Länderspiegel Unter dem Blautopf

In Baden-Württemberg haben Forscher das größte Höhlensystem Deutschlands entdeckt. Eine Region gibt sich dem Rausch der Tiefe hin.

Blaubeuren

Die schöne Lau – es gibt sie wirklich. Auf dem Rückweg zum Schacht taucht im Lampenlicht die Silhouette eines Menschen auf, ein etwa zwei Meter hoher Tropfstein mit den Umrissen einer Frauengestalt. Der Gang ist an dieser Stelle so niedrig, dass der Eindringling gezwungen ist, sich vor dieser Erscheinung zu verbeugen.

Die schöne Lau ist eine Gestalt Eduard Mörikes, zu der ihn der Anblick eines seltsamen Gewässers inspirierte, des Blautopfs, einer Karstquelle auf der Schwäbischen Alb, bei Blaubeuren gelegen. Normalerweise ist das Wasser des Sees von tiefem Blau; nach kräftigen Regenfällen aber, wenn aus einer unterirdischen Quelle mehr Wasser in den See strömt, färbt der Schlamm das Wasser erst grün, dann türkis, später braun. Dann scheint es fast zu kochen.

»Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß. Zuunterst auf dem Grund saß ehmals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte.«

Da die Frau nur tote Kinder gebar, wurde sie verbannt in einen unterirdischen Palast, dessen Zugang der Blautopf war – so geht die Geschichte, die Mörike 1853 schrieb.

Was sich wirklich unter dem Blautopf verbarg, kann der Dichter nicht gewusst, allenfalls geahnt haben. Der ehemalige Lehrer Peter Schmid, der häufig die Wanderwege um den Blautopf aufsucht, findet des Dichters Eingebung erstaunlich. »Mörike siedelte unter dem See Gänge und Hallen an zu einer Zeit, als so tief noch niemand tauchen konnte. Er hat das so schön beschrieben«, sagt Schmied, »man könnte meinen, er sei unten gewesen.«

Doch erst 1880, 30 Jahre nach Mörikes Besuch, stieg der erste Helmtaucher in den Blautopf ab. Weitere 80 Jahre sollten vergehen, bis ein Taucher den Grund erreichte. Und viele starben. 1968 kam ein erfahrener Taucher vermutlich durch Unterkühlung ums Leben. 1983 starben zwei junge Franzosen, weil ihr Luftvorrat nicht ausreichte. 2003 geriet ein erfahrener Höhlentaucher in Panik, als er manövrierunfähig die Kontrolle über die Technik verlor.

Der See zieht Romantiker und Lebensmüde an

Dass sich in den Tiefen des Blautopfs der Eingang zu einem weit verzweigten Flusshöhlennetz verbarg, war lange vermutet worden. Doch erst im Jahr 2005 entdeckten Taucher ein Naturphänomen, das ihnen die Sprache verschlug. Als sie in den trockenen Teil der Gänge vordrangen, fanden sie sich in einer unterirdischen Halle wieder, die sie Apokalypse nannten, mit einer Länge von 170 Metern und einer Höhe und Breite von 50 Metern. Von dort führen mehrere Fortsetzungen in verschiedene Richtungen. Im März wurde eine weitere große Höhle entdeckt, Kartenhaus geheißen. Am Ende der Erkundungen dürfte das größte Höhlensystem Deutschlands kartiert worden sein.

Diese Entdeckungen haben eine ganze Region in einen Rausch versetzt, einen Höhlenrausch. Teile des Systems sind auch trockenen Fußes zu erreichen. Der Musiker Martin Bürck etwa gibt, begeistert von der Akustik, Höhlenkonzerte. Er selbst hatte bei einer Höhlenbegehung ein Grenzerlebnis: In einem engen Schlot steckte er fest, konnte nicht mehr vor oder zurück. »Ich habe nach kurzer Zeit ein unheimliches Gefühl von Geborgenheit verspürt«, berichtet er, »wenn man es bildhauerisch sieht: wie eine Skulptur, die noch in der Form liegt, die völlig umschlossen ist, eingebettet und geschützt. In der Zuversicht, dass man sich doch noch befreien kann.«

Anderen macht der See Angst. Der Schauspieler Dietz-Werner Steck, der hier vor Jahren als Kommissar Bienzle einen Tatort gedreht hat, spricht von einer unheimlichen Anziehungskraft, die der blaue See auf ihn ausübte, als er eines Abends allein am Ufer stand: »In Gedanken bin ich weiter und weiter auf das Wasser zugegangen, bis ich dachte: Ich muss hier weg. Da starrt man in dieses Blau hinein, das kein Ende hat, wo man sich Fragen nach der Ewigkeit stellt. Ich fühlte diesen verdammten Sog.«

»Es ist die absolute Tiefe, in die man hinunterblickt«, sagt der Rentner und Fremdenführer Hans Busch. »Ganz früher hatte man geglaubt, der Blautopf sei bodenlos. Schon damals müssen die Menschen das Gefühl gehabt haben, dass da unten noch irgendetwas anderes sein muss.«

»Dieser See ist eine gefährliche Schönheit«, sagt auch Peter Schmid, der frühere Lehrer. So mancher Lebensmüde sei seiner Anziehungskraft erlegen. »Wenn dann der tote Körper wieder an die Oberfläche getrieben wurde, hatte man in der benachbarten Mühle eine lange Stange mit Haken, mit der sonst Birnen geschüttelt wurden, um die Leute ans Ufer zu ziehen.«

Nur ein Teil des unterirdischen Neulands liegt unter der Wasseroberfläche. Andere Höhlen werden von der Höhe aus erschlossen, etwa durch einen Schacht in einem Hügel nordwestlich des Blautopfs. Die Öffentlichkeit hat keinen Zugang, zu halsbrecherisch ist der Abstieg in die Tiefe. Reporter, denen die Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten Zugang gewährt, unterschreiben zuvor einen Haftungsausschluss.

Tief unten sind Lichtpunkte zu erkennen – die Scheinwerfer

Die Sprossen sind lehmverschmiert, sodass der Besucher mit aller Kraft zupacken muss. Der Blick nach unten lässt die Tiefe nur erahnen. 38 Meter weiter unten erscheinen die Helmscheinwerfer der Forscher als kleine Lichtpunkte.

Unten angekommen, tritt man in Wasser, festen Halt gibt es nicht. Im Kegel der Lampen wird eine Halle sichtbar, wie Spielzeugbausteine sind gewaltige Steinquader auf dem Boden verteilt, die von der Decke herabgestürzt sind. Dies ist der Ausgangspunkt der Forscher zu weiteren Exkursionen.

Nach einer Zeit, die tief unter der Erde schwer zu schätzen ist, wächst die Sehnsucht nach Vogelstimmen. Noch ein Blick auf »die schöne Lau«, dann beginnt der schweißtreibende Aufstieg durch den Kaminschacht. Irgendwann wird hoch droben ein kleiner, heller Fleck sichtbar. Der Ausschnitt des Himmels über der Einstiegstelle ist auch bei Regen ein willkommener Anblick.

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Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 28.03.2007 um 3:24 Uhr
    1. Inhalt

    sehr informativer Artikel, weiter so !

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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  • Schlagworte Tourismus | Natur | Schwarzwald | Terrorismus
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