»Vergessen wir mal die Umstände!« Die Umstände, das heißt: KZ Sachsenhausen, heißt: Vergessen wir mal, dass Krieg ist und ihr Häftlinge eines Lagers seid, in dem täglich Menschen gefoltert, gedemütigt, getötet werden. So forsch trivialisierend kann das nur aus dem Munde eines SS-Mannes kommen. Der Vorschlag von Kommandant Herzog gilt den Mitwirkenden der »Operation Bernhard«, einer gewaltigen Fälscheraktion der Nazis zwischen 1942 und 1945. Kooperieren oder sabotieren? Sorowitsch (Karl Markovics, links) und Burger (August Diehl, rechts) sind unterschiedlicher Meinung. © Jat Jürgen Olczyk BILD

Sagen lässt ihn den Satz der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky in seinem Film Die Fälscher, basierend auf dem Bericht von Adolf Burger , einem der letzten noch lebenden Zeitzeugen: Mehr als 140 Drucker, Grafiker und professionelle Fälscher lebten mitten im Konzentrationslager Sachsenhausen in einer »luxuriösen Enklave« – Deportierte auch sie, aber wohlgenährt, die Baracken ausgestattet mit weichen Betten, richtigen Toiletten und sogar einer Tischtennisplatte. Unter Todesangst fälschten sie Pässe, Dollars und insgesamt 132 Millionen britische Pfund, mit denen die feindliche Wirtschaft destabilisiert werden sollte.

Der Film erzählt das moralische Dilemma der Kollaborateure, ihren Kampf zwischen dem Drang zu überleben und dem Wissen, dass dafür ein hoher Preis gezahlt wird: Während andere bestialisch ermordet werden, unterstützen sie den Vernichtungskrieg der Nazis. Ruzowitzky zeigt diesen Konflikt anhand gebrochener Charaktere. Salomon Sorowitsch (Karl Markovics), ein Opportunist, macht das Beste draus, er fälscht um sein Leben. Einst erfolgreicher Spieler, Gigolo und »König der Fälscher« im Berlin der dreißiger Jahre, weiß er auch jetzt sich anzupassen. Im KZ Mauthausen porträtiert er eitle SS-Soldaten, in Sachsenhausen erweist er sich als veritabler Leiter der Fälschertruppe. Adolf Burger (August Diehl) hingegen, ein Idealist, rebelliert gegen die Mitarbeit und den Verrat an der eigenen Moral. Er droht mit Sabotage, was den sicheren Tod für ihn und andere bedeuten würde.

Es sind diese zwischen- und innermenschlichen Zerreißproben, die das Herzstück der Geschichte bilden. Bis zu welchem Punkt gelingt es den Männern, in das eigene verräterische Antlitz zu schauen? Sorowitschs Motivation lässt sich nicht auf banalen, selbstbezogenen Pragmatismus herunterschrauben; ihm geht es um jeden Tag und jedes Menschenleben in der menschenunwürdigen Situation. Auch die anderen Figuren sind vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint: SS-Führer Herzog ist ein armseliges Schwein, dem am Ende das Wasser bis zum Halse steht. Der Moralist Burger kapituliert, als er von der Vergasung seiner Frau erfährt – die Haltung bleibt, doch die Courage schwindet angesichts der Übermacht.

Eine sehr direkte Erzählweise und eine durch die agile Handkamera von Benedict Neuenfels erzeugte Ästhetik der Gegenwärtigkeit ziehen den Zuschauer in das Geschehen, ohne dass je die Grenze zum Betroffenheitskino überschritten würde. Und dass sich die Konflikte in den Gesichtern und an der Körpersprache ablesen lassen, ist nicht nur dem Schauspiel, sondern eben auch dieser hochaufmerksamen Kamera zu verdanken. Sie fängt die kleinsten Details ein, die durchdringenden Augen Markovics’, seine lauernde Haltung, seine zusammengezogenen Schultern. Vor allem aber gelingt es Neuenfels und Ruzowitzky, die Diskrepanz zwischen dem goldenen Käfig und dem Todeslager zu packen: Wie die Fälscher, die gerade Pingpong spielen, hören wir eine Exekution jenseits der Wand des dünnen Holzverschlags, die die Baracke vom Rest des Lagers trennt. Sehen können wir indes nur die Kugeln, wie sie die Wand durchdringen und herunterfallen. Durch die Kamera und die Augen der Protagonisten blicken wir direkt auf den Boden der Doppelmoral.

»Du hast schlechtes Glück gehabt«, sagt eine Französin am Ende des Films zu Sorowitsch, am Strand von Monte Carlo, wohin es den Meisterfälscher nach Kriegsende verschlagen hat. Eigentlich bezieht sich der Kommentar auf Sorowitschs Pechsträhne beim Roulette. Doch in der so treffend wörtlich übersetzten Passage steckt zugleich die ganze Tragik seines KZ-Erlebnisses: malheur, schlechtes Glück. Sorowitsch hat sich verraten und verkauft. Aber er hat überlebt.

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