Sozialforschung Die Wissenschafts-Managerin

Die Ursachen für Armut sieht Jutta Allmendinger in der ungerechten Verteilung von Chancen in unserer Gesellschaft. Von April an leitet sie das größte gesellschaftswissenschaftliche Forschungsinstitut Deutschlands.

Als sie eiligen Schrittes und mit wehendem Mantel das Café Einstein unter den Linden betritt, diesen Treffpunkt des politischen Berlin, da scheint sie den Raum gleich zu füllen. Dabei ist Jutta Allmendinger eine schmale Person, unauffällig im Hosenanzug unterwegs. Aber sie ist immer ganz präsent, egal wo sie ist. Ungeduldige Gesten, ein wacher Blick aus weit geöffneten Augen, oft ein etwas spöttischer Zug um den Mund: Allmendinger strahlt auf eine sehr lebendige Art Autorität aus. Wer Autorität nur in Gestalt stirnrunzelnder und natürlich männlicher Bescheidwisser kennt, für den ist Allmendinger eine Irritation. Sie aber wird auch jenes Berliner Chefbüro zu füllen wissen, groß wie ein halber Tennisplatz, in das sie Anfang April einzieht.

Dann leitet sie das Wissenschaftszentrum Berlin, kurz WZB, das größte gesellschaftswissenschaftliche Forschungsinstitut Deutschlands – und das einzige, das Sozialforscher und Wirtschaftsforscher unter einem Dach vereint. Die Soziologin Allmendinger wird hier sicher nicht so wie der noch amtierende Präsident, der Historiker Jürgen Kocka, hinter den sich hoch türmenden Bücherstapeln auf dem Chefschreibtisch verschwinden. Sie wird sichtbar sein. Und das ist auch ein wichtiger Teil ihres Jobs: die Sichtbarkeit des WZB zu verbessern.

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Dabei ist für Allmendinger selbst diese Sichtbarkeit nichts, was sie bewegt. Im Gegenteil: »Ich sitze extrem gern den ganzen Tag am Schreibtisch und schreibe«, sagt sie. »Aber das glaubt mir ja keiner!« Profilierungssucht werfen ihr manche Kollegen vor; vielleicht sind es nur Neider. 2003 hat Allmendinger die Leitung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit übernommen. Sie hat auf rasante Art aus einer behördenähnlichen Zahlensammelstelle ein Institut gemacht, dessen Vertreter auf internationalen Fachkonferenzen wissenschaftliche Beachtung finden und das zugleich in den heiklen Fragen der Arbeitslosigkeitsbekämpfung selbstbewusste Politikberatung macht. Das hat ihr Bild in der Öffentlichkeit geprägt. Aber ihre Rolle als Regierungsberaterin hat Allmendinger »als Machtverlust, nicht als Machtgewinn erlebt« – bei einem Uni-Seminar habe sie mehr Einfluss, sagt sie. Und viel akademisch publiziert hat sie in dieser Zeit auch nicht, wie sie selbstkritisch einräumt. Deshalb ist ihr durchaus zu glauben, dass sie sich zurücksehnt zur Wissenschaft. Dahin, wo sie herkommt: promoviert in Harvard, Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, 1992 dann mit erst 36 Jahren C-3-Professorin an der Universität München.

Wenn die kleine Jutta nicht in die Schule wollte, musste sie nicht

Schwerer zu glauben ist allerdings, dass Allmendinger als Chefin des WZB tatsächlich – so wie sie es als ihr Ideal formuliert – viel am Schreibtisch sitzen und schreiben wird. Sie selbst verweist zwar darauf, dass sie anders als im IAB einen Verwaltungsleiter haben wird. Dass sie anders als in Nürnberg auch eine Professur innehaben wird, an der Humboldt-Universität. Und doch: Allmendinger wird wie in Nürnberg so auch am WZB hauptsächlich Managerin sein. Wissenschaftsmanagerin.

Was treibt Allmendinger an, wenn es nicht die Ministeriumstermine sind und die Macht als Managerin? Es ist die Frage nach der Ungleichheit. Schon in der Schule fand sie es »absurd, warum ich ein cooles Leben führen durfte im Vergleich zu den Restriktionen, denen die anderen in der Klasse unterworfen waren«. Wenn die kleine Jutta mal nicht in die Schule wollte, musste sie nicht. Die Großeltern, Apotheker, versorgten sie mit Literatur. Der Vater arbeitete als Architekt, die Mutter als Psychologin. Die Tochter durfte an die teuersten Unis, nach Harvard. Bis heute beschäftigt das Allmendinger: Wie kommt wer in welche Position, im Bildungswesen und am Arbeitsmarkt? In Deutschland werde die Hälfte der Erfolgschancen durch das Elternhaus bestimmt, der Rest durch Bildung – »und durch Glück«, sagt Allmendinger. Da klingt die Sozialdemokratin durch. Doch die Wissenschaftlerin in Allmendinger fragt sofort nach der »sozialen Strukturierung von Glück«.

»Wirklich Pionierarbeit« habe Allmendinger bei der Erforschung von Bildungs- und Berufsverläufen geleistet, sagt Karl Ulrich Mayer, bis vor einem Jahr Kodirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, jetzt in Yale. Den Begriff der Bildungsarmut hat sie populär gemacht. Inzwischen mag er wenig aufregend erscheinen; aber noch vor wenigen Jahren wurde Armut in Deutschland fast ausschließlich als materieller Mangel aufgefasst. Dabei haben die Armen oft gar nicht zu wenig Geld. Sie haben zu wenig Perspektive. Eine neue Armutsdefinition könnte das Wissenschaftszentrum zu entwickeln versuchen, so spinnt Allmendinger Pläne. Von der geltenden Definition hierzulande hält sie wenig, wonach arm ist, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens hat. Als das Statistische Bundesamt kürzlich von zehn Millionen von Armut Gefährdeten sprach, war die Aufregung so groß wie seltsam, denn auch Studenten wurden mit hineingerechnet – also Menschen mit im Schnitt immer noch guten Aufstiegschancen. »Entscheidend sind die Bezugspunkte: Wer fühlt sich arm und warum?«, sagt Allmendinger – nur gehe es dabei eben nicht allein ums Geld. Und bei all diesen Fragen klingt die 50-jährige Professorin so unverbraucht wissbegierig wie eine Studentin im dritten Semester. Nur ungeduldiger. Viel ungeduldiger.

Leser-Kommentare
    • keox
    • 28.03.2007 um 17:54 Uhr

    'Möglicherweise gehöre sie fachlich nicht zu den zehn besten Soziologen weltweit'.
    allein dieser satz belegt, wie wissenschaft begriffen wird, wie sie sich mitunter durchaus willig, mißbrauchen läßt.

  1. 2. Armut

    Armut ist in einem kapitalistischen System welches auf Zins und Geldmengenwachstum mit Zwang zu Wachstum und Produktivitätssteigerung Systembedingt!

    oder anders gesagt - Armut ist daran zu glauben, dass ein solches System funktionieren kann - es ist Armut des Geistes und Unfähigkeit die Mathematik des Geldes durchzurechnen über zwei Generationen hinweg ohne Kriegsunterbrechnung oder sonstiger Wertezerstörung!

    Armut ist daran zu glauben, dass es nicht das Ziel ist Arbeit im herkömmlichen Sinne abzuschaffen!

  2. 3.

    das hat nix mit dummheit zu tun. das machen die absichtlich, um sich abzugrenzen von uns alten provinzfuzzis.
    wahrscheinlich ist ihr steuerberater ein
    arger wicht . wenn man das mal neurologisch betrachtet, dann ist bestimmt eins von den hundert hirnen in der lage, sich an die anforderungen
    als steuerberater anzupassen.
    nur nicht von heute auf morgen. da muß der herr steuerberater mal etwas erziehungssarbeit leisten. da hat er wahscheinch keinen bock drauf,
    bzw. kein händchen für. und widmet seine freie zeit lieber seinen eigenen kindern, bzw. seinen immobilien-
    projekten oder seinem handicap -
    oder seiner rassekatze.

  3. Soso, die Armen haben nicht zu wenig Geld.

    Glück für die Bildungsbürger als Lakaien des Großbürgertums, dass die Armen ungebildet sind. Sie könnten ansonsten – da in der absoluten Überzahl – sehr leicht Chancengleichheit herstellen.

  4. Ein sehr geschwätziger Artikel mit wenig Inhalt. Die Armut in diesem Lande ist kein Thema für Soziologie oder Ökonomie - beides empfinde ich nicht als Wissenschaften. Diese Disziplinen sind in hochstem Maße von der gesellschaftlichen Akzeptanz abhängig.

    Was soll das Ganze? Die Armut ist greifbar und muss nicht (neu) definiert, sonder mit finanziellen Anstrengungen bekämpft werden.

    Die in den letzten Jahrzehnten stattgefundenen Umdeutungen der Situation armer Menschen hat schon genug Schaden angerichtet. Da braucht es nicht noch die Glorifizierung einer Spitzenverdienerin mit übersteigertem Ego (die offenbar vom Verfasser des Artikels unterwürfig bewundert wird).

    Studenten können übrigens extrem arme Schweine sein, wenn auf Grund ihrer finanziellen Situation ein Studienabbruch notwendig wird. Dann ist es mit den tollen Zukunftsaussichen vorbei.

  5. dass in dem Wortgeklingel kein Sinn zu finden ist; die Begriffe 'Intelligenz' und 'Begabung' kommen nicht vor.
    Dann wünsche ich der Professorin weiterhin viel Vergnügen beim Erforschen des Phänomens Armut.

  6. Mir ging es wie Crest, auch ich hatte erwartet zu erfahren, welche Erklärungen denn Frau Allmendinger für die Entstehung anzubieten hat. In der Hinsicht bin ich nicht viel schlauer geworden und muss auf die altpreußische Weisheit zurückgreifen: 'Die Armut, die kommt von der Poverté'.

    • Crest
    • 28.03.2007 um 10:57 Uhr

    Vom Untertitel her hätte ich mir einige interessante Erläuterungen zu den Thesen von Fr. Allmendinger erwartet.

    Geboten wurde nur eine sprachliche Tendelei, wie man sie auf Vernissagen erlebt (und dort nachsieht). Aber vielleicht war der Artikel ja selbst als Kunstwerk konzipiert:

    nämlich als interessante Verteilung von Druckerschwärze auf Papier.

    Herzlichst Crest

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