Ernährung Fett am falschen Fleck
Ist Abnehmen gesund oder gefährlich? Die Experten sind sich uneins
Schlanke Menschen leben länger, leiden seltener an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Wer abspeckt, bei dem verbessern sich rasch die Blutfettwerte, und der Blutdruck sinkt. Abnehmen, so die naheliegende Folgerung, sollte also Leben retten.
Tatsächlich aber ist der medizinische Nutzen von Diäten keineswegs bewiesen, sondern vielmehr höchst umstritten. In vielen epidemiologischen Untersuchungen steigt das Sterberisiko nach einem Gewichtsverlust. Die Interpretation dieser Daten ist allerdings sehr schwierig, denn Gewicht kann man nicht nur durch Diäten, sondern auch durch Krankheiten verlieren. Abhilfe sollen Langzeituntersuchungen schaffen, bei denen die Teilnehmer nicht nur nach ihrem Gewicht, sondern auch nach bewussten Diätvorhaben und anfänglicher Gesundheit befragt werden. Einige Studien zeigten inzwischen auch, dass gewollter Gewichtsverlust im Gegensatz zum unbeabsichtigten das Leben verlängert. Dies wird aber von mindestens ebenso vielen Untersuchungen infrage gestellt, laut denen Abnehmen auch nach Berücksichtigung aller Fehlerquellen sogar lebensgefährlich zu sein scheint.
So untersuchte beispielsweise der finnische Epidemiologe Thorkild Sorensen die Auswirkungen von Diäten, indem er das Schicksal von knapp 3000 übergewichtigen, aber gesunden Erwachsenen über 24 Jahre verfolgte. 1975 wurden die Teilnehmer erstmals über Gewicht und Diätabsichten befragt, sechs Jahre danach erneut nach dem Gewicht. In den folgenden 18 Jahren wurden alle Todesfälle dokumentiert. Das Ergebnis: Nach erfolgreicher Diät war das Sterberisiko fast doppelt so hoch wie bei Teilnehmern mit stetem Übergewicht.
Ist Abnehmen also vielleicht gar nicht so gesund wie angenommen? Darüber streiten derzeit die Experten. Grund für die widersprüchlichen Daten, so glaubt Sorensen, könnten die unterschiedlichen Folgen einer Gewichtsreduktion sein. Schon lange ist bekannt, dass nicht das Gewicht per se krank macht, sondern vor allem das Fettgewebe in der Bauchgegend, das mit seinen Stoffwechselprodukten den gesamten Körper beeinflusst. Es könnte zwar gesund sein, dieses Fett loszuwerden – aber höchst ungesund, an anderen Stellen des Körpers Fett oder gar fettfreie Masse zu verlieren. Je nach untersuchtem Kollektiv könnte mal die eine, mal die andere Auswirkung auf die Gesundheit überwiegen.
Nur darin sind die Experten einig: Am besten wäre es, Übergewicht entstünde erst gar nicht. Doch wie dick ist zu dick? Weit verbreitet ist die Aussage, jedes Kilo über einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 verringere die Lebenserwartung – das entspricht bei 1,75 Metern Körperlänge einem Gewicht von über 78 Kilogramm. Eindeutig bewiesen ist der Schaden für die Gesundheit aber nur ab einem BMI über 30 – ein 1,75 Meter großer Mensch sollte demnach nicht mehr als 90 Kilo wiegen.
Ob auch schon moderates Übergewicht das Sterberisiko erhöht, ist umstritten. So lag zum Beispiel laut einer Statistik der National Institutes of Health der USA von 2006 das Sterberisiko mit einem BMI von 29 nicht höher als bei 21. Allerdings können solche Daten dadurch verzerrt werden, dass Raucher im Mittel schlanker sind. Als die US-Statistiker nur diejenigen in der Analyse erfassten, die niemals in ihrem Leben geraucht hatten, da lag bei Menschen mit einem BMI von 28 oder 29 das Sterberisiko um 20 Prozent höher als bei den Schlankeren mit einem BMI von 24.
Die schlichte Bewertung nach Gewicht lässt wiederum außer Acht, dass vor allem das Fett in der Bauchgegend die Gesundheit gefährdet. Besonders bei Frauen sammeln sich die Kilos bevorzugt auf dem Po und den Hüften an – dort widersprechen sie vielleicht dem herrschenden Schönheitsideal, aber nicht unbedingt der Aussicht auf ein langes Leben.
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Aussichtsloser Kampf: dick bleibt dick
- Datum 24.03.2007 - 12:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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