Belletristik Ein Sieg der Fantasie

Der serbische Exilautor Bogdan Bogdanović packt seine Traumkiste aus.

Wenn es Tagebücher gibt, warum denn nicht auch Breviers der Nacht? Bogdan Bogdanović hat ein Buch der Träume geschrieben. Die grüne Schachtel heißt sein Selbstdeutungswerk, in dem er sich seiner Träume vergewissert.

Der 84-jährige im Exil lebende serbische Autor gehört zum Typus des vom Gang der Welt melancholisch verschatteten Intellektuellen, wirkt zuweilen wie ein verhinderter Astrologe, ist gelernter Architekt und war bis in die 1980er Jahre Professor an der Universität in Belgrad. Stadtoberhaupt dort ist er von 1982 bis 1986 gewesen. Nebenbei gründete der seit Schülerzeiten vom Surrealismus begeisterte Bogdanović auch eine in Luftschlösser verliebte »Dorfschule für Philosophie der Architektur«.

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In der Baukunst ist er als Memorialarchitekt archiviert und Alleinvertreter einer Art konservativer Avantgarde, die sich mit einer handgemeißelten viktorianischen Ästhetik der Moderne widersetzt. Ähnlich ziseliert und magisch inspiriert sind seine Bücher über die Stadt, die Politik und sein Leben. Irgendwie haben alle mit der Erinnerung und dem Symbolischen zu tun.

Schon in seinen Memoiren Der verdammte Baumeister (1997) war dabei von einer mysteriösen »grünen Schachtel« die Rede, einer versiegelten, mit lederartigen Tapeten beklebten Waschmittelbox, in der er während seiner Belgrader Jahre als Dissident des Milošević-Regimes das Treibgut seiner Erfahrungswelt verwahrte: undatierte Notizen, Skizzen und Traumaufzeichnungen. Er glaubte, dass er die für sich selbst geschriebenen Botschaften nie wieder lesen würde. Sie sollten lediglich seine Gedanken dem »Zugriff der Selbstzensur« entziehen. Aber als er 1993 nach Wien emigrierte, fand er abenteuerliche Wege, seine »Rumpelkammer der Vergangenheit« in seine neue Heimat mitzunehmen.

Victor Hugo wollte seine Träume zeichnen, Bogdan Bogdanović unternimmt nachträglich lieber Entzifferungsversuche, aus denen die Vermessung einer »Gegenwelt« und der nächtliche Roman seiner Pestjahre in einer »verhafteten Stadt« wird. 1987 schrieb er einen 60-seitigen offenen Brief an Milošević mit dem Titel Serbien ist müde, der sich im Nachhinein als sehr weitsichtig erwies. Danach konnte Bogdanović sich aber kaum noch aus seiner Wohnung trauen. »Die Zeit rennt und rennt, und trotzdem steht sie still, still, still«, notierte er sich damals und warf das Kurzdossier einer Arretierung in die grüne Schachtel.

20 Jahre später beugt er sich noch einmal über die damaligen Aufzeichnungen, ein Fährtenleser der Traumspuren, die das Leben hinterlässt. Vieles bleibt ihm wie dem Leser dabei rätselhaft und hermetisch. Andererseits merkt Bogdanović: Je kritischer seine Situation gewesen ist, desto poetischer waren seine Träume. In finsteren Belgrader Nächten hellen »liebe« Tierchen seine Stimmung auf, und der nächtliche Stummfilm erscheint ihm als »geradezu glücklich umfriedetes Blickfeld«, ein Schutzraum vor den Schrecken des Tages. Charmant und klug und mit milder Ironie versucht dieser im besten Sinn schwatzhafte Erzähler und Essayist die »Logik der Fantasie« zu ergründen und glaubt »mythische Entdeckungen« zu machen.

Ein aufmerksames Buch für hellhörige Leser über einen späten Sieg der Fantasie gegen den Machtmenschen Milošević und das meistens heilsame Verschwimmen der Grenzen. Nur einmal heißt es: »Heute Nacht von einem großen Vogel geträumt, größer als ich, und er pickte mir in den Kopf. Im Wachzustand danach – Kopfschmerzen.«

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