Alkohol Billiger Rausch
Während Politiker ein Alkoholverbot für Jugendliche fordern, bieten Kneipen und Clubs Bier und Cocktails ohne Ende zum Festpreis. Was geschieht auf einer »Flatrate-Party«? Ein Tresenbesuch in Köln.
Vorglühen kann man sich sparen. In der Warteschlange vorm Club noch schnell ein Bier trinken oder was Hochprozentiges runterkippen wäre unsinnig. Gleich, da drinnen, ist doch eh alles inklusive. Hat man einmal den Eintrittspreis gezahlt, darf man so viel trinken, wie man verträgt – oder eben nicht.
Es ist kurz nach zehn vor dem Club Teatro an den Kölner Ringen, der größten Partymeile der Stadt. Gegelt, gesittet und gewaltfrei stehen sie da und warten auf Einlass. Vor kaum einem Laden geht es so friedlich zu wie hier, es wird nicht mal gedrängelt. Man merkt dem beinahe ausschließlich deutschen Publikum an, dass es nüchtern ist und gut erzogen. Hier stehen keine Problemkinder, keine Jugendlichen, zerrissen zwischen zwei Kulturen, keine Schwererziehbaren ohne Perspektive.
Hier wartet der Gymnasiast von nebenan auf seinen wohlverdienten Vollrausch nach einer harten Woche Werther- Analyse im Deutsch-Grundkurs. Es wird über die Deppen vom Abi-Vorfinanzierungskomitee gelästert, das Programm der letzten Sportstunde gelobt und ein Konflikt innerhalb der Stufe diskutiert. Angehende Einzelhandelskaufmänner, Hotelkauffrauen und Friseur-Azubis stehen hier an und unterhalten sich über ihre ersten Gehälter, Deko für den Rückspiegel ihres Twingos und die Prüfungsmodalitäten der IHK.
Es sind nicht Kinder der Unterschicht, die sich hier volllaufen lassen
Es ist die bürgerliche Mittelschicht, die sich hier einreiht, um sich volllaufen zu lassen. Umso entsetzter reagieren Pädagogen, Eltern und die Politiker in Berlin. Warum gerade die? Warum jetzt auch noch die? Von der Unterschicht ist man ja so einiges gewohnt, aber doch nicht von denen, scheinen sie zu denken. Auch der 16-jährige Kampftrinker, der seit Ende Februar in einem Berliner Krankenhaus im Koma liegt, weil er angeblich über 50 Tequila getrunken hat, ist ein Gymnasiast. Genauso wie das 14-jährige Mädchen, das vor zwei Wochen im Alkoholrausch von dem Dach ihres Wohnhauses gesprungen ist. Nun fordern Politiker aller Parteien, dass an Jugendliche unter 18 Jahren kein Alkohol mehr verkauft wird. Auch weil die Zahlen zeigen, dass junge Menschen immer früher mit dem Saufen anfangen: Laut Shell-Studie 2006 trinken sieben Prozent der 12- bis 14- Jährigen jede Woche Alkohol. Bei den 15- bis 17-Jährigen trinken bereits 31 Prozent regelmäßig.
Immer mehr kennen ihre Grenze nicht. Die Fachstelle für Suchtprävention in Berlin hat einen Trend zum Koma-Saufen ausgemacht. In der Hauptstadt hat sich die Zahl der Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung in eine Rettungsstelle eingeliefert werden, in den vergangenen Jahren verdoppelt.
Die zweite Forderung der Politik geht noch weiter: Flatrate-Partys, die zu einem bestimmten Preis Alkohol ohne Ende versprechen, sollen verboten werden. Noch sind sie legal. Und solange nicht irgendwelche minderjährigen Alkoholwracks angeben, sich in seinem Laden betrunken zu haben, kann ihm keiner was anhaben, das weiß auch der Geschäftsführer dieses Kölner Clubs. Nur wer über 18 Jahre alt ist, kommt rein. Der Türsteher arbeitet sorgfältig. Fast jeder Gast muss seinen Ausweis vorzeigen. »Dat können mir uns nit leisten, dat hier ein Kind dazwischenrutscht«, erklärt er. Der Club bietet diese Partyreihe seit fünf Jahren an, sie nennt sich »Dance’n’Drink – No limits – All night long«. Tanzen und Trinken ohne Limit, von 22 bis 3 Uhr. Der Begriff Flatrate fällt nicht. Auf einer Plane über der Tür stehen die Eintrittspreise: 13 Euro für Frauen, 18 für Männer. Und es wird aufgelistet, was man dafür bekommt, ohne Mengenbegrenzung: Bier, Prosecco, Longdrinks mit Wodka, Rum, Gin oder Whisky, Cocktails. Inbegriffen ist auch Alkoholfreies.
Drinnen ist es stickig. Der lange Raum leuchtet orange, nach hinten wird es roter, die Tanzfläche liegt unter violettem Licht. In ledernen Sitzecken erkennt man nur die hellen Gesichter, der Rest verschwindet im Kunstnebel. Der Geruch von Alkohol und Zigarettenrauch liegt in der Luft. Am Eingang werden die Mäntel abgegeben: Ein Mädchen mit der Aura einer Pferdenärrin steht jetzt plötzlich im Minirock da, darunter eine hautfarbene Strumpfhose und an den Füßen Leoparden-Ballerinas. Obenrum trägt sie ein schwarzes Trägerhemdchen mit funkelnden Strasssteinen, die einen Totenkopf bilden. Will sie sich heute ins Koma saufen? »Nein, auf keinen Fall«, sagt sie und erlangt ihre brave Ausstrahlung zurück. »Ich bin mit zwei Freundinnen hier, wir wollten uns das mal angucken.« Was angucken? »Na, dieses Flatrate-Saufen«, sagt sie. Und verwendet den Begriff, den nur Politiker und die Medien benutzen, sonst niemand. Zumindest keiner unter 30. Die erste Gesprächspartnerin ist also gar kein echter und völlig fertiger Flatrate-Teenie, bloß eine Touristin. Vier Stunden später hat sie sich ein Bild gemacht. »War geil. Gute Musik, leckere Cocktails«, sagt sie noch. Sie strahlt und wirkt ausgelassen, aber sturzbetrunken ist sie nicht und vom Koma weit entfernt. Ihr Blick passt nun zu ihrer sexy Kleidung – mehr nicht.
Die jungen Frauen hinter der Theke arbeiten im Akkord. Eine füllt zehn Gläser mit Orangensaft, Grenadine und Zitrone, eine andere ist Herrin über den Alkohol. Einmal fegt sie mit der Tequila-Flasche über die Gläser hinweg. »Mehr!«, ruft ein junger Mann mit braunen Segelschuhen. »In einer anderen Disko würde ich genauso viel trinken, da müsste ich nur jedes Mal an der Bar mein Geld rauskramen«, sagt er und grinst. »Ist doch viel praktischer so.« Aber bei einer stumpfen Provokation will er es dann doch nicht belassen. »Besser, wir trinken nur, als dass wir irgendwas einschmeißen.« Alkohol würden ihm seine Eltern nie verbieten. Die sagten, solange er keine Drogen nehme, seien sie heilfroh.
Trinken ist anerkannt. Alkohol ist nicht schäbig, er gehört zum Alltag. Papa trinkt sein Bier zum Spielfilm, Mama einen Wein zum Fisch und die Oma nach dem fetten Schnitzel einen Kräuterschnaps. Alkohol ist Abendfüller, Alkohol ist anregend und sexy. James Bond trinkt, Rockstars trinken sowieso, und die TV-Werbungen für Alkohol sind immer die besten.
Ein junger Mann bleibt an der ersten Theke stehen. Hier, fernab der Tanzfläche, ist weniger Betrieb, da kommt er schneller an Nachschub. Vier Blue Lagoon habe er schon getrunken, prahlt er. »Ich hab auch schon mal an einem Abend 14 getrunken.« Nur sein Kumpel Alex schaffe mehr. Dann deutet er auf ein Mädchen, das neben ihm steht. »Sie schafft acht«, sagt er anerkennend. Wieso er die Drinks zählt? »Das mach nicht nur ich«, sagt er, »das machen alle.« Und die zweite Frage: »Muss einer, der vergangene Woche 14 Cocktails getrunken hat, sich diese Woche an 16 versuchen?« Er schüttelt den Kopf. »Ich muss gar nichts, aber man will sich ja auch steigern.« Er will die Messlatte höher hängen oder zumindest den Titel verteidigen.
Dass mit jedem geleerten Glas der Respekt vor dem Trinker wächst, ist kein neues Phänomen. Schon der Uropa rühmte sich, einer der trinkfesteren Dorfbewohner zu sein. Warum das heute zu eifrigen Debatten führt statt schlicht ins Bett? Vielleicht, weil Wodka mehr anrichtet als Bier. Vielleicht, weil der Uropa, als er seinen Nachbarn mit einem Glas Vorsprung besiegt hat, nicht 18 Jahre alt war, sondern 24. Vielleicht auch, weil sich mehr Leute dafür interessieren als früher.
Das Mädchen neben dem Kampftrinker, das acht Cocktails schafft, macht die berühmte Rechnung auf. Wer den Flatrate-Preis zahlt, will Gewinn machen. »Wenn man fünf Cocktails trinkt, hat man die 13 Euro schon raus«, rechnet sie vor. Alles darüber bekomme man quasi gratis. Warum weniger nehmen, wenn man auch mehr kriegen kann? Beim Telefon, beim Handy und beim Internet ist das doch auch ne tolle Sache. Da hört man auch nicht auf zu surfen, bevor man den Festpreis raus hat – und freut sich über jede kostenlose Minute. Deutschland macht Schnäppchen, und die Jugend zieht mit.
Sie wollen Spaß – und die gute Erziehung mal zu Hause lassen
Es ist halb zwei Uhr nachts. Auf dem Weg zu den Toiletten begegnen einem Jugendliche mit roten Wangen, verschwitzten T-Shirts und glasigen Augen. Ein Mädchen mit tiefem Dekolleté kühlt ihren Körper an der Wand, ein junger Mann steht daneben und hält ihr ein Wasserglas, aus dem sie immer wieder große Schlucke nimmt. Sie sieht fertig aus, aber nicht total betrunken. Und auf der Toilette, dem Ort der Wahrheit? Finden sich hier Koma-Säuferinnen kurz vorm Kollaps? Es ist übervoll und brechend heiß. Eine junge Frau hängt über dem Waschbecken, sie spritzt sich Wasser ins Gesicht. Ihr Mascara ist verschmiert, und ihre Augen sind gerötet. »Auf einmal war ich total voll, aber es geht schon besser«, sagt sie. Zwar sei so ein Frei-Trinken verlockend, aber auch woanders habe sie es schon mal übertrieben, erzählt die 21-Jährige, die in einigen Wochen ein Lehramtsstudium anfängt. Warum sie manchmal übertreibt? »Ein bisschen Spaß antrinken. Das Wochenende ist doch die einzige Gelegenheit, wo man mal auf die Kacke hauen kann«, sagt sie.
Mit dem Kopf über der Schüssel zu hängen mache ihr nichts aus. Am Montag müsse sie doch schon wieder funktionieren, im Job, zu Hause mit den Eltern und bald auch noch an der Uni. Wenn sie weggeht, will sie endlich die Kontrolle abgeben und die gute Erziehung zu Hause lassen. In der Schicht, aus der sie kommt, lernt man nur, sich zu benehmen. Den Mut, sich auch mal danebenzubenehmen, muss man sich erst antrinken.
Weiter hinten, wo das Licht von Rot in Violett übergeht, wird es eng. Die Musik wird lauter und die Luft feuchter. »Wer mehr trinkt, tanzt besser. Wer mehr trinkt, ist sexier. Wer mehr trinkt, ist lockerer«, das zumindest sagt die Körpersprache. Nelly Furtado besingt die Ausgelassenheit.
»Tanzen gehen« oder »trinken gehen«, hieß das früher, heute sagt man, »ich geh feiern«, wenn man loszieht. Ziel ist nicht das stupide Trinken. Das Ziel ist ein Fest. Die Kinder der Leistungsgesellschaft kippen kein Bier in der Bar um die Ecke. Sie wollen nicht ein bisschen lachen, gehemmt tanzen und ein bisschen flirten. Sie wollen, dass was abgeht, jeder Abend zählt, immer auf der Suche nach dem ultimativen Erlebnis. Normal ist öde, irgendwas Krasses soll passieren. »Wenn wir hier sind, wird es einfach immer ein geiler Abend«, hat es eben ein Mädchen an der Bar zusammengefasst.
Alkohol ist wichtig beim Feiern, er macht den ganz großen Spaß wahrscheinlicher. Und beim Flatrate-Saufen gibt es eben eine ganze Menge davon. Aber längst nicht alle schöpfen die Möglichkeiten voll aus. Die meisten trinken so viel, wie sie vertragen – mehr nicht. Oder zumindest kaum mehr.
Die Boxen wirbeln eine bekannte Melodie durch die Hitze. Die Frontfrau der Berliner Band Mia singt: »Ich bin hier, weil ich hierhin gehöre.« Und die jungen Gäste grölen mit, als wäre dies ihre Antwort auf die Frage, die sich im Moment ganz Deutschland zu stellen scheint: »Ich bin hier, weil ich hierhin gehöre! Wohin auch sonst an einem Freitagabend?«
Zum Thema
Betrunkene Kinder
-
Ist der steigende Alkoholkonsum eine Modeerscheinung? Ein Interview »
Alkohol - Droge Nummer Eins
-
Ein ZUENDER-Schwerpunkt »
- Datum 22.03.2007 - 10:47 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








ist kein Grund sich tot zu saufen.....aber ich denke der Mangel liegt eher woanders.
er desinfiziert und hält unerwünschte Besucher ab.
Schweineblut erfüllt bisweilen eine ähnliche Funktion.
Die EU hat noch viel Arbeit vor sich, bevor die eurpäische Bevölkerung wirklich integriert ist. Aber das wird schon...
(dann ist auch mit diesen Miniröcken Schluß, also ehrlich, wo sind wir denn, diese schamlosen jungen Dinger).
Diese Überreaktion wegen des Alkohols ist wirklich peinlich. Als wenn plötzlich mehr getrunken wird als früher!? Und wer trinkt denn eigentlich vor? In Hamburg gibt es an der Elbe Bänke auf denen geschrieben steht: 'Erfinden Sie ein Problem'. In diesem Sinne. Prost.
auf meine eigene Jugend in den 50-Jahren , muss ich feststellen, dass damals Jugendliche sehr wenig tranken. Sitten und Gebraeuche, vor allem aber die Erziehung von zu Hause ,verhinderten ein sinnloses Besaeufnis. Man wollte auch den Eindruck der Haltlosigkeit oder der Verwahrlosung vermeiden und immer noch 'einen guten Eindruck' hinterlassen.
Offenbar befinden sich heute viel mehr Jugendliche, bedingt durch familiaere Desintegration, falsche oder gar keine Erziehung, fehlende Vorbilder, fehlende Ambitionen, in einem Zustand von moralischer und kultureller Dekadenz und verlieren immer mehr den Respekt vor sich selbst. Keine schoenen Zukunftsaussichten.
Die Unsitte sich quasi zu Tode zu saufen-am besten an einem Abend ist offensichtlich eine Modekrankheit von gelangweilten Kids die zuviel Geld haben. Irgendwo in der Erziehung dieser Kamikaze Saeufer hat jemand nicht aufgepasst.
ist eine Unverschämtheit, dass ein Wissenschaftler nun Jugendlichen kontrollierte Rauschzustände mittels Alk und Cannabis empfiehlt!
http://www.deutschland-de...
Um es kurz zu machen: Natuerlich hat der gute Mann recht. Natuerlich, liebe Empoerte, koennen wir den Kopf in den Sand stecken und im uebrigen darauf vertrauen, dass der wohlgeratene Nachwuchs mit Alkohol und Drogen nicht in Beruehrung kommt. Falld doch, dann wird selbiger Nachwuchs ganz sicher, all die lehrreichen Gespraeche machen es, ganz sicher hoeflch und bestimmt ablehnen. So wie es ja zwischen uns und unseren Eltern auch ganz toll geklappt hat. Ich jedenfalls haettemir einiges erspart, haetten meine Eltern eben nicht den perfekten Buben im Auge gehabt sondern einen, der wie weiland schon der Pspa ab und zu ueber die Straenge schlaegt und wenn sich diese Causa nicht so vorzueglich geeignet haette, ganz billig den Underdog zu geben.
Das schlimme an einigen der Beitraege zu diesem Thema ist jedoch, dass manche - auch und gerade in der BRD und EU Buerokratie - so handeln als ob sie das wirklich glaubten.Selbst unsere Vorfahren im Mittelalter waren da klueger und wie eine Gesellschaft in der nur kontrolliert und verboten wird aussehen kann, das mag jeder am aufgteklaertliberalen Saudi Arabien selbst beurteilen. Wir entwickeln uns scheinbar auch zu einer Gesellschaft mit Irrenhauscharakter...
sardonic.gd
share what zou know, learn what you don't...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren