Geschichte Eine deutsche Sittengeschichte

Götz Aly und Michael Sontheimer sind dem Schicksal des jüdischen Kondomfabrikanten Julius Fromm nachgegangen

Wer in den zwanziger Jahren über Kondome sprach, verwendete in der Regel den Begriff »Fromms«. Der Fabrikant Julius Fromm, der 1914 mit der Produktion des ersten Markenkondoms der Welt begonnen hatte, befand sich in jener Zeit auf dem Gipfel seines unternehmerischen Erfolgs. Der Name des Herstellers galt als Synonym für das Produkt selbst, und so hieß es im Berliner Volksmund: »Fromms zieht der Edelmann beim Mädel an.«

Wenn man nun Götz Alys und Michael Sontheimers Buch über Julius Fromm und seine Firma zur Hand nimmt, könnte man eine ungebrochene unternehmerische Erfolgsgeschichte erwarten, angereichert mit Ausführungen zur Konsumgeschichte der Sexualität. Die historische Realität jedoch erlaubt eine solche Darstellung nicht, denn Julius Fromm war Jude, und sein Lebenswerk wurde in der NS-Zeit und danach systematisch zerstört. Deshalb präsentieren die Autoren auch eine deutsche Sittengeschichte besonderer Art, in der nicht zuletzt Habgier, Korruption und Niedertracht hervortreten.

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Der Lebensweg des 1883 geborenen Julius Fromm liest sich über weite Strecken wie die Musterbiografie eines erfolgreichen Selfmademans und ostjüdischen Aufsteigers. Im Schtetl von Konin im damaligen »Russisch-Polen« aufgewachsen, war Fromm mit seinen Eltern und Geschwistern 1893 nach Berlin ausgewandert. Dort ließ sich die Familie im sogenannten Scheunenviertel nieder und stellte in Heimarbeit Zigaretten her. Die Fromms waren typische Repräsentanten eines ostjüdischen Unternehmerproletariats, das sich durch nimmermüden Einsatz und äußerste Bedürfnislosigkeit langsam nach oben arbeitete. Dennoch wäre Julius Fromm vermutlich nie über eine bescheidene Existenz hinausgekommen, wenn er nicht in Abendkursen Chemie studiert und sich besonders in das Feld der Gummichemie eingearbeitet hätte. 1914 eröffnete er ein Fabrikationsgeschäft für »nahtlose Gummiwaren« – ein Begriff, der eine entscheidende technische Innovation verriet: Hatten Kondome bis dahin eher Fahrradschläuchen mit wulstigen Nähten geglichen, war es Fromm gelungen, durch ein spezielles Tauchverfahren nahtlose und dünnwandige Kondome herzustellen und zur industriellen Reife zu bringen. Damit begann ein kometenhafter Aufstieg, der Fromms Act mit Produktionsstätten in Berlin-Friedrichshagen, Köpenick und Danzig bald zum unumstrittenen Marktführer machte, der allein 1931 mehr als 50 Millionen Kondome produzierte.

Dies war umso bemerkenswerter, als Kondome nur unter eingeschränkten Bedingungen beworben werden konnten. Den Verweis auf die empfängnisverhütende Funktion betrachteten die Kirchen als »öffentliche Aufforderung zur Unzucht«. Ein christlicher Vorkämpfer gegen »Schund und Schmutz« bezeichnete das Frommsche Unternehmen gar als »jüdisch-galizische Schweinefirma«. Der Name dieses antisemitischen Sittenwächters lässt aufhorchen: Es war der Christ und SS-Offizier Kurt Gerstein, später bekannt geworden durch den »Gerstein-Bericht«, mit dem er die Weltöffentlichkeit 1942 über die Massentötung von Juden durch Giftgas zu informieren suchte.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 wandelte Fromm seine Firma in eine GmbH um, doch entging er damit nicht den Pressionen, die ihn 1938 zum Verkauf des Unternehmens zwangen. Bevor er Ende 1938 nach London emigrierte, hatte er seine Firma weit unter Wert an eine Patentante Hermann Görings abtreten müssen. Baronin Elisabeth von Epenstein-Mauternburg hieß die neue Besitzerin, die Göring im Gegenzug zwei Burgen schenkte: ein drastisches Beispiel für die Verbindung von »Arisierung« und Korruption im »Dritten Reich«. In der Folgezeit plünderte der NS-Staat Fromm systematisch aus: Die Finanzbehörden konfiszierten sein Eigentum in Deutschland, insgesamt rund drei Millionen Reichsmark. Fromms Villa in Berlin wurde für einen Ritterkreuzträger der Wehrmacht umgebaut, die Einrichtung öffentlich an »Volksgenossen« versteigert. Den absoluten Tiefpunkt dieser Entwicklung musste Julius Fromm, der kurz nach Kriegsende in London gestorben war, nicht mehr miterleben: Ende 1949 eignete sich die DDR seine Fabriken im Ostteil Berlins an. Sie attestierte Fromm eine »arbeiterfeindliche Einstellung« und konfiszierte seinen Besitz als »Vermögen von Kriegsverbrechern und Naziaktivisten«: ein ebenso bizarres wie schändliches Kapitel des »Antifaschismus« in der DDR. Hätte ein Gummiwerk im niedersächsischen Zeven den Söhnen Fromms nicht den Markennamen abgekauft, dann wäre der Name »Fromms« nach 1945 vom Markt verschwunden.

Götz Aly und Michael Sontheimer haben ein gut geschriebenes und solide recherchiertes Buch vorgelegt, das eine deutsche Raubgeschichte mit dem Porträt einer ostjüdischen Aufsteigerfamilie verbindet. Alle Höhen und Tiefen deutsch-jüdischer Geschichte im 20. Jahrhundert spiegeln sich darin exemplarisch wider.

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