DIE ZEIT: Herr Simon, was treibt einen dazu, mit 70 Jahren eine Weltreise auf dem Motorrad zu unternehmen, die Sehnsucht? Ted Simon, 75, vor einem Motorradgeschäft in London-Battersea.
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Ted Simon: Es gibt viele Gründe, eine solche Reise anzutreten. Aber das deutsche Wort »Sehnsucht« trifft es schon ganz gut. Im Englischen sagen wir nostalgia. Ich hatte diesen Motorradtrip um die Welt als junger Mann ja schon einmal gemacht. Danach schrieb ich Jupiters Fahrt…

ZEIT: …einen Bestseller, der sich mehr als 400.000-mal verkauft hat…

Simon: … als ich Ende der neunziger Jahre in meinem Haus in Kalifornien Internetzugang erhielt, bekam ich wieder sehr viel Fanpost. Ich begann, mit einer Diashow von meiner ersten Reise durch amerikanische und britische Motorradclubs zu ziehen, hauptsächlich, um ein wenig Geld zu verdienen. Und je öfter ich mir die alten Bilder anschaute, desto unruhiger wurde ich. Ich sagte mir: Ted, du wirst nicht sterben, bevor du diese Orte nicht noch einmal besucht hast.

ZEIT: Warum musste es auch im Alter wieder das Motorrad sein? Die meisten Leute hätten eine Flugreise gemacht.

Simon: Fliegen kam für mich nicht infrage. Die Erfahrung der ersten Reise hatte mich gelehrt: Wenn man die Welt wirklich kennenlernen will, muss man sich sehr langsam fortbewegen, du musst ein Gefühl bekommen für die Distanzen, die du zurücklegst. Ich hätte auch den Zug oder den Bus nehmen können, doch mit dem Motorrad ist man nicht an Fahrpläne gebunden. Man fährt los und schaut, wie weit man kommt, bis es dunkel wird. In kleinen Dörfern habe ich immer viel mehr erlebt als in den großen Städten.

ZEIT: Das, was die meisten Westeuropäer in ihren Ferien machen: zwei Wochen Italien, drei Wochen Thailand oder ein Trip in die Karibik, wäre wohl nichts für Sie?

Simon: Nicht mehr. Früher, als ich noch Redakteur bei der Daily Mail in London war, habe auch ich es nur bis ans Mittelmeer geschafft. Was soll man sonst tun mit sechs Wochen Jahresurlaub? Als Angestellter kommt es einem nicht in den Sinn, ein paar Jahre freizumachen. Du bist in ein Korsett von Verpflichtungen eingenäht und denkst, ohne dich geht nichts.

ZEIT: Waren Ihre Weltreisen Versuche, solchen Zwängen zu entkommen?

Simon: Nein, mit der Fleet Street hatte ich schon vor der ersten Tour für immer abgeschlossen. Ich lebte in einem alten Bauernhaus in Südfrankreich, das mich fast nichts kostete, und schrieb an einem Roman, der nicht gelingen wollte. Eines Abends sah ich im Fernsehen eine Reportage über die südliche Pazifikregion. Es ging darum, was für ein schreckliches Leben die Fischer in ihren Hütten fristeten. Doch die Menschen sahen wunderbar aus, so gesund, die Sonne schien die ganze Zeit. Dieser Widerspruch faszinierte mich. Ich wollte unbedingt dorthin.

ZEIT: Viele wollten das. In den siebziger Jahren zog eine große Hippie-Karawane los, in den ärmsten Regionen Asiens und Südamerikas die Ursprünglichkeit wiederzuentdecken.

Simon: Auf meine Art bin ich ein Kind dieser Zeit. Als die Menschen in Westeuropa nach dem Krieg zu Wohlstand kamen, fingen sie an, über die Dritte Welt nachzudenken. Außerdem hatten wir, anders als unsere Eltern, die Möglichkeit zu reisen. Aber ein Hippie? Ich hasse es, auf dem Boden zu sitzen, weshalb ich mit dieser Aussteigerkultur nie warm wurde. Außerdem wollte ich nie zu einer Gruppe gehören, die alles miteinander teilte: die Liebe, die Drogen und was weiß ich. Ich bin ein Einzelkämpfer. Den Entschluss zur ersten Reise habe ich in fünf Minuten gefasst.

ZEIT: Sie sind dann vier Jahre durch Europa, Afrika, Amerika, Asien gereist. Haben Sie gefunden, was Sie suchten?

Simon: Es ist schwierig, an einem Restauranttisch in London davon zu erzählen, ohne dass es lächerlich wirkt: Ich wurde ein anderer Mensch. Als ich aufbrach, war ich noch geprägt durch meine urbane Sozialisation. Ich war es gewöhnt, darauf zu achten, wie ich wirke. Wenn Sie dann nur noch mit Fremden zu tun haben, hören Sie von allein auf, in jede Fensterscheibe zu blicken. Aber die Veränderungen gehen weiter. Nach ein paar Monaten begriff ich: Du kannst jeden Tag deine Vorlieben und Abneigungen ändern, ein ganz anderer Mensch werden. Niemand weiß, wer du früher warst.

ZEIT: Als weißer Motorradfahrer müssen Sie in vielen Teilen der Welt dennoch sehr auffällig gewesen sein. Hatten die Menschen keine Angst?

Simon: Ich habe mir Mühe gegeben, so unscheinbar wie möglich zu wirken. Ich trug Straßenkleidung und einen offenen Helm, damit die Leute mein Gesicht sehen konnten. Kaum war ich in ein Dorf eingefahren, umringte mich eine Traube Menschen. Ich bekam sofort Kaffee oder Tee und oft auch ein Bett für die Nacht.

ZEIT: Das ist die große Hoffnung aller Individualreisenden: Man will nicht wie ein Tourist betrachtet werden, sondern wie ein Gast, der aufgeht in der fremden Kultur. Klappt aber nie.

Simon: Bei mir schon. In vielen Gegenden war ich der erste Reisende, der sie besuchte. Die Leute haben sich genauso für mich interessiert wie ich mich für sie.