Roman Ein Sprung ins Leere
Der Chilene Roberto Bolaño war nicht nur ein »Infrarealist«, sondern ein Fantast, ein Abenteurer des Geistes – und ein großer Schriftsteller.
Manchmal ist es gut, wenn Bücher spät übersetzt werden. Dann erreicht ein Werk seine Leser wie das sprichwörtliche Licht vom erloschenen Stern. Der Chilene Roberto Bolaño, der vor vier Jahren gestorben ist und nur 50 wurde, war ein Autor abenteuerlicher Erkundungen entlang der moralischen, auch politischen Grenzen der Kunst, voller Witz und von großer Nachdenklichkeit. Deshalb ziehen wir, Bolaños Leser, respektvoll und traurig den Hut, auch wenn wir keinen haben, und gedenken der schönen Zeit, die wir mit der Lektüre von Naziliteratur in Amerika, Stern in der Ferne und Die wilden Detektive verbracht haben (hier Raum für eine Gedenkminute).
Zum Glück war Roberto Bolaño so produktiv, dass noch einiges zu entdecken bleibt: neben mehreren Bänden mit Gedichten, Erzählungen und Essays eine novelita und sein letzter Roman 2666. Den wollte er noch überarbeiten, wenn er die lebensrettende Operation hinter sich hätte. Aber dazu kam es nicht mehr. Fertig gestellt hat er noch den Band Der unerträgliche Gaucho, der so vieldeutig und vielseitig ist, dass man ihn wie einen Querschnitt durch seine literarische Arbeit lesen kann, wie ein Credo, vielleicht auch wie ein Vermächtnis. Aber das denkt man dann oft, wenn Leute sterben, die etwas zu sagen hatten.
Man denkt es auch, weil der Gaucho zwei essayistische Texte enthält, die von ziemlich grundsätzlicher Art sind: Eigentlich sind es Vorträge, geschrieben in der Leichtigkeit des gesprochenen Wortes, mit höchst beiläufigem Pathos, mit verzweifelt komischem Parlando und mit spöttischen Kanonaden, aus dem Mundwinkel geschossen. Es geht natürlich um Literatur.
Bei Bolaño geht es, wie bei Borges (dieser Name muss im Zusammenhang mit Bolaño immer fallen, man kommt nicht drum herum), immer um Literatur. Auch in den Erzählungen, die einerseits schräge und ziemlich wüste Geschichten sind, andererseits aber literaturkritische Kommentare. Der unerträgliche Gaucho zum Beispiel, die Titelerzählung, ist gleichzeitig Borges-Paraphrase, Parodie der argentinischen Gaucho-Literatur und enthält mindestens einen Seitenhieb auf den sogenannten Magischen Realismus: wenn etwa wild gewordene kannibalische Kaninchen die riesigen Rinderherden aus den endlosen Weiten der Pampa vertreiben. Doppelbödig sind sie, diese Erzählungen, mindestens: oft mehrfachbödig oder eher mehrstöckig wie eine Hochzeitstorte, in der möglicherweise jemand mit Maschinengewehr oder wenigstens mit dreckigen Schuhen versteckt ist. Und meistens befindet sich, das ist in fast allen Romanen und Erzählungen Bolaños so, eine Spur seiner Biografie darin.
Er ist als Chilene aufgewachsen in Mexiko; war streitbarer Vertreter einer Jungdichterschule namens Infrarealisten; kehrte nach dem Sturz Allendes mit heldenhaften Widerstandsabsichten nach Chile zurück; wurde verhaftet, kam mit Hilfe alter Schulfreunde frei, ging nach Spanien; hat immer viel nachgedacht über Literatur und Moral und Politik und Ästhetik und Dummheit; hat alle möglichen Jobs gemacht; war als Schriftsteller lange erfolglos. Von alledem kommt immer irgendetwas in den vielen Schichten eines Bolaño-Texten zum Vorschein. »Ich war damals achtzehn oder neunzehn Jahre alt und hielt mich für unsterblich. Hätte ich gewusst, dass ich es nicht bin, hätte ich mich umgedreht und wäre weggegangen«, heißt es in der Erzählung Jim über zwei junge Dichter in Mexiko, die von der Gefährlichkeit der Literatur handelt.
Was nicht vorkommt in Bolaños Erzählungen, ist seine eigene Erfolgsgeschichte: Mit dem preisgekrönten Roman Die wilden Detektive um einen jungen mexikanischen Dichter (»Arturo Belano«) wurde er richtig berühmt. Sein Vortrag über die spanischsprachige Gegenwartsliteratur (Der Cthulhu-Mythos) ist ein essayistisches Schlachtfeld, auf dem er die bekannten Erfolgsautoren (»Isabel Allende, Luis Sepúlveda und viele andere große Namen, die mir grad nicht einfallen«) chancenlos massakriert. García Márquez und Vargas Llosa werden als »greises Macho-Duett« gerade noch so am Leben gelassen.
Dieser Text schlägt Volten, die unmöglich nachzuzeichnen sind – von verschiedenen Sorten Pausenbrot geht es über imaginäre Arbeiter, die auf dem Baugerüst philosophische Traktate im lateinischen Original lesen, bis zur Sprache des venezolanischen Präsidenten Chávez, die »nach Scheiße riecht und Scheiße ist«. Aber es gibt interessante Antworten auf die Frage, was nun, lange nach dem guten alten »Boom« und über die politisch korrekten Texte seiner lahmen Epigonen hinaus, eigentlich so geschrieben wird in Lateinamerika.
Bolaño war bei aller schriftstellerischen Finesse und dem Hang zur Metaliteratur kein Elfenbeinturm-Literat. Eher ein Vollblut-Literat, der alles in Beziehung setzte zum geschriebenen, lesbaren Wort. Deshalb trägt auch der zweite Vortrag den algebraisch seltsamen Titel Literatur + Krankheit = Krankheit, der vorwegnimmt, was zweifellos wahr, aber schwer einzusehen ist: dass auch die schönste und gelungenste Literatur an Krankheit und Tod nichts ändern kann. Gewidmet ist der Text Bolaños Arzt.
In ihrem Essay »On Being Ill«hat Virginia Woolf einmal darüber nachgedacht, warum es keine Romane über Grippe und keine Lyrik über Zahnschmerzen gebe: Dabei bedeute Krankheit doch enorme geistige (»spiritual«) Veränderungen. Sie kam unter anderem zu dem Schluss, dass es für die Unmittelbarkeit körperlicher Vorgänge und Schmerzen im Englischen keine Sprache gebe. Bolaño nun, siebzig Jahre später und auf Spanisch, hat bewiesen, dass grobe Umgangssprache ebenso wie samtige Poesie dazu taugt, Krankheit zu einem Teil der Literatur zu machen. So wie er sonst alles in Beziehung setzte zu Literatur, setzt er hier mit der ihm eigenen Ironie alles in Beziehung zur Krankheit.
Es ist ein merkwürdiges Schachtelwerk aus Kleinstessays, in dem vieles für den Transport in die Nachwelt verstaut ist. Man wird oft darin lesen müssen, um die zwischen flagranter Verzweiflung und vorsichtiger Resignation aufblitzenden Weisheiten, Albernheiten, Einsichten und biografischen Spuren würdigen zu können. »Aber irgendwann ist es so weit. Kinder stellen sich ein. Bücher stellen sich ein. Die Krankheit stellt sich ein. Das Ende der Reise naht.« Und doch ist da noch der Lebenshunger der Liebeshunger, der Lesehunger, und der Witz, immer wieder der unwiderstehliche Witz, mit dem allein man eine solche Art des Schreibens aushalten kann. Und da ist die Verehrung für Kafka, der schließlich auch wusste, dass er sterben würde. Er war es, der Bolaños Nachdenken über Krankheit inspirierte. »Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel entbehren« heißt das Motto. Was zu entbehren wäre – Sex, Bücher, Reisen, in dieser Reihenfolge –, sind, so heißt es im letzten Kapitelchen (Krankheit und Kafka), »Wege, die nirgendwo hinführen, aber auf die man sich dennoch begeben muss.«
Borges, Kafka, Juan Carlos Onetti, Nicanor Parra: Über Roberto Bolaño kann man eigentlich gar nicht schreiben, ohne seine literarischen Leit- und Feindbilder zu erwähnen, und eigentlich wären da noch viel mehr Namen und Werke zu nennen. Beim Lesen entsteht ein Gefühl, als seien die Alten eine Art großer, ehrwürdiger Bäume, in deren Schatten sich müde und hungrige, vielleicht auch nur vergnügungssüchtige und gewiss auch kranke Literaten und Leser zum Picknick versammeln – oder vielleicht auch nur, um in Ruhe nachzudenken.
Als Autor aber, als Figurenerfinder, hatte Bolaño immer eine Vorliebe für das literarische Fußvolk, für die Epigonen, für die Erfolglosen und Mittelmäßigen. Die Naziliteratur in Amerika ist ein Kompendium solcher höchst realistisch erfundenen Existenzen und Werke, samt der zugehörigen weltanschaulichen Verirrung. Es sind Leute, die sich, um im Bild zu bleiben, immer unter den falschen Baum setzen; oder solche, die auch das Angebot des schönsten Schattens nicht vor einem Sonnenstich schützen kann.
Zu ebendiesen gehört Sebastián Urrutia Lacroix, der Held des schon 2000 in Spanien und gerade eben neu auf Deutsch erschienenen Romans Chilenisches Nachtstück. Er ist ein mittelmäßiger Dichter, Priester von Berufung und Kritiker von Beruf oder umgekehrt; ein sehr bekannter Kritiker, der seinerseits wieder alle und jeden Dichter kennt. Von Chile, versteht sich, der Roman ist ja nur 156 Seiten lang.
Dieser alte Mannerzählt auf dem Sterbebett sich selbst sein Leben: monologisch, atemlos, in nur einem einzigen Absatz, dessen wichtigste Stationen immer irgendwie mit der Geschichte des Landes zu tun hatten. Die Gewichtung ist naturgemäß nicht objektiv, der Mann ist ja schließlich Kritiker: Die seltsamen Gebräuche des kirchlichen Kampfes gegen Taubenscheiße nehmen in seiner Lebensbeichte wesentlich mehr Platz ein als die gesamte Regierungszeit Allendes, welche er mit Widerwillen auf nur zwei Druckseiten abhandelt.
Die Worte kommen – wenn sich der Padre an eine imaginäre Nachwelt wendet – hölzern und feierlich dahergeschritten wie bei einer Prozession. Aber wenn er ein wenig durcheinandergerät durch das Fieber oder die Erinnerungen, dann bekommt die Sprache Rhythmus und Melodie. Keine schöne Melodie, aber eine eigene. Er ist nun einmal kein guter Dichter. In dieser unbeholfen erhabenen Sprache klingt es ungeheuer komisch, gleichzeitig kitschig und seltsam anrührend, wenn der Großmeister aller chilenischen Dichter, Pablo Neruda, nachts im Garten des Kritikers einsam und allein den Mond andichtet; oder wenn dessen Kollege Salvador Reyes begeistert von einer Begegnung mit Ernst Jünger erzählt.
Das chilenische Nachtstück wurde in Chile natürlich als Schlüsselroman gelesen: Manche Figuren, wie der rechtslastige schwule Großkritiker Farewell wurden enttarnt, andere, ohnehin historische, auf ihre Erscheinungsform in Roman und Wirklichkeit hin überprüft. Der Padre im Buch ist nämlich nicht nur dichtendes Mitglied des Klerus, sondern auch des Opus Dei; weltanschaulich hält er sich also in den Kreisen der schwärzesten Reaktion auf (wie bereits die Repräsentanten der Naziliteratur in Amerika). Selbstverständlich sympathisiert er mit Pinochet – so weit, dass er die ehrenvolle Aufgabe übernimmt, dem Diktator und seiner Kamarilla ahnungsloser Kommissköpfe die Grundlagen des Marxismus einzutrichtern. Wobei Pinochet ihm auch noch seine literarischen Neigungen gesteht.
Noch unwahrscheinlicher als ein Priester, der Faschisten den historischen Materialismus nahebringt, ist die Figur einer jungen mäßig begabten Schriftstellerin, die einen viel frequentierten literarischen Salon für die kulturelle Elite unterhält, während ihr Ehemann im Keller desselben Hausen Giftgas herstellt und Regimegegner foltert. Doch gerade diese Geschichte ist wahr: Dieses Ehepaar gab es wirklich. Michael Townley war ein CIA-Mann, der unter Pinochet sein Unwesen trieb, seine Frau hatte Chiles Dichter zu Gast, schrieb Erzählungen und leistete Beihilfe zum Mord an Allendes Vizepräsidenten.
Bolaño war Realist oder vielleicht doch, wie in seiner mexikanischen Dichterjugend, eher Infrarealist. Das ist einer, der die Wirklichkeit hinter den Tatsachen sucht und beschreibt, auch wenn sie dann fiktional ist. Einer, der etwas wagt. Und deshalb einer, den zu lesen ein Vergnügen, ein Abenteuer, ein Schrecken ist.
»Gut zu schreiben«, sagte Roberto Bolaño, »bedeutet, dass man fähig ist, seinen Kopf ins Dunkel zu stecken, ins Leere zu springen; dass man weiß, Literatur ist ein grundsätzlich gefährlicher Beruf. Das ist rennen am Rande des Abgrunds: Auf der einen Seite geht es bodenlos tief hinunter, auf der anderen sind die Gesichter derer, die man liebt, die lächelnden Gesichter derer, die man liebt, und die Bücher und die Freunde und das Essen. Und dieses Offensichtliche muss man akzeptieren, obwohl es manchmal schwerer auf uns lastet als die Grabplatte, die die Überreste aller toten Schriftsteller bedeckt.«
Auf Wiederlesen, Bolaño.
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren