Ernährung Dick bleibt dickSeite 3/3

Zusätzlich entscheidet unsere Veranlagung auch darüber, wie gut wir den Überschuss an Nahrung überhaupt verwerten. Forscher der US-amerikanischen Mayo-Klinik wiesen das vor acht Jahren eindrucksvoll nach, indem sie 16 normalgewichtige Probanden acht Wochen lang täglich 1000 Kilokalorien mehr als den nötigen Bedarf essen ließen. Alle durften nur die gleiche geringe Menge Sport treiben. Während etliche drei bis vier Kilo zulegten, waren es bei anderen jedoch nur wenige hundert Gramm. Mit Hilfe von detaillierten Messungen fanden die Forscher heraus, wo die überschüssigen Schnitzel und Sahnetorten geblieben waren: Bis zu 700 der 1000 überschüssigen Kilokalorien hatten manche Probanden durch unbewusste Bewegungen, etwa durch Zappeln, Gestikulieren oder kleine Muskelanspannungen verbraucht. Bei anderen hatte ein vergrößertes Phlegma sogar zu zusätzlichen Einsparungen geführt.

Umgekehrt schützt sich der Körper in Hungerzeiten mit einem rigiden Notfallprogramm des Stoffwechsels vor Gewichtsverlust, und auch hier gibt es enorme individuelle Unterschiede. Verliert ein Mensch 20 Kilo an Gewicht, sinkt allein aufgrund der verringerten Masse sein Bedarf um 300 bis 500 Kilokalorien. Bei manchen Menschen verringert sich der Grundumsatz gar um bis zu weitere 300 bis 400 Kilokalorien. Durch bislang ungeklärte Mechanismen erzeugt der Körper dann auch im Ruhezustand weniger Wärme. Dieser Effekt kann sogar über das Ende der Hungerzeit hinweg fortbestehen, und er liefert damit eine mögliche Erklärung für ein altbekanntes Paradox: Diäten machen dick. Natürlich lässt sich im Nachhinein niemals sagen, ob ein einzelner Mensch ohne Diät nicht noch mehr zugenommen hätte. Doch in fast allen Langzeitstudien nehmen diejenigen mit Diätvorsätzen im Laufe der Jahre mehr zu als anfänglich gleich schwere Menschen, die solche Versuche erst gar nicht unternehmen.

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Joschka Fischer ist ein prominentes Beispiel für den vergeblichen Kampf

Neben physiologischen Zwängen spielt bei vielen Übergewichtigen darüber hinaus noch die psychische Komponente eine große Rolle. Die Lust auf Essen entsteht oft auch durch erlernte Verhaltensmuster. So verbinden viele Menschen bestimmte Speisen mit Trost, Entspannung oder Geselligkeit. Der Lübecker Internist Achim Peters ist deshalb davon überzeugt, dass zur Entstehung von Übergewicht gleich mehrere »Setpoints« beitragen. Durch Zucker etwa lässt sich chronischer Stress mildern – wer dies über Jahre hinweg tut, sorgt dafür, dass in seinem Gehirn unweigerlich die positive Verknüpfung eingegraben wird.

In Zusammenarbeit mit Psychiatern der Universität Lübeck entwickelt Peters neue Abnehmkonzepte, die verstärkt auf Verhaltenstraining und Problemlösungsstrategien setzen. Selbst beim Sportprogramm geht es ihm nicht um den reinen Kalorienverbrauch, sondern um einen Lernprozess. »Wir empfinden Bewegung als anstrengend und unangenehm, weil in unserem Gehirn dabei der Zucker knapp wird. Durch langsame Gewöhnung kann der Körper aber dazu trainiert werden, die verfügbare Energie immer optimal auf Kopf und Körper zu verteilen, wie das bei Spitzensportlern der Fall ist«, erklärt Peters die von ihm entwickelte Theorie des selfish brain.

Über eines sind sich indes alle Diätexperten einig: Hoffnung und Realität klaffen bei den meisten Abnehmwilligen weit auseinander, die Erfolge sind bescheiden und selten von langer Dauer. Ein viel zitiertes Beispiel ist das Auf und Ab des Ex-Außenministers Joschka Fischer. »Der war hoch motiviert, ist sicherlich intelligent und nicht gerade willensschwach – und dennoch hat er wieder zugenommen«, so Stephan Herpertz. Nur wenigen Menschen gelingt die Umstellung, oft werden sie durch ein einschneidendes Erlebnis dazu motiviert. Danach müssen sie bis an ihr Lebensende mit mentaler Disziplin gegen die körpereigenen Signale ankämpfen.

Es existieren keine nachweislich funktionierenden Rezepte gegen Übergewicht – auch darüber herrscht unter Adipositas-Experten weitgehend Einigkeit. Da der gesundheitliche Nutzen des Abnehmens ohnehin angezweifelt werden darf und das angestrebte Schlankheitsideal oft rational nicht begründet ist, fordert Hebebrand ein Ende der Stigmatisierung der Dicken: »Wir brauchen erst einmal eine gesellschaftliche Debatte, ob und in welchem Ausmaß wir gegen das Übergewicht vorgehen wollen.« Das wäre seiner Meinung nach »aber nicht ohne drastische Eingriffe in die freie Marktwirtschaft möglich«. Ein verringertes Fernsehprogramm, eine Besteuerung bestimmter Lebensmittel, ein weitverzweigtes Netz von Fahrradwegen – all dies sind für Hebebrand Ansätze, wie man Menschen zu mehr Bewegung und weniger Völlerei bringen könnte.

Zum Thema:
Fett am falschen Fleck - Ist Abnehmen gesund oder gefährlich? Die Experten sind sich uneins

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Leser-Kommentare
  1. Aber den Tieren das Futter wegessen... :-) Selten so einen Blödsinn gelesen. Ich schließe daraus, dass das Gehirn doch irgendwie tierisches Eiweiss braucht. Wenn es so wäre, wären Vegetarier alles schlanke, glückliche Menschen und alle Fleischesser miesepetrige Fettwänste...
    Wenn man sich einredet durch Vegetarismus glücklicher zu werden, dann wird man das auch. Das gleiche kann man aber auch erreichen, wenn man ab und an ein gut durchgebratenes Steak ist und auch mal bei McD einkehrt...

  2. Achtung hinter dem in diesem Kommentar unauffällig platzierten Link steht eine Organisation, die sektenähnliche Züge trägt. Ich empfehle der Redaktion diesen Kommentar zu löschen.
    [Danke für den Hinweis/ Redaktion]

  3. Vegetarier werden nicht älter als normale Menschen,
    sie sehen nur älter aus.

  4. Es ist ganz logisch dass Diäten nicht helfen. Der Übergewichtige nimmt ein paar Wochen ab und kehrt danach zu seinem alten Lebenswandel zurück. Wie soll ein vorübergehender Kalorienverzicht zu einem dauerhaften Gewichtsverlust führen? Das wäre so als ob eine Woche Regen im Thschad die Sahara für alle Zeiten in Ackerland verwandeln würden. Eine 'Diät' hat nur Sinn vor einer OP oder einem ähnlichen wichtigen Termin.

    Wer abnehmen will muss seine Ernährung für die komplette Dauer seines restlichen Lebens umstellen. Weniger Industriefutter, mehr Obst und Gemüse, weniger Tierprodukte und mehr Bewegung führen dauerhaft fast immer zum Erfolg. Aber mit einer zwei Wochen Diät werde ich nicht den Rest des Lebens schlank.

    Diäten sind eine (meist teuer bezahlte) Schlankheit auf Probe.

    • Anonym
    • 25.03.2007 um 22:42 Uhr

    mal wieder neueste erkenntnisse von der wissenschaft. am besten psychologen, psychiater, ernährungswissenschaftler, mikrobiologen, mediziner usw. arbeiten alle zusammen am grossen ziel 'der einzelne ist klein und ratlos und braucht den rat der experten'. ihre beschäftigung ist gesichert indem sie immer mehr verwirrung stiften. inzwischen sind es die gene und frühkindliche prägungen, die zu übergewicht und sonstigen gesundheitlichen problemen führen - was den unschätzbaren vorteil hat nicht verantwortlich sein zu müssen (oder dürfen?) für das körperliche und seelische desaster an dessen entstehen profit gemacht wird und unsummen verdienst ermöglicht in der behandlung der krankheiten. das problem liegt im system. wenn ich essen bekämpfe - denke ich ständig an essen. wenn ich mangel leide weil ich totes esse - werde ich nie satt. (lebegesund.de). gutes stilles wasser trinken 2-3 liter am tag - bewußt essen und schmecken. unser täglich brot anschauen. aufwachen und hinschauen. dem leben einen sinn geben. das schafft gesundheit und nicht der tanz um das problem.

    • ClausM
    • 26.03.2007 um 8:33 Uhr

    Da offensichtlich sehr viele Menschen zuviel essen, kann man davon ausgehen, dass dieses Verhalten einmal sinnvoll war. Der Sinn bestand in der Vorsorge für schlechte Zeiten, in denen die Nahrung knapp wurde und ein ordentliches Fettpolster einen entscheidenden Überlebensvorteil darstellt.

    Wie immer wir im Detail auch programmiert sein mögen, einen Teil Programmierung folgt der Notwendigkeit, für Zeiten des knappen Nahrungsangebots vorzusorgen. Diese Zeiten traten je nach Klima und sonstigen Gegebenheiten mehr oder weniger öfters auf. Auf die fetten Zeiten folgten die mageren Zeiten, dass war fast immer sicher.

    Das im Falle einer Nahrungsverknappung ein Programm seine Tätigkeit aufnimmt um den Kalorienverbrauch zu reduzieren ist bekannt. Neben dem Programm für die mageren Zeiten, gibt es auch eines für die fetten Zeiten. Letzteres beschäftigt sich mit der Vorsorge für die mageren Zeiten und zwingt uns zur Gewichtszunahme.

    Bleibt die Frage, wie wird dieses Programm abgerufen? Kalorienendichte Nahrung ist der wahrscheinlichste Auslöser. Er signalisiert den Beginn der 'Fetten Zeiten' die zur Vorsorge genutzt werden müssen. Also keine Prinzregententorte und keine Grantsplitter, keine Nussecken ... . Abgepackte Nahrung ist nur mit Vorsicht zu geniessen!!!!!!!! Jetzt könnte ich gerade einen Diätführer schreiben, mache ich aber nicht.

    Beobachten Sie selbst wann Sie das Programm für die 'FettenZeiten' aufgerufen haben und schalten Sie es wieder ab.

  5. Schade, dass Frau Herden das Thema „Fleisch essen“ nicht angesprochen hat.
    Noch nie wurde in den Industrieländern soviel Fleisch gegessen wie jetzt - und so viele Tiere qualvoll gehalten und getötet.
    Es gibt eine unmittelbare Verbindung zwischen menschliches und tierisches Fett. Fett von Tieren verursacht den „heißen Hunger“ und Fleisch dazu viele Krankheiten - eigentlich so viele, dass jeder Mensch, der die Gabe zum Denken hat, selbst darauf kommen musste, dass er sich beim Essen von Würstchen u.ä. sein eigenes Grab schaufelt.
    Der einzige sichere Weg langfristig abzunehmen und schlank zu bleiben ist ein anderes Leben im Einklang mit Natur, Umwelt und sich selbst zu führen. Und dies ist gar nicht schwer, man muss es nur wollen. Ich lebe selbst seit Jahren auf dieser Weise, habe mehr als 15 Kilo abgenommen, bin gesünder und glücklicher geworden.

  6. Weniger Fleisch = weniger Gewicht. Ich lebe hier leider in einer 'Fleischesshochburg'. Die Menschen werden den Tieren die sie essen immer ähnlicher. Da kommt man sich dazwischen vor wie ein Strichmännchen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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  • Schlagworte Joschka Fischer | Wirtschaftspolitik | USA
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