Klassiker der Moderne (54) Gefundene Sounds
Brian Eno und David Byrne holten mit "My Life In The Bush Of Ghosts" die Ideen Cages, Stockhausens und Reichs in die Popmusik. Sie wiesen allen folgenden Sampling-Techniken den Weg.
Bestimmt der Islam mittlerweile, was wir hören dürfen? Diese empörte Frage erhob sich auch letztes Jahr, als Brian Eno und David Byrne ihr Album My Life In The Bush Of Ghosts wieder auflegten. In der neu abgemischten Version waren sieben unveröffentlichte Tracks enthalten, ein entscheidender aber fehlte: Qu’ran, eine Ton-Collage, in der algerische Muslime Koranverse singen. Kritiker witterten Selbstzensur auf Seiten der Künstler. Dabei wurde Qu’ran bereits vor 23 Jahren von der Titel-Liste gestrichen. Eine Geschichte mitten aus dem Urwald der Geister – entsprungen jedoch nicht der magischen Wildnis, die der nigerianische Schriftsteller Amos Tutuola in seinem titelgebenden Roman beschrieben hatte, sondern dem Dschungel der modernen Zivilisation.
Eno und Byrne ahnten nicht, welche Geister sie beschworen, als sie sich daranmachten, jene Platte aufzunehmen, die durch ihren Umgang mit »gefundenen« Sounds die Arbeitsweise im Studio bis heute definieren sollte. Die beiden Art-School-Absolventen plagte ein gewisser Ennui an konventioneller Unterhaltungsmusik. Ihre Suche nach Neuland sollte in eine »imaginäre Kultur« führen. Bei den ersten Sessions in New York war die Creme der zeitgenössischen Klangforschung zugegen: der Trompeter Jon Hassell, Bill Laswell am Bass, Chris Frantz, Drummer der Talking Heads, um nur einige zu nennen. Doch später, in Los Angeles, begannen Eno und Byrne mit »found objects« zu experimentieren, dem Klang einer Pappschachtel als Bass Drum etwa.
Ebenfalls »gefunden« wurden die Stimmen: Christliche Radio-Prediger, Talkshow-Fetzen, ja sogar einen Exorzisten nahmen Eno und Byrne zum Teil einfach mit dem Kassettenrekorder auf. Man ließ die Bandmaschinen laufen und war verblüfft, wie homogen Musik und O-Töne zusammen »spielten«. Musik nicht als »Ausdruck« einer »Botschaft«, Gesang, der weder komponiert noch überhaupt gesungen wurde: Nach drei Jahrzehnten waren die Ideen von John Cage, Karlheinz Stockhausen und Steve Reich im Herzen der Popmusik angekommen. Etwa zur gleichen Zeit verfolgten auch andere diesen Ansatz, etwa Can in Deutschland. Aber Eno und Byrne gelang der Meilenstein, der den Weg wies für alle folgenden Cut-up- und Sampling-Techniken. Ihre pulsierenden Funk- und Percussion-Grooves wurden in den folgenden Jahrzehnten ausgiebig von anderen gesampelt.
Bald darauf lernten Eno und Byrne auch einige ihrer Geister näher kennen. Die Klärung der Rechte für die Vokal-Samples – bis heute eine Herausforderung für jede Rechtsabteilung – zog sich über ein Jahr hin, und die tendenziell konservative US-Rockpresse bezichtigte sie des »Kultur-Imperialismus«. Eno und Byrne entschieden »aus Respekt«, das Stück vom Album zu nehmen. Der Verlust ist zu verschmerzen. Qu’ran ist nicht der böseste unter den Geistern im Busch.
David Byrne/Brian Eno: My Life In The Bush Of Ghosts (EMI)
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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