Zootiere Knuddeln mit Knut
Angeblich verlangen Tierschützer den Tod eines kleinen Eisbärs im Berliner Zoo. Wird das mutterlose Tier nicht artgerecht aufgezogen?
Noch ist Knut nur ein Flausch von einem Eisbär
Schneeweißer Plüschpelz, dicke Tatzen, lackschwarze Nase, freche blanke Augen – keine Frage: Knut ist zum Knuddeln. Ganz Berlin und via Webcam auch der Rest der Republik nehmen Anteil am Schicksal des von seiner Mutter verstoßenen Eisbärenbabys im Berliner Zoo. Der Kleine gedeiht offenkundig prächtig in der Obhut seines Pflegers. Die beiden toben und schmusen, dass es eine Freude ist – fürs Publikum und nicht zuletzt für den Zoo, der nun im harten Kampf um Besucherzahlen dank Knut mächtig Quote macht.
Und dann die Schreckensnachricht: Angeblich wollen ausgerechnet die Tierschützer dem Kleinen ans Fell. Es sei besser, ihn mittels einer Todesspritze ins Jenseits zu befördern, als ihn von Menschen aufziehen zu lassen, soll der Tierschützer Frank Albrecht gesagt haben. Das aber hat er so nie gefordert; der vermeintliche Bärentöter ist vielmehr einer Zeitungsente zum Opfer gefallen. An seiner Grundüberzeugung aber hält Albrecht fest: Knutschen mit Knut sei nicht artgerecht, der Bär werde tierschutzgesetzwidrig auf den Menschen geprägt und damit zu lebenslanger Verhaltensauffälligkeit verurteilt. Züchten im Zoo gehöre generell verboten.
In einem Punkt haben radikale Tierschützer wie Albrecht sicher recht: Artgerechte Haltung im Zoo ist eine Illusion. Solange ein Tier sich, egal, ob in der Savanne, im Dschungel oder auf der Polkappe, seine Nahrung nicht selbst suchen muss (oder kann), lebt es nun mal nicht artgerecht. »Nicht artgerecht« aber heißt heute in den Zoos schon lange nicht mehr automatisch auch »verhaltensgestört« oder gar »gequält«. Dank der stetig voranschreitenden Erkenntnisse der Verhaltensforschung gelingt es immer besser, den Zootieren eine ihrer Natur entsprechende Umgebung zu schaffen. Und umgekehrt schaffen die Tiere es, eine in der Freiheit unabdingbare Überlebensstrategie auch in Gefangenschaft anzuwenden: ihre enorme Anpassungsfähigkeit an die Umgebung.
Raus aus den Käfigen, hinein ins Freigehege. Das ist die Devise moderner Zoos. Damit lockt man einerseits Besucher an, die heute die Tiere lieber in der (pseudo)freien Wildbahn als hinter Gittern sehen wollen. Zum anderen frommt’s den Tieren und ihrem Fortpflanzungseifer. Denn was viele Naturfreunde nicht wahrhaben wollen: Das freie Leben ist heute, wo Menschen den Lebensraum der Tiere verändern und verkleinern, schon längst nicht mehr überall »artgerecht«. So manche in der Freiheit bedrohte Art (wie Ursus maritimus) wird womöglich nur dank der Zoozucht überleben.
Der kleine Knut jedenfalls wird nicht umgebracht, sondern hoffentlich rechtzeitig, nämlich noch vor der Geschlechtsreife, von seinem Pflegevater getrennt, um dann allein nach Eisbärenart erwachsen zu werden. Dabei wird er vielleicht nur ein bisschen dicker, fauler und älter als seine Artgenossen in Freiheit.
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- Datum 14.07.2009 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
- Kommentare 5
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Da geht dem Deutschen so richtig schön das Herz auf.
Wenn ein Einzeltier mit hohem Knuddelfaktor so böse in die Diskussion gerät, steht ganz Berlin Kopf und die Republik streitet empört über artfremde und artgerechte Haltung, Lebensrecht, moralische Verpflichtungen etc.
Wenn hingegen ein einzelner Penner auf der Straße erfriert oder vier erwachsene Flüchtlinge aus Afrika in einem 6X4 Quadratmeter Zimmer eingepfercht werden, interessiert das wirklich keinen.
Ich bin weiß Gott kein Gutmensch, aber die Heuchelei, mit der diese Lapalie hochgepusht wird, ist ekelhaft.
soll leben! Aber die unendlich vielen Opfer der Abtreibung auch! Darüber wird beschämenderweise nicht gesprochen! Vielleicht brauchen Kinder, ungeborene und geborene, Fürsprecher in Tiergestalt???
... hängt davon ab, wie eine Kultur mit Tieren und Frauen umgeht.
Der Zustand unserer Tierheime ist gut, Frauen sind gleichberechtigt, und wir haben - trotz allem - ein funktionierendes Sozialsystem.
Darauf darf man als Deutscher ruhig mal stolz sein.
Wollen wir diesen Standard aber behalten, dann müssen wir auch dafür Sorge tragen, dass unser System nicht mehr von Leuten missbraucht wird, die einfach ihren Pass wegschmeissen, oder die - ein sehr viel grösseres Problem - den Rechtsstaat nur benutzen, um ihre religiös motivierte Frauen- und Bildungsfeindlichkeit zu verbreiten.
Damit muss Schluss sein, das kann in niemandes Interesse sein.
Sozialsysteme sind nur dann lebensfähig, wenn auch die Bereitschaft besteht, sie zu verteidigen, und ihre Werte - ja, es gibt sie - offensiv einzufordern.
Tut man das, ergeben sich auch mehr Mittel, um Bedürftigen noch besser zu helfen, und das hat nichts mit Neoliberalismus zu tun, bei dem es sich ebenfalls nur um eine Ideologie handelt.
Menschlichkeit und Realitätssinn sind zwei Seiten der selben Medaille, und es bleibt zu hoffen, dass sich diese Erkenntnis verstärkt durchsetzt.
Seit ich so gerne die vielen Naturserien und Zooserien sehe, habe ich feststellen können, wie sehr die Menschen mit den ihnen befohlenen Schützlingen verwachsen sind. Eine Freude ist das.
Ich kann sagen, mein Freund der Baum, mein Freund die Amsel -Weissauge-, meinFreund, das Katerchen von den Nachbarn
Jeder weiss, wann seine Zeit ist.
Mit einem Rotschwänzchen habe ich mich immer gestisch unterhalten.
Ich war dann mal einige Hundert Meter vom Haus entfernt, da setzt sich das Vögelchen doch vor mich auf den Gehweg und 'sagt' mir ersteinmal ausgiebig 'Guten Tag'
Es hat eben immer etwas von einer Utopie oder von einer verloren geglaubten Zeit.
Das mit Bruno fand ich schon sehr dilletantisch.
Wehe ihr tut Knut etwas ohne Not.
Ich habe heute einen witzigen Kommentar der Prawda gelesen, den ich hier wiedergeben möchte. Viel Spaß!
PS: Den Titel habe ich übernommen.
'Gabriel hat es erkannt! Keiner will Kurt, aber alle wollen Knut. Deshalb hat sich Gabriel, diese treulose Tomate, auch nicht mit einem Problem-Bären, sondern mit einem richtigen Sympathie-Träger fotografieren lassen und dessen Patenschaft übernommen.
Jeder, der die politischen Zusammenhänge auch nur halbwegs zu deuten vermag, erkennt: Das ist die absolute Kampfansage gegen Kurt, die Siegmar da jetzt offen ausgesprochen hat. Mit einem solchen Patenkind kann nichts schief gehen, was die nächste Kanzlerschaftskür der SPD anbelangt. Jedenfalls haben da Problem-Bären à la Kurt gegen Siegmar und sein Patenkind Knut keine Chance!
Sehr gewieft, dieser Niedersachse ;-)'
Jo, so ist es. Danke Prawda für diese Erleuchtung.
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