Jeder Kenia-Tourist glaubt sie zu kennen: die hoch gewachsenen schmalen Männer in blutfarbenen Umhängen mit roten Zöpfen und Perlenschmuck, die tagsüber am Strand Ethno-Souvenirs verkaufen. Es sind Massai, Angehörige des bekanntesten Nomadenstammes Ostafrikas: bei den sesshaften Ostafrikanern mehr gefürchtet als geachtet, bei Europäern und besonders Europäerinnen als Projektionsfläche für das romantische Ideal des edlen Wilden – auch literarisch – außerordentlich beliebt.

Wie die Wirklichkeit für die Mehrheit der immer noch nomadisierenden Massai aussieht, beschreibt Joseph Lemasolai Lekuton unverblümt und zupackend in Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend als Angehöriger eines Ariaal-Clans in Nordkenia und als Schüler der üblichen Internatsschulen des Landes.

Die erste Begegnung mit dem Löwen, die Akzeptanz der sozialen Regeln im Dorf, das wichtige Ereignis der Beschneidung, die Konfrontation mit Technik und Zivilisation, die befremdliche Ankunft in den USA – all diese Ereignisse fügen sich zu einem unterhaltsamen Erklärungsversuch der uns fremden Welt, die mit und für ihr Vieh leben, keinen Besitz anstreben und Land nicht als Eigentum akzeptieren.

Dabei nimmt der Autor für sich in Anspruch, das Wertesystem der afrikanischen Nomaden nicht zu hinterfragen, es neben, nicht gegen seine Erfahrungen in Nairobi und den USA zu setzen. Verblüfft stellt der Leser fest, dass sich ihm die Wahrheit und Schönheit von Lekutons Welt auf diese Weise deutlicher offenbart als in bemühten Erklärungs- und Rechtfertigungsversuchen.

Lemasolai oder Joseph erlebt jede Situation als Bestätigung, nicht als Unangemessenheit des Systems. Daher ist sein spätes Geschenk an die Mutter auch das höchste Glück ihrer Welt – widerstandsfähige Rinder zur Auffrischung der alten Herde. Lekuton ist Anfang der siebziger Jahre geboren, erhielt – nicht zuletzt durch die Unterstützung des Ex-Regierungschefs Daniel Arap Moi – Gelegenheit zum Studium und konnte in den USA weiterstudieren. Sein Bericht ist von unpolitischer Dankbarkeit, nicht von Unterwürfigkeit geprägt. Heute arbeitet der mit dem kenianischen Staatspreis Grand Warrior Award ausgezeichnete Autor als Lehrer und Entwicklungsmanager halb in den USA, halb in Kenia. Eines seiner Projekte schildert er im Anhang. Ein spannender authentischer Bericht aus Ostafrika, der Abenteuerlust wie Neugier auf fremde Kulturen befriedigt. Birgit Dankert