MärchenIst jeder Hans dumm?

Eine neue Ausgabe der Grimmschen Märchen erlaubt dank eines umfangreichen Registers neue Zugänge zum Weltkulturerbe von Bruno Blume

Es gibt unzählige vollständige Ausgaben der von den Brüdern Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen. Bisher unterschieden sie sich hauptsächlich in den Illustrationen. Nun hat Günter Jürgensmeier einen einzigartigen Mehrwert geschaffen: 30 Seiten Register bietet der von ihm edierte Band, eine Kombination von Lexikon, Wörterbuch und Suchmaschine, die neue und entspannte Zugänge bietet. Über 2700 Einträge finden sich darin, farblich unterschieden in Titel, Namen, Begriffe und Sprüche. Das eröffnet eine fantastische Vielfalt von Such- und Vergleichsmöglichkeiten. Welches war noch mal das Märchen mit dem Hammer? Welches sind die 14 Märchen, in denen ein Hase vorkommt? Gibt es mehr Prinzen oder Prinzessinnen? Welche Farben sind die häufigsten? Ist jeder Hans im Märchen dumm? Wer die gackernden Hühner sucht, findet den richtigen Text über den Eintrag »Huhn« und die dort angegebenen 22 Märchen oder über den Eintrag »Ga-ga-ga-ga-ga-ganz, wie wir’s gesagt!«. Und da die Einträge jeweils auf die Märchennummer verweisen, ist das Register nutzbar für jedes Grimmsche Märchenbuch, das sich an der Ausgabe letzter Hand orientiert – die vor genau 150 Jahren erschienen ist.

Die über 200 Texte so unterschiedlicher Art wie Lügenschwank, Entstehungslegende oder Zaubermärchen sind jeweils mit bis zu 250 Einträgen erfasst. Und trotz der Fülle bleibt das Register immer leicht lesbar. Dass darin noch Fehler stecken, versteht sich bei einem so umfassenden Werk von selbst.

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Der 560 Seiten starke Band ist zuerst in den Niederlanden erschienen. Für die deutsche Ausgabe wurden zusätzlich sieben Märchen aus früheren Grimmschen Ausgaben aufgenommen, darunter Der gestiefelte Kater, die ebenfalls von Charlotte Dematons illustriert sind. Die Aquarellbilder der Niederländerin folgen der langen Tradition der kitschnahen, romantischen Märchenillustration, wobei sie immerhin einige unerwartete Motive erfrischend in Szene setzt. Nicht selten jedoch legt sie mehr Wert auf Kostüme als auf markante Deutungen, evoziert aber auch gekonnt mit tiefen Farben Stimmungen.

Um die Leserlichkeit der vor zweihundert Jahren verschriftlichten Texte zu erleichtern, hat Günter Jürgensmeier die Sprache modernisiert. Zwar erklärt er alle altertümlichen Begriffe im Register, schwächt aber damit doch den typisch märchenhaften Ton (wenn etwa die Sonne sich nicht mehr verwundern, sondern nur noch wundern darf, der Vater statt vergnügt glücklich ist und die Prinzessin der Kugel nicht mehr mit den Augen folgt, sondern ihr nachblickt). Leider sind die zwanzig Dialektmärchen nur in hochdeutscher Übersetzung abgedruckt. Stünde die Dialektfassung daneben, würde nicht nur die Vielfalt der deutschen Sprache von der Küste bis ins Gebirge festgehalten, sondern auch die ursprünglich mündliche Erzähltradition betont. Zudem es Kindern großen Spaß macht, in Dialekten das Bekannte und das Fremde nebeneinander zu spüren. Genau wie sie in den Märchen das Entsetzliche und das Erlösende so eng beieinander lieben. Bruno Blume

Grimms MärchenKinder- und Jugendbuch(ab 4 Jahren)Illustriert von Charlotte Dematons; herausgegeben von Günter JürgensmeierBrüder GrimmBuchSauerländer Verlag bei Patmos2007Düsseldorf29,90560
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