Das Buch, das ich 1987 in einem wie immer dunklen und schlecht gelüfteten Antiquariat in der amerikanischen Kleinstadt Champaign kaufte, war von einer Art Lila, die fast schon ins Bordeauxrote ging; die Art von Bordeauxrot, die auch die Schulfarbe der High School war, um die ich jeden Nachmittag rannte, weil ich unbedingt ins Tennisteam wollte, das vom deutschstämmigen Mike trainiert wurde, der sich gern als harter Hund sah und uns deshalb erst einmal rennen ließ. In den Schulgängen roch es nach Putzmittel, auf der Straße roch es nach Frühling, der Titel des Buches stand in gelben Buchstaben darauf, und als ich es zu Hause aufschlug, wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hasse alte Bücher; ich hasse den Geruch von altem Papier.

Amerikanische Taschenbücher haben außerdem die unangenehme Eigenschaft, dass sie so billig gedruckt sind und die Buchstaben an den Rändern auszulaufen und ins Papier zu sickern scheinen. Und dass sie abfärben. Es war ein besonders warmer Spätwinter in dem Jahr, als ich in Champaign lebte, deshalb hatte ich beim Lesen von Catcher in the Rye immer schwitzige, schwarze Finger. Ich konzentrierte mich darauf, das Buch so zu halten, dass ich möglichst die Buchstaben nicht berührte; vielleicht lag es daran, dass die Geschichte von Holden Caulfield etwas an mir vorbeiglitt. Vielleicht war ich auch einfach zu jung, um einen Roman zu mögen, der von jemandem handelte, der genauso alt war wie ich.

Wenn wir Jungs vom Tennisteam nach dem Unterricht um den Backsteinbau der Central High rannten, Runde um Runde, dann parkten die Autos der älteren Schüler auf der Straße unter den Ahornbäumen, sie hatten die Türen auf und warteten auf die Mädchen und spielten, so scheint es mir heute, immer das gleiche Lied, das Lied dieses Frühlings, einen lauten, krachenden Schrei der guten Laune. »You gotta fight for your right to paaaarty!«

Ich verstand nicht, was Salinger schrieb, ich verstand nicht, was die Beastie Boys brüllten. In beiden Fällen war ich gemeint, das wusste ich immerhin. Salinger erzählt von jener Art von Sinnsuche, die 17-Jährige in den fünfziger Jahren und auch heute beschäftigen soll; die Beastie Boys erzählen von jener Art von Spaßsuche, die 17-Jährige immer und überall beschäftigen soll. Aber das Problem damit, 17 zu sein, ist ja gerade das: dass man sich immer gemeint fühlt und trotzdem nie richtig verstanden. Schon gar nicht in den Büchern, in denen Ältere vom Jungsein erzählen.

Was natürlich ein Problem ist. Denn wie sonst kann man die Distanz überbrücken, die sich in diesem Alter auftut? Die einen strecken sich aus und wollen wissen, was das Leben ist und wie es geht, und wollen es anfassen und berühren; und die anderen haben schon zu viel gesehen und gelesen und verstanden, um es noch angemessen zu erzählen. Anders gesagt: Literatur entsteht aus der Erinnerung, Leben entsteht in der Gegenwart. Und die Kluft, die sich dazwischen auftut, diese Kluft ist das Rätsel und die Schönheit, die manche immerhin doch zu beschreiben wissen.