Ausgrabung Knochenarbeit

In Basel bargen Forscher nicht nur alte Skelette, sondern auch die passenden Krankenakten – ein seltener Glücksfall für die Anthropologie.

Johann Jacob G. wiegt kaum zwanzig Kilo, als er ins Bürgerspital St. Johann in Basel eingeliefert wird. Schon seit Monaten plagen Hustenanfälle den 17-Jährigen. Appetit hat er kaum, dafür Durchfall. Apathisch liegt er im Bett. Zwei Wochen lang widersteht er der Schwindsucht. An einem Juniabend stirbt er, ruhig. Man begräbt ihn auf dem Spitalfriedhof.

150 Jahre später erlebt er seine Auferstehung. Man hat das, was von Johann Jacob G. übrig blieb, auf einen Tisch gelegt. Aus großen Augenhöhlen starrt er auf die Gesellschaft ringsherum: Da stapeln sich Schädel von Spitzmaulnashörnern, Zoo-Elefanten und einem Krokodil, das in Indien einst eine Frau fraß. Nun reißt es sein Maul im Magazin des Naturhistorischen Museums Basel auf.

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»Die Tuberkulose hat kaum Spuren hinterlassen«, sagt Gerhard Hotz, Anthropologe am Museum, und zeigt auf poröse Stellen am Unterschenkelknochen des toten Fabrikarbeiters. Man muss schon genau hinsehen, um den Befund der Krankenakte bestätigen zu können. »Ausserdem Husten, die Venen durchscheinend wie bei einer Wachsfigur«, liest Hotz aus der Diagnose vor. »Es ist ein Riesenglück, dass sich die Akte im Staatsarchiv erhalten hat.« Nicht nur diese, sondern auch die von 1060 anderen, deren Gebeine die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt ausgrub, als an der Stelle des Spitalfriedhofs ein Park angelegt wurde.

»Eine weltweit einmalige Serie«, schwärmt der Anthropologe. Weil man alles hat: Name, Alter, Herkunft, Beruf, Todesursache und die Krankenakte. »Die Skelette stehen schriftlichen Dokumenten in nichts nach«, findet Hotz. »Sie sind nur schwerer zu entschlüsseln.« Aus den Jahren zwischen 1845 und 1868 stammend, erzählen sie vom Alltag während der industriellen Revolution.

Mit einer Isotopenanalyse lässt sich die Ernährung rekonstruieren. War sie schlecht und führte zu Wachstumsstopps, ist das etwa an den Unterschenkeln abzulesen. Hotz sieht die Skelette als »Bioarchiv«, das zahlreiche Fragen zur damaligen Gesundheits- und Lebenssituation beantwortet.«

Weil die Basler Gerippe aus Zeiten vor der modernen Medizin stammen, sind sie der Anthropologie eine große Hilfe. »Sie ermöglichen uns, Funde früherer Epochen einzuschätzen«, sagt Hotz. »Wir müssen leider zu oft vom Heute auf Menschen des Mittelalters oder der Steinzeit schließen.« Und weil man das genaue Alter der Verstorbenen kennt, kann man mit ihnen testen, wie genau die Methoden der Anthropologen wirklich sind. Gemeinsam mit dem Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPI) lancierte Hotz deshalb das »Basel Project«, die große Anthropologieprüfung.

Leser-Kommentare
  1. Du stirbst, du wirst begraben, Dein Name steht auf dem Grabstein. Man gräbt Dich wieder aus und wundert sich: na sowas, Du warst es wirklich! Big surprise!

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