun und Holm Keller dafür zeitgemäße und kreative Konzepte entwickelt haben, auch.
    Über die Prioritätensetzung lässt sich dabei streiten. Ein an sich sehr schön modernisierter Campus soll – dank Libeskind – schöner werden. Ein kürzlich an der Uni entworfenes und durchdachtes Logo wird verworfen - dank Scholz&Friends werden wir zur Leuphana-Marke.
    Und was ist eigentlich gegen „Haupt- und Nebenfach“ einzuwenden?
    Übrigens: bei aller „Design“-Fragen gibt es Studenten, die ihr Studium an der Uni Lüneburg nicht abschließen können, da dringend benötigte Professorenstellen aus Geldmangel unbesetzt bleiben. Ein Ziel für eine Umstrukturierung und Neuausrichtung müsste auch darin liegen, solche Missstände zu beseitigen.
    Aber wer weiß, worauf wir uns noch freuen dürfen: vielleicht kommt ja Joschka Fischer demnächst von Princeton nach Lüneburg und lehrt am Leuphana College...

    Eva Krotoschak, Franziska Rimmele
    Studierende an der Universität Lüneburg/Leuphana College

  3. schnell fertig ist der journalist wohl mit dem worte, das schwer sich handhabt .... die 15 jahre autokratische herrschaft des vorgängers prof. donner habe ich wohl verpasst (was meint der autor, woher diese unsinnige aussage?) obwohl ich fast täglich an der universität lüneburg war, und zu dem angeblich erbärmlich finanziellen zustand hätte man doch gern belege. was ist das für ein stil, die leistung eines menschen mit einem unwahren halbsatz abzutun? lese ich die seriöse zeit oder was war das? prof. martin, universität lüneburg

    • Juhnke
    • 11.04.2007 um 17:49 Uhr

    ...und dann ist Stephan (mit ph) Jansen nicht der jüngste Universitätspräsident, denn er ist gar nicht Universitätspräsident, sondern 'nur' Präsident einer 'University'. In der Bezeichnung nur ein kleiner Unterschied (den er in der Außendarstellung auch hin und wieder mal unter den Tisch fallen lässt), aber qualitativ doch ein keinesfalls zu verachtender.

  4. ... Besserwisserische, kleinkarierte Titelhuberei! Eine der Miseren, die wirkliche Bildungsreformen in unserem Land blockieren.

  5. ... Besserwisserische, kleinkarierte Titelhuberei! Eine der Miseren, die wirkliche Bildungsreformen in unserem Land blockieren.

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