In diesem Jahr wird alles anders. Endlich wird Schluss sein mit den mitleidigen Blicken, dem Selbsthass, dem Frustessen abends vor dem Fernseher. Schluss mit den Schokoriegeln, den Crashdiäten. Jetzt wird richtig abgespeckt, das Fitnessstudio besucht, die Ernährung langfristig umgestellt: Jeder dritte Deutsche nimmt sich zum Jahresbeginn vor, wenigstens einige Kilo an Gewicht zu verlieren. Die schwinden meist auch in den ersten Wochen, im Frühling keimt Hoffnung auf. Endlich schlank! Doch die Statistik belegt unerbittlich: Schon im nächsten Winter beklagen die meisten die zurückgekehrten Kilo; in fünf Jahren werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit dicker sein als je zuvor. Von 20 Abnehmwilligen schafft es im Durchschnitt nur einer, die schlanke Linie wenigstens über einige Jahre zu halten.

Und das, obwohl man allenthalben mit gutem Rat und klugen Konzepten überschwemmt wird. Hunderte von Ernährungsratgebern weisen den Weg, wie sich das Gewicht reduzieren lässt. Da sind zum einen die – wissenschaftlich leider haltlosen – Empfehlungen, die mit Kohlsuppe, Eiweißshakes, Hühnerbrust und Rohkost schnellen Erfolg versprechen, aber bestenfalls kurzfristig zu ein oder zwei Konfektionsgrößen weniger verhelfen. Und da sind die durchaus vernünftigen langfristigen Konzepte, die oft von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern entwickelt und in wissenschaftlichen Studien getestet werden. Doch die milliardenschwere Diätindustrie produziert vor allem eines: ein immer neues kollektives Scheitern. Mit aller Macht widersetzt sich der Körper dem Diktat von Mode und Medizin.

Zwar unterscheiden sich die Ernährungsentwürfe mitunter erheblich, im Grunde jedoch geht es immer darum, weniger zu essen und dabei möglichst nicht an Hunger zu leiden. Und so werden seit Jahren immer wieder die gleichen Rezepte empfohlen: Neben kleineren Portionen oder Kalorienzählen lautet der konventionelle Rat zumeist, den Fettgehalt der Nahrung zu senken und bei den Mahlzeiten eher auf Gemüse, Salat und Obst zu setzen. Dadurch sinkt die Energiedichte, ein voller Bauch soll dem Gehirn Sättigung melden, ohne den Körper mit Dickmachern zu überschwemmen.

Allerdings ist längst bekannt, dass der gefüllte Magen nur eines von vielen Sättigungssignalen aussendet. Unser Gedärm schlägt zurück, fordert unerbittlich etwas Nahrhaftes. Hoffnung weckten daher neuere Konzepte, die vor allem den Gehalt an stark prozessierten Kohlenhydraten senken wollen, also Weißmehl und Zucker aus dem Speiseplan streichen und durch Vollkornprodukte und Gemüse ersetzen. Das Ergebnis: Kohlenhydrate baut der Körper rasch zu Zucker um, der ins Blut übergeht und zu einem Anstieg von Insulin führt. Dieses Hormon veranlasst die Körperzellen, den überschüssigen Blutzucker aufzunehmen, was aber die Zuckerspitze ins Gegenteil verkehren kann: Unterzuckerung und Heißhungeranfälle können die Folge sein.

Ob mit Kartoffeln oder Olivenöl, letztlich geht es immer um eine negative Energiebilanz. "Es gibt nun mal die drei Hauptnährstoffe Eiweiß, Kohlenhydrate und Fett – wenn sie einen davon weglassen, dann verringern sie damit zunächst auch die Kalorien", sagt Ute Gola, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Adipositas-Gesellschaft. "Alle Diäten funktionieren zunächst auch auf einer psychischen Ebene. Sie verändern ein Grundmuster in den Gewohnheiten, das macht stolz, es motiviert. Wenn diese Veränderung nicht langfristig durchgehalten wird, pegelt sich letztlich der Körper wieder auf die frühere Energiebilanz ein."

Der systematische Vergleich bestätigt diese Einschätzung. Welche Diät man befolgt, ist eigentlich egal – solange man sie überhaupt befolgt und sich keine Wunder erhofft. So nahmen beispielsweise 160 übergewichtige Freiwillige vor einigen Jahren an der Bostoner Tufts University an einem Experiment teil, in dem sie per Zufallsprinzip einem von vier in den USA beliebten Abspeckkonzepten zugeteilt wurden. Ins Rennen gingen die Atkins-Diät, die auf viel Eiweiß und Fett, aber wenig Kohlenhydraten basiert, dann die besonders fettarme Kost nach Ornish sowie das Abnehmprogramm der Weight Watchers, das mit Gruppendynamik und Punktesystem zu kleineren Portionen animiert, und schließlich die zone diet, bei der leicht verdauliche Kohlenhydrate und Zucker gemieden werden. Ein Jahr dauerte der Versuch, und am Ende lautete das magere Ergebnis: unentschieden. In jeder Gruppe hatten die Teilnehmer im Durchschnitt bescheidene zwei bis drei Kilo verloren. "Ich halte das alles für Quatsch", sagt der Adipositas-Experte Johannes Hebebrand von der Universität Duisburg-Essen über den Streit um das beste Konzept für die schlanke Linie. "Alle diese Informationen haben nicht dazu geführt, dass die Menschen schlanker werden. Wissen alleine reicht eben nicht."

Hormone treiben Übergewichtige an die Kühlschränke

Tatsächlich haben die Ernährungsphysiologen in den vergangenen zwölf Jahren einige neue Erkenntnisse gewonnen und können uns nun zumindest detailliert erklären, warum das ersehnte Idealgewicht so unerreichbar ist: In einem hochkomplexen Netzwerk aus Botenstoffen kommunizieren Darm, Fettgewebe und Gehirn, um den Körper ein Leben lang im energetischen Gleichgewicht zu halten.