Roman Fremd ist der Fremde vor allem sich selbst
Natasha Radojčić schreibt wie ein balkanischer Gabriel García Márquez – auf Englisch, denn die begabte exjugoslawische Autorin lebt in New York
Die Gegend ist meist hügelig, das Grün wirkt abgeschabt, die Bebauung schütter. Ein Mann auf dem schlammigen Weg zwischen Pfützen deutet mit ausgestrecktem Arm auf eines der seltsam zusammengeflickten Häuser oder auf die Straße. Oft weist die Geste über den Bildrand hinaus. Für sich genommen, sind diese ereignislos anmutenden Szenen kaum zu enträtseln. Doch inzwischen hat man sie oft genug gesehen, gedruckt oder in Dokumentarfilmen. Diese Bilder gehören zur Ikonografie der Kriege, Vertreibungen und Massaker im ehemaligen Jugoslawien. Immer zeigt da jemand auf den Ort einer Verletzung – das war mein Haus, von dort sind sie gekommen, da ist es passiert. Von Grauen und Dramatik ist in diesen Fotos und Filmen nichts mehr zu sehen.
Auch Halid könnte so einer sein, der einem Beobachter die Verhältnisse in seinem Dorf erklärt. Und erzählt, wo er sich mit seinem Freund Momir und anderen herumgetrieben hat, in den fernen Zeiten, als das Zusammenleben von Muslimen und Christen, Bosniern und Serben nicht durch einen blutige Riss zerstört war.
Dort ist der Obstgarten seiner Familie, die einst zu den Großgrundbesitzern gehörte, bis sie unter Tito enteignet wurde. Daneben das Haus, wo seine einsame Mutter seit fünf Jahren auf Halids Briefe und seine Rückkehr wartet, und um das er trotzdem zwei Tage und Nächte lang einen Bogen macht. Eine unausgesprochene Scheu hält ihn zurück. Noch will er seine Heimkehr durch das Betreten des Elternhauses nicht besiegeln.
Erst muss er noch einige Dinge klären. Vor allem, wie es um Mira steht, die er einst geliebt und trotzdem in die Arme seines Freundes Momir gestoßen hat. Erst will er sich beim Schankwirt Shukri nach der langen Busfahrt mit einem Rakija wärmen und etwas über die Neuigkeiten im Dorf erfahren. Er sucht nach dem alten Pap, dessen jüdische Familie den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt hat und den alle als Ratgeber schätzen. Und außerdem steht ein Besuch bei Ghurge in der »Zigeunerkolonie« an, wo es außer Schnaps auch noch Musik und Mädchen gibt.
So lässt sich Halids Heimkehr an, und es sieht ganz so aus, als wäre dieser Erstlingsroman in gewisser Weise auch eine Heimkehr seiner Autorin. Natasha Radojčić wurde als Tochter einer bosnischen Mutter und eines serbischen Vaters geboren. Mit Anfang zwanzig ging sie Ende der achtziger Jahre in die USA. Heute lebt sie in New York und hat sich alle Voraussetzungen erkämpft, eine beachtliche amerikanische Autorin zu werden. Zunächst versuchte sie sich an ziselierten Liebesgeschichten. Der Krieg im Land ihrer Herkunft, das Bangen um Familie, Freunde und Verwandte brachte sie jedoch davon ab.
- Datum 21.03.2007 - 12:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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