Roman
Jeder Drink kann der letzte sein
Alle haben ihn bewundert, alle haben ihn gelesen: Der Amerikaner Richard Yates erweist sich in seinem Roman »Easter Parade« wieder einmal als Meister des trunkenen Realismus.
Der Titel versteckt sein Geheimnis unauffällig an zwei Stellen dieser dreihundert Seiten, deren stilistisches Merkmal die hohe Kunst des Beiläufigen ist. Kurz bevor sie heiratet, nimmt Sarah einmal mit ihrem Verlobten, dem schüchternen wie schönen Tony, der sie die nächsten 27 Ehejahre lang verprügeln wird, an der New Yorker Easter Parade teil; dieser traditionelle Corso auf der Fifth Avenue bietet der guten Gesellschaft die Gelegenheit, nach der Ostermesse stolz die wohlgeratenen Kinder und teuren Kleider vorzuführen. Am nächsten Tag findet sich ein Foto der beiden, die sich im »Aprilsonnenschein wie die Verkörperung romantischer Liebe anlächelten«, in der New York Times: »Es war ein Bild, das aufgezogen und gerahmt und für alle Zeit geschätzt werden konnte.«
Das Leben ist keine Easter Parade, weder für Sarah und ihre Schwester Emily, die zentrale Figur des Romans, noch für beider Mutter Pookie, deren Schatten auf ihre hübschen und talentierten Töchter fällt, die gleichermaßen hinter ihren Begabungen wie den Ansprüchen zurückbleiben, die sie ans Leben hatten. 1968 stirbt die anmutige Sarah, aus der mit den Jahren eine unablässig trinkende, feiste Matrone geworden ist, an Leberzirrhose, und Emilys Blick fällt in dem verwahrlosten Haus, in dem die ältere Schwester mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen lebte, auf die Aufnahme, die 1941 ein besseres Leben verhieß. Das Bild hängt schief, und Emily rückt es gerade; doch im Leben der Schwestern und ihrer Mutter, einer peinlich exaltierten Person, die sich vergebens dem »Ziel verschrieben hatte, die schwer fassbare Eigenschaft, die sie ›Flair‹ nannte, zu erlangen«, ist nichts mehr zu korrigieren, zu richten: Unmerklich hat sich ihrer aller Weg ins Abschüssige geneigt.
Die Lebensleistung Pookies und Sarahs war es, die Fassade einer geradezu prächtigen Bürgerlichkeit bis zuletzt aufrechtzuerhalten. Pookie endet, so wie ihre Älteste, als Säuferin und deliriert in der Anstalt, in der sie langsam verdämmert, dass Emily, die elegante Intellektuelle der drei, sie nur deswegen so selten besuche, weil sie als Gattin dieses jugendlich feschen Präsidenten allzu viele Pflichten zu bewältigen hat. Wenn sie im Fernsehsaal die Nachrichten anschaut, identifiziert sie Emily stets mit Jackie Kennedy: dieses Flair! Aber auch Emily, die nach ihrem Studium einige Sprossen auf der Karriereleiter erklimmt, wird den amerikanischen Albtraum erleben und, nachdem sie als emanzipierte, erfolgreiche Frau viele gescheite oder immerhin genialisch gescheiterte Liebhaber wechselte, ihr berufliches Desaster erleiden und in schauriger Einsamkeit verkommen.
Der 1926 geborene Richard Yates war bis vor wenigen Jahren im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt. 1961 hatte ihm sein Erstling, der Roman Revolutionary Road, den kurzfristigen Ruhm eines amerikanischen Kultautors beschert; der Roman erschien 1975 in der DDR als Das Jahr der leeren Träume und begründete 2002 in neuer Übersetzung als Zeiten des Aufruhrs den verspäteten Ruhm, der Yates jetzt auch hierzulande zuteil wird. Easter Parade, 1976 veröffentlicht, ist sein vierter Roman, der Autor war also, nimmt man noch diverse Sammlungen mit Kurzgeschichten hinzu, nach seinem fulminanten Debüt keineswegs faul gewesen. Und doch ist er, stets mit guten Kritiken für seine neuen Bücher bedacht, in den USA schon in seinen mittleren Jahren langsam wieder vergessen worden. Das mag auch damit zusammenhängen, dass er die Krankheit, die nahezu alle seine literarischen Figuren in den Untergang führt, selber teilte: den Alkoholismus. Von seinem vierzigsten Lebensjahr an wird er sich immer wieder in Kliniken aufhalten, zur Alkoholsucht kommen schwere Depressionen, Wahnvorstellungen; seine beiden Ehen zerbrechen, doch noch auf seinem letzten Schreibtisch in Birmingham in Alabama, wo er 1992 stirbt, werden Fotografien seiner drei Töchter stehen.
Das könnte eine Szene aus einem seiner Romane selber sein. Was das kleine, das alltägliche Scheitern betrifft, ist Richard Yates ein literarischer Großmeister, unerbittlich werden in seinen Büchern die Lebensträume aller Protagonisten zermahlen. Unerbittlich und unversöhnt, war Yates aber kein Erzähler, der es selbstzufrieden mit zynischer Lebens- und Menschenverachtung gehalten hätte. Er zeigt seine Figuren mit all ihren Schwächen und in ihrer ganzen Lächerlichkeit, aber selbst wo er sarkastisch wird – in Easter Parade etwa in der Charakterisierung Pookies, die unentwegt bereit ist, irgendetwas »reizend« oder »schrecklich nett« zu finden –, denunziert er sie nicht. Im Gegenteil, es gibt herzergreifende Passagen in diesem Roman, die wie nebenhin erzählt sind und unvergesslich bleiben, Szenen, die so traurig anmuten, dass man sich lesend nach einem Lichtblick, einem Ausblick ins Freie zu sehnen beginnt.
Atemberaubend, wie es Yates zuwege bringt, den früh verstorbenen Vater von Emily und Sarah, der einst vor dem Dauergequassel Pookies die Flucht ergriffen hat, in deren Leben – und im Roman – stetig anwesend zu halten. Der Vater ist der Erste von all den Scheiternden, die im Roman ihre kleinen und großen Auftritte haben. Seine Töchter schwärmen in der kleinstädtischen Enge davon, dass er im großen New York eine grandiose Rolle bei der Presse spiele. Er bestärkt sie in diesem Glauben keineswegs, sondern führt sie, als sie ihn besuchen, durch die Räume der Sun, eines reaktionären Blattes, in dem er als mediokrer Korrektor arbeitet und für die Überschriften der Artikel zuständig ist. Der Vater ist auch der Erste der unzähligen Trinker, die durch diesen Roman wanken, denn wenn er die Töchter zum Mittagessen ausführt, sind die ersten beiden Whiskeys immer schon geleert, bevor das Essen aufgetischt ist.
Richard Ford, wie Steward O’Nan einer jener Autoren, die sich leidenschaftlich für die Wiederentdeckung von Richard Yates eingesetzt haben, hat über Revolutionary Road geschrieben, es würde darin »zu viel getrunken und geraucht«. Das stimmt, nicht nur was die Gesundheit der Romanfiguren, sondern auch was das soziale Gefüge der Romanwelt selbst betrifft. Wenn Easter Parade, dieser wunderbare Roman, an etwas krankt, dann daran, dass schlichtweg alle Beteiligten bis hin zu den Nebenfiguren fortwährend saufen, hemmungslos und mit verrutschten Kleidern die einen, weltmännisch mit dem Cocktailglas in der Hand die anderen. Das wirkt bei einem Roman, der nicht als Anklage von »König Alkohol« angelegt ist, ein wenig überdimensioniert.
Sonst aber ist in Easter Parade gestalterisch alles exzellent austariert. Der Roman spannt seinen Bogen von den dreißiger bis zu den siebziger Jahren und bietet auch eine Art von Seelengeschichte jener Ära. Die politischen Ereignisse und die sozialen Umwälzungen werden aber nicht besonders thematisiert und von den Romanfiguren auch nur selten beredet; gleichwohl sind sie stets unaufdringlich präsent, etwa wenn immer irgendwer aus der Verwandtschaft gerade dabei ist, als Soldat in einen Krieg zu ziehen.
Drei Frauen, die scheitern: Es scheint ohne Belang zu sein, ob sie sich bemü-hen, in der Rolle von Ehefrau und Mutter zu funktionieren, oder finanzielle und familiäre Unabhängigkeit anstreben – glücklich können sie alle nicht werden. Die große, zutiefst humane Romankunst von Richard Yates besteht aber gerade darin, dass er seine begabten und gescheiterten, seine tapferen und gebrochenen Heldinnen zwar ins Elend geraten lässt, aber zugleich, in kleinen Szenen aufleuchtenden Glücks, zeigt, dass sie nicht nur Besseres verdient hätten, sondern Besseres für sie auch möglich gewesen wäre.
Zu den verblüffenden Eigenheiten des Literaturbetriebs gehört es, dass er uns, mitunter mit unbegreiflicher Verspätung, doch immer wieder vorzügliche Autoren zu entdecken gibt. Wie traurig, dass Richard Yates seinen eigenen literarischen Ruhm überlebte und schon vergessen war, als er starb; wie schön, dass wir jetzt die Gelegenheit haben, ihn endlich zu lesen.
- Datum 20.3.2007 - 03:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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