Kalter Krieg Wir haben überlebt
John Lewis Gaddis und Bernd Stöver beleuchten die dramatische Geschichte des Kalten Krieges aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven.
Die Atombombe sorgte für ein Gleichgewicht des Schreckens
Der ruppige Auftritt Wladimir Putins bei der Münchner Sicherheitskonferenz vor wenigen Wochen hat Reminiszenzen an den Kalten Krieg geweckt. Da hämmerte zwar keiner mit den Fäusten und dem Schuh auf dem Tisch wie 1960 KPdSU-Chef Chruschtschow vor der UN-Vollversammlung, aber der erregte Putin meldete mit amerikakritischem Klartext Russland selbstbewusst als Supermacht zurück. Aufhänger war der von den USA geplante (und in einigen Exsatellitenstaaten Ostmitteleuropas unterstützte) Raketenabwehrschild. Eröffnet der Konflikt darüber einen neuen Ost-West-Antagonismus, ein neues Wettrüsten?
Antworten liefert nicht nur die Gegenwartsdiagnose, sondern auch die rückblickende Verständigung darauf, was der Kalte Krieg in seinen verschiedenen Phasen und Ausprägungen eigentlich war. Zeithistoriker nehmen sich des Themas weltweit an, und sie treffen auf eine Leserschaft, die zum Teil noch gar nicht auf der Welt war, als Ronald Reagan seinen Gegenspieler Michael Gorbatschow aufforderte, die Berliner Mauer niederzureißen und ein Ende des säkularen Konflikts immerhin denkbar wurde. Und wer jetzt in Yale oder Potsdam sein Studium aufnimmt, für den ist selbst die Mauer, das Symbol der Epoche, eine Stück TV-Geschichte. Neu erzählt und bewertet gehört der Kalte Krieg nicht allein wegen der Aktenfunde, die man vor allem im ehemaligen Ostblock machen kann; auch wer die Epoche bewusst durchlebt hat, möchte Bilanz ziehen und sich klar darüber werden, wie die Welt seit 1990 eine andere geworden ist.
Vor allem drei Fragen werden oft gestellt: Wie kam es zum Kalten Krieg, worauf beruhte die verwunderliche Stabilität seiner prekären Un-Ordnung, und warum ging diese dann doch so sang- und klanglos unter? Zwei neue Überblicksdarstellungen arbeiten diese Fragen ab und beweisen dabei, wie unterschiedlich sich europäische und amerikanische Historiker dem gleichen Gegenstand zugewandt haben. Der in Potsdam lehrende Bernd Stöver (Jahrgang 1961) legt eine Geschichte des radikalen Zeitalters 1947–1991 vor, John Lewis Gaddis (Jahrgang 1941) eine neue Geschichte des Kalten Krieges.
Gaddis’ für deutsche Leser verfasstes Vorwort schlägt ein bekanntes Leitmotiv an: »Trotz aller Gefahren, Grausamkeiten, Kosten, Verirrungen und moralischen Kompromisse war der Kalte Krieg – wie der Zweite Weltkrieg – ein notwendiger Konflikt, in dem grundlegende Fragen ein für allemal beantwortet wurden. Es gibt keinen Grund, ihn zu vermissen. Aber angesichts der Alternativen gibt es auch kaum einen Grund, zu bedauern, dass er stattgefunden hat.« Gaddis widmet sich vor allem den Akteuren, die der schaurigen Farce der Raketenzählerei den Schlussakt bereiteten: Johannes Paul II. und Ronald Reagan, Lech Wałęsa und Michail Gorbatschow. Stöver leugnet den Einfluss großer Männer nicht, zieht aber eine kühle, systemtheoretisch informierte Sichtweise vor, zu deren Vokabular weder »Schuld« noch »Sieg« zählen, sondern evolutionäre Dynamik, Selbstreferenz und Rückkoppelungen. Vom Standpunkt der Systemerhaltung sind alle Verlierer des Kalten Krieges – und stehen wir Nachkriegskinder im Schlamassel des postwar, mit seiner unberechenbaren Multipolarität, einem gefährlich ungehegten nuklearen Vernichtungspotenzial, mit neuen religiös-ideologischen und paramilitärischen Akteuren. Die für den Kalten Krieg typische Paarung von Eindämmung (containment) und Befreiung (liberation) versagt hier offensichtlich. Die systemische Betrachtung relativiert die meistgestellten Fragen, wer den Ost-West-Konflikt angefangen und wer ihn gewonnen hat; sie konzentriert sich auf die Austarierung eines Systemgleichgewichts, das abwechselnd über Eskalation und Entspannung erreichbar war und abrupt endete, als ein Subsystem – die Sowjetunion – 1991 ausfiel.
Die Welt wird keine Neuauflage des Kalten Krieges erleben
Die Herangehensweisen bestimmen die Darstellungsstile beider Bücher: Gaddis ist ein anekdotenreicher und Pointen setzender Erzähler, der seine Leser an die Schauplätze des Dramas mitnimmt und historischen Zufällen Raum gibt. Stöver setzt uns in die Raumkapseln der Astronauten, die seinerzeit die Erde von fern betrachten und als Ganzes in den Blick nehmen konnten. Weil das Kalkül des Kalten Krieges keine Unfälle duldete (sie hätten zur Selbstzerstörung geführt), war kaum Platz für Zufälle, aber für eine unendliche Ausdifferenzierung des Ost-West-Codes in Subsysteme und Nebenschauplätze, wo heiße Stellvertreterkriege die Regel waren. Stöver behält nicht nur alle möglichen Konfliktorte im Auge, sondern spielt die Systemkonkurrenz auch faktenreich und anschaulich auf kultureller und technologischer Ebene durch. Alle Instrumente des totalen Krieges wurden benutzt – mit der Ausnahme der Atomwaffe. Während Gaddis sich an die Chronologie der Blockführer USA und Sowjetunion hält, präsentiert Stöver sein Material nach Ordnungen mehr oder weniger langer Dauer und rückt auch die vermeintliche Peripherie ins Zentrum.
Für Gaddis hatte der Kalte Krieg ein Telos: die Diskreditierung der kommunistischen Diktatur und die globale Demokratisierung, beides erleichtert durch offene Märkte und Informationsfreiheit. Wenn diese Botschaft Gaddis zum Darling der Bush-Administration machen konnte, gilt das weniger für seine übergeordnete Lehre: Der Kalte Krieg war eine sachrationale, auf einer Demonstration militärischer Stärke beruhenden Friedensordnung, die den »großen Krieg« zum Anachronismus machte; zugleich aber hörte mit ihm militärische Stärke auf, überhaupt noch ein charakteristisches Merkmal von »Macht« zu sein. Von Stöver lernt man aber, wie nach dem Auftauen der Machtblöcke der seit 1945 geführte Krieg in der Dritten Welt in die Metropolen zurückschlägt. Und die Bipolarität verbarg ein untergründiges Chaos, aus dem sich China nun noch eigensinniger herausschält.
Gaddis bleibt amerikafixiert, Stöver ist polyzentrisch. Beide Bücher sind ob dieser verschiedenen Sichtweisen lesenswert, nicht dank neuer Fakten und radikaler Einsichten, aber wegen der in sich jeweils überzeugenden Gesamtschau. Stövers großer Wurf, der die Geschichtsschreibung des Kalten Kriegs »defragmentiert« und differenziert, weist trotz seiner akademischen Rest-Sprödigkeit inhaltlich wie methodisch in die Zukunft. Und er macht die Bewertung der fraglichen Epoche nicht von aktuellen Sichtweisen abhängig, sondern umgekehrt die Aktualität im Licht der Erzählungen des cold war begreiflich. Will sagen: Putin ist gewiss kein »Musterdemokrat«, er kann aber auch außenpolitisch kein Stalin mehr sein. Deshalb erlebt die Welt keine Neuauflage des Kalten Krieges, und die Politik ließe sich zu fatalen Fehlschlüssen verleiten, wenn sie die Machtkonkurrenz mit Russland, den Nuklearkonflikt mit Iran und die Normenkonflikte mit dem radikalen Islam in dieses überholte Schema presste oder das alte Nullsummenspiel samt Raketenzählerei und Dauer -njet im Sicherheitsrat wieder aufnähme.
Nicht nur stilistisch liegen Welten zwischen Sozialwissenschaftlern in den USA und Europa. Gaddis’ Thesen haben politische Elite und Öffentlichkeit in den USA zur Kenntnis genommen, Denkfabriken haben sie im Blick auf die nationale Sicherheit kleingearbeitet. In Deutschland räumt weder die akademische noch die politische Welt solchen Publikationsereignissen den Stellenwert ein, den Aufarbeitungen der NS-Vergangenheit (zu Recht!) haben. Dabei ist die europäische Erinnerung schon weit mehr von der Geschichte nach 1945 durchdrungen, es wäre Zeit, daraus intellektuelle und politische Konsequenzen zu ziehen. Dazu gehört, dass das vereinte Deutschland seine in beiden Büchern herausgestellte Nischenexistenz verloren hat. Paradoxerweise war der Bau der Mauer eher ein Schritt zum »Kalten Frieden« als ihr Fall.
Der Kalte KriegPolitisches BuchEine neue Geschichte; aus dem Englischen von Klaus-Dieter SchmidtJohn Lewis GaddisBuchSiedler Verlag2007Berlin24,95384Der Kalte KriegPolitisches BuchGeschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991Bernd StöverBuchC. H. Beck Verlag2007München24,90528- Datum 26.03.2007 - 12:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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