Da erzählt einer, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Verschluckt die letzten Silben, verhaspelt sich bei Fremdwörtern, verkürzt und verknappt, verfertigt Gedanken beim atemlosen Reden. Denn er ist von Natur aus alles andere als ein Schwätzer. Es sind die Umstände, die seine Worte nur so aus ihm heraussprudeln lassen, auf der Suche nach der einen, unumstößlichen Wahrheit. Denn er, der fette Moo, hat genau gesehen, was da nach der wilden Verfolgungsjagd auf dem Seitenstreifen der Autobahn wirklich passiert ist. Dass der Fahrer des Range Rovers kein Messer in der Hand hatte und niemanden erstochen hat. Aber konnte Moo wissen, dass der Typ ein Krimineller mit Beziehungen bis in höhere Kreise ist? Und dass alle liebend gern sehen würden, wie er wegen Mordes in den Knast wandert?

Zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Recht und vermeintlichem Unrecht pendelt die Geschichte des 15-jährigen Mike Nelson, genannt Moo. In ihr liest sich exemplarisch, nach welch präzisen Vorstellungen Kevin Brooks’ Literatur funktioniert. Von seinem ersten Buch Martyn Pig an zeigt er eine kleine, scheinbar heile Welt, die Stück für Stück aus den Fugen gerät. Er platziert seine jugendlichen Helden wider Willen in eine Art überdimensionaler Becherlupe und lässt den Leser dabei zusehen, wie sie auf engstem Raum das Gefühl einnimmt, nicht mehr entrinnen zu können. Der Sohn, der den Unfalltod des Vaters vertuscht ( Martyn Pig ), der herumziehende Junge, der von einem Dorf in die Enge getrieben wird ( Lucas ), der Arztsohn, der ein drogensüchtiges Mädchen aus den Fängen ihres Zuhälters befreien will ( Candy ): In all seinen Büchern bricht kriminelle Energie in den normalen Alltag ein und hetzt die Jugendlichen in unbekanntes Terrain. Was wie eine Schablone wirkt, erhält ihre Wirkung vor allem durch die reichlich eingesetzten Spannungselemente. Knapp unterhalb der Übersättigung reizt Brooks die medial bekannten Schemen von Tätern und Opfern, von Intrigen und Plots aus, ohne seine Hauptfiguren und ihren verzweifelten Kampf um Moral und Gerechtigkeit aus den Augen zu verlieren.

Der Kommissar, der Moo zu einer Falschaussage drängt, der Kriminelle, den er mit seiner Zeugenaussage schützt, die Mitschüler, die ihn auf einmal nicht mehr wegen seines Aussehens hänseln, sein einziger Kumpel Brady, der sich mit einer eigenen Aussage gegen ihn stellt: Das Pendel schlägt immer schneller aus und gerät außer Kontrolle. Vine, der Kriminelle, lädt ihn in sein Auto und bedankt sich, um ihm im nächsten Moment mit einem Faustschlag klarzumachen, was passiert, wenn nicht alles nach Plan läuft. Ist es Bestechung, wenn dessen Anwalt ihm einen Umschlag mit Geld zusteckt, »für die angefallenen Auslagen«, und den neuen Anzug für die Verhandlung bezahlt? Es fühlt sich so an, obwohl Moo nichts anderes tun will, als nur das wiederzugeben, was er an diesem späten Nachmittag von der Autobahnbrücke aus beobachtet hat. Und wie ist das mit Kommissar Callan, der ihm von der unter falschem Namen bezogenen Invalidenrente seines Vaters erzählt und ihm die daraus resultierenden Konsequenzen vor Augen führt, wenn er das zur Anklage brächte – es sei denn, Moo würde sich bei der Verhandlung doch an einen anderen Ablauf erinnern. Zwei Schlingen liegen ihm um den Hals. Lockert sich die eine, zieht sich die andere umso fester zu. Bleibt Moo da etwas anderes übrig, als das bösartige Spiel der Erwachsenen mitzuspielen, Wahrheit hin oder her? Und schon geht es nicht mehr nur um Worte, um Aussagen, sondern um Leben und Tod als einzigen Ausweg.

In Kissing the Rain, wie immer hervorragend übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, kommt zur gewohnten Spannung noch eine neue, sprachliche Ebene hinzu. Eine kathartische Offenbarung, ein hektischer, durch reichlich Großschreibung zerrissener Redeschwall, den Moo vor dem Leser ausbreitet, der deutschen Rechtschreibkommission zum Graus. Eine Sprache, die der Figur und ihren sich auftürmenden Gedankenwelten ein unverwechselbares Gesicht gibt. Nicht erst mit diesem Roman ist Kevin Brooks damit identisch: ein unverwechselbares Gesicht, eine unverwechselbare Stimme als Autor. Ralf Schweikart