Audienz 15 Minuten mit Madonna
Der größte Popstar der Welt wünscht sich Al Gore zum amerikanischen Präsidenten, macht sich Sorgen über den Mangel an weiblichen Vorbildern und ist eine strenge Mutter.
Der erste Eindruck: Die Popsängerin Madonna, geborene Madonna Louise Veronica Ciccone, ist wirklich klein, etwa 1,60 Meter (die unzähligen Schätzungen in Büchern, Artikeln und Internetseiten variieren zwischen 1,55 Meter und 1,63 Meter). Nach der Begrüßung setzt sie sich sehr schnell und streckt ihren Oberkörper gerade durch. Sie schaut nicht gern nach oben.
Madonna sieht, zweiter Eindruck, sehr jung aus, ihr Gesicht, ihr Körper, Schultern, Arme, Beine wirken geradezu jugendlich, als wäre sie höchstens 30 und würde nicht im August 49 Jahre alt. Der Körper wird täglich durch Yoga und Pilates und mit wahrscheinlich auch allen anderen Tricks und Hilfen gepflegt und gehätschelt. Er ist ihr Kapital. »Es gibt passive Schönheiten auf der Welt«, hat sie einmal gesagt. Sie meinte damit Frauen, die von Natur aus schön sind und dafür bewundert werden. »Ich war nie eine von ihnen. Ich musste kämpfen für meine Ziele, für meine Kraft, für meinen Körper. Ich bin immer eine sehr aktive Person gewesen.« Ihre dünne Haut deutet etwas von diesem Kampf an, sie schimmert blass und fast durchsichtig. Sie sagt von sich selbst, sie sei »no fun in the sun«, nicht gern in der Sonne, denn Sonne macht Falten, und Falten machen alt. Die deutlichste Sprache sprechen Madonnas Hände, die ein wenig fremd an diesem ansonsten so glatten Körper wirken. Dort sind natürliche Falten zu sehen, und blaue Venen leuchten durch die weiße Haut, als ob sie dem Beobachter signalisieren wollten: Lass dich nicht täuschen von der glatten Oberfläche, sieh uns an. Vor dir sitzt kein naives Mädchen, sondern eine erfahrene Frau, deren jahrzehntelange Disziplin sie bis hierher gebracht hat. Die Hände von Madonna sind ihr Bildnis des Dorian Gray.
Sie trägt ein weißes Kleid mit tiefem Ausschnitt, die Haare blond, lang und glatt. Am rechten Ohr hängt silbern glitzernder Schmuck, das linke Ohr ist freigelegt. Die Füße stecken in weißen, eleganten Schuhen mit hohen Absätzen. Sie nickt ihrem Gegenüber kurz zu, setzt ein amerikanisch-professionelles Lächeln auf und blinzelt zweimal mit den langen Wimpern. Das Gespräch kann beginnen.
Mit Hillary Clinton ist sie befreundet, für Al Gore würde sie kämpfen
1987, als Madonna längst ein Superstar war und überall auf der Welt erkannt wurde, sang sie Who’s That Girl?, wer ist dieses Mädchen? Wer ist diese Frau? Gibt es auf diese Frage heute eine Antwort? Reden wir erst mal über Politik. Wird sie Hillary Clinton im amerikanischen Wahlkampf unterstützen? »Ich weiß nicht, ich habe mich noch nicht entschieden.« Schwankt sie also zwischen Clinton und ihrem demokratischen Gegenkandidaten Barack Obama? »Nein, ich habe noch eine andere Hoffnung. Und diese Hoffnung heißt Al Gore.« Al Gore? Der immer etwas steif auftretende Politiker, dessen Frau sich jahrelang gegen »schmutzige Texte« in Popsongs engagierte? »Al Gore ist ein großartiger Mensch«, sagt Madonna, und dann erzählt sie etwas, was mindestens so viel über ihr Selbstbild wie über Al Gore sagt. »Ich glaube, dass er die Wahlen damals verlieren musste, um seine Persönlichkeit wirklich entfalten zu können. Bis dahin hat er versucht, den Auftrag seiner Familie zu erfüllen, er sollte Präsident werden. Danach kümmerte er sich um seine Themen, um die Fragen, die ihn beschäftigen. Er kam zu sich selbst. Ich liebe ihn!«
Es entspricht der Logik, nach der Madonna lebt. So spricht eine Frau, die ganz nach oben kam, indem sie jede Niederlage einfach wegsteckte, weitermachte, den Kampf nicht aufgab. Sie wollte Tänzerin werden, schaffte es nicht. Sie wollte als Schauspielerin anerkannt werden, auch das ist ihr nicht gelungen. Trotzdem ist sie heute eine der bekanntesten und reichsten Frauen der Welt, ihr Vermögen wird auf mehrere Hundert Millionen Dollar geschätzt. Sie hat durchgehalten. Nach dieser Logik, die auch Hollywood so liebt, muss Al Gore nun Präsident werden. Sie lächelt jetzt. »Und fanden Sie seinen Auftritt bei der Oscar-Verleihung nicht auch großartig?« Al Gore hatte auf der Bühne gesagt, er habe nun eine Entscheidung getroffen, ob er Kandidat der Demokraten werden möchte – und wurde von einsetzender Musik unterbrochen. Ein perfekter Gag, ganz nach Madonnas Geschmack. Sie sagt: »Ich würde ihn öffentlich unterstützen, wenn er ins Rennen geht.« Dabei gilt sie doch als gute Freundin von Hillary Clinton. »Ich habe tiefen Respekt für Hillary als Frau. Sie ist in diesem Sinn sicher ein Vorbild. Denn, wissen Sie«, sagt sie, und ihr Blick kreist durch den Raum, »es gibt für junge Frauen noch immer viel zu wenige weibliche Vorbilder.« Dann schwärmt sie von den Idolen ihrer Jugend, der Ballett-Tänzerin Martha Graham, einer der prägenden Figuren des Modern Dance, und der Malerin Frida Kahlo. Beide waren starke Frauen, die Widerstände in ihrem Leben überwunden haben, auch als ihr geschundener Körper nicht mehr mitmachen wollte.
Und vielleicht wird auch Madonna deshalb von anderen Frauen bewundert: für ihren Willen, sich durchzusetzen. »Martha und Frida waren meine Vorbilder«, sagt Madonna, »ich kenne ihre Biografien in- und auswendig.«
- Datum 29.04.2008 - 06:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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Es muss wohl niemandem noch eigens klar gemacht werden, dass Madonna, trotz all' ihrer vermeintlichen Tabu-Brüche, zutiefst spießig, bürgerlich, angepasst und letztlich damit auch wiedersprüchlich ist. Das ist sie schon allein auf Grund der Tatsache, perfekt im Show-System verankert zu sein. Weshalb Madonna mit Themen wie Sex provoziert, kann und muss natürlich hinterfragt werden können: ist es nur zum Zwecke der Verkäuflichkeit (Selbstinzenierung) oder steckt gar ein - wenn auch noch so kleines - widerständiges oder emanzipatorisches Motiv dahinter? Oder ist es beides? Wer möchte, kann darüber zum hunderttausendsten Male sinieren.
Aber ihr vorzuwerfen, sie sei inkonsequent (widersprüchlich), da sie ihrer Tochter den Gürtel verordne, während sie Bücher über Sex schreibt, ist doch zu dumm. Was wäre die Alternative? Soll sie es hinnehmen oder befürworten, dass u.U. erwachsene Männer ihrer minderjährigen Tochter in die Hose schauen? Soll sie ihr Kind der verklemmten Sexualmoral zum Opfer vorwerfen, gegen die sie - aus welchen Gründen auch immer - ansingt und schreibt? Nein, natürlich nicht. Das wäre eine grobe und unverzeihbare Verletzung ihrer Schutzpflicht gegenüber den Kindern.
Ihr diese notwendige, in der Natur der Sache liegende Widersprüchlichkeit als Kritik an ihrer Person zurückzuspiegeln, erinnert mich an die schlüpfrige Skandallüsternheit der vier- und fünfbuchstabigen Boulevardpresse. Das ist noch spießiger, als Madonna es selbst ist.
Den Teil des Preises der ZEIT, den dieses bescheuerte Interview gekostet hat, möchte ich gerne wieder zurück haben.
wie Madonna es vorgibt dann waere sie kaum so prominent geworden wie sie ist.Und ich glaube kaum dass sie ein positives Vorbild fuer junge Maedchen ist.Aber egal, sie kann ihre Kinder aufziehen wie sie es fuer richtig haelt - spiessig eben.
hallo,
EIN GUTER ARTIKEL.. ICH MAG MADONNA SEHR ! IND WERDE NOCH 20 JAHRE WARTEN, BIS SIE IN LITAUEN ANKOMMEN WIRD !!! ;)
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