Norwegische Literatur Norwegisches Frühlingserwachen
Per Pettersons schmerzhaft schöner Roman »Im Kielwasser« ist das kalt brennende Glanzlicht dieser Saison
Da steht ein Mann vor einer Buchhandlung, wo er vor Jahren als Buchhändler gearbeitet hat, presst seine Stirn an die verschlossene Glastür und tritt dagegen. Arvid ist dreiundvierzig, geschieden und Schriftsteller. In seiner Brust wühlt ein Schmerz, er glaubt, dass er Lungenkrebs hat, und er sieht, dass der Raum hinter der Glasscheibe während seiner Abwesenheit größer geworden ist – »Platz für viel mehr Bücher, die ich nicht mehr werde lesen können, weil ich an Lungenkrebs sterben werde«. Aber das ist ein Irrtum. Arvid muss sich nur umdrehen.
Erinnerungen an das eisige Leuchten eines Wintertages
Drei Jahre vor seinem im Herbst von der deutschen Kritik gefeierten Roman Pferde stehlen setzte der 1952 in Oslo geborene Per Petterson mit dieser quälend intensiven Szene dort ein, wo das Leben des Protagonisten an seinem Tiefpunkt angelangt ist. Nach und nach schießen dann Erinnerungen in das De Profundis ein. Das Brennen der Sonne im Nacken verwandelt sich ins eisige Leuchten eines Wintertages, in ein Kindheitsglück mit Reifrand. »Sonne und schönes Wetter«, lautete die allmorgendliche Hiobsbotschaft, die Arvid seinem älteren Bruder ans Bett bringen musste. Sonne und schönes Wetter, das hieß, der Vater wartete schon mit gewachsten Skiern und gepackten Rucksäcken.
Doch zwischen dem Einst der Erinnerung und dem Jetzt der Erzählung liegen Ewigkeiten. »Zunächst muß ich vielleicht noch sagen, daß die Särge wahrscheinlich nicht so schwer sind, wie man meinen könnte«, hatte der Mann vom Beerdigungsinstitut gewarnt, als Arvid und sein Bruder vor sechs Jahren die Leichen der Eltern und ihrer beiden jüngeren Brüder abholten. Von seiner ursprünglichen Familie sei nach dem Brand der Fähre Scandinavian Star nicht mehr viel übrig, hat Per Petterson dazu im Gespräch mit seiner Übersetzerin Ina Kronenberger gesagt. Bei der letzten ihrer Reisen ins dänische Ferienhaus waren sie im April 1990 dem Feuer zum Opfer gefallen. Aber Im Kielwasser ist keine Katastrophengeschichte und trotz realer Hintergründe keine Autobiografie. Es ist der Roman einer Auferstehung, ein sprödes Buch, das die Lektüre reich belohnt, ein kalt brennendes Glanzlicht dieses Frühjahrs. In knappen, prägnanten, schmerzhaft schönen Szenen erfasst Petterson das Leben zweier Generationen, liest im Treibgut, das ein Unglück aufgewirbelt hat und das noch lange danach seinen Weg an die Oberfläche findet.
Wie in Pferde stehlen steht lange ein übermächtiger Vater im Mittelpunkt. Als Arbeiter einer Schuhfabrik von jeher unter dem Panzer seines athletischen Körpers verborgen, ist er auf der Fähre ums Leben gekommen, ohne dem schreibenden Sohn seinen Segen erteilt zu haben. »So, so, Hemningway, du schreibst also. Wie schön für dich«, hatte er dessen Debüt vielmehr kommentiert. In diesem »Hemningway«, in dieser Namensverunstaltung schienen sich ostentative Ignoranz und Verachtung des Arbeiters gegenüber dem Intellektuellen verbündet zu haben. Doch auch der so penetrant vitale Sportler hatte sein Leben erst im zweiten Ansatz in den Griff bekommen. Und schon vor dem Fährunglück hatte dieses Leben begonnen, den an Krebs Erkrankten schmerzhaft im Stich zu lassen.
- Datum 31.07.2008 - 10:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT
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