Naturkatastrophe Schönes Allgäu
Dromedare am Horizont und die Wanderdünen singen – ein Blick in die Zukunft meiner Heimat.
Einst war die Landschaft wie von Mädchenröcken aus blassblauen Aquarellen bedeckt, dann wurde die britisch-indische Baumwolle eingeführt, und vorbei ist es mit dem Flachsbau gewesen.
Der katholische Adel führte aus der Schweiz, um seine Privilegien zu bewahren, die Viehhaltung ein. Wiesen entstanden, es wurden Butter und Käse erwirtschaftet. Die Bauern lobten die Herrschaft, obgleich noch Hungerstürme regierten und jeder zweite Sohn, um das Erbrecht zu bewahren, auswandern musste, zum Beispiel nach Amerika.
Hundert Jahre später, nach dem letzten Krieg, war die Landschaft wild geworden. Es gab Zäune aus Stacheldraht und Ästen, verwegene Gebilde, welche Besitz dokumentierten. Die Bauern besaßen nur wenige Kühe, die vielleicht zehn Liter pro Tag gaben. Das Vieh weidete, noch ungeniert, kleine Distelinseln ab, hatte kaum Blähungen. In Brennnesselfeldern putzte es sich, die langen Zungen herausgestreckt, um eine Art Kampfgift aufzunehmen.
Geschlachtet wurde kaum. Alte Kühe, fünfzehn Jahre alt und längst trocken geworden, wandelten umher, sahen aus wie Fledermäuse mit mageren Schulterblättern gleich Flügeln, und wenn sie sich endgültig niederlegten, wurden sie beweint und in einer Grube verscharrt.
Ich kenne noch die eingesunkenen, wie keltische Hügelgräber, Male aus Vielfachgras, in dem, gezählt, 37 Blumen das Jahr über wuchsen. Am meisten betörten Kuckucksnelken, der essbare Sauerampfer oder die verzwickte Zweit- und Drittzwecke, die nach Vanille schmeckte, doch kaum ausrupfbar war. Kälber, umherbockend wie gefleckte Zoogazellen, entdeckten mit Schnauze und Hufen unterirdische Pilze, die sie verschlangen. Reste davon blieben an den Eutern der Mütter hängen, eine Weise mittelalterlicher Schimmelapotheke, heute Streptomycin genannt.
Eine Generation später begann die Abstraktion. Bäche wurden begradigt oder verrohrt; für Gebüsch und Bäume, die Wind und Regen sich sammeln ließen, erhielten Ausrotter staatliche Prämien, damit Mähmaschinen ungehindert Zugang hatten; auch Maulwurfshügel und die Löcher von Wühlmäusen schwanden. Seither sind Bussarde und Gabelweihen seltener geworden.
- Datum 26.03.2007 - 13:08 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren