Die Aufregung der beiden Wissenschaftler muss groß gewesen sein. So groß, dass sie vor lauter Ärger die feinen Chiffren vergaßen, mit denen Akademiker sonst zu sagen pflegen, dass sie nichts voneinander halten. Eine »Art von Rechthaberei, die nie bereit ist, ihre Behauptungen widerspruchsfrei zu Ende zu denken«, warfen sie dem Professor aus Stanford vor, »Häme«, kurz gefasst: »Bullshit«.

Die verbale Attacke zielte auf Hans Ulrich Gumbrecht, 58, der seit 1989 an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford Romanistik unterrichtet. Gumbrecht ist einer der präsentesten Zwischenrufer in der intellektuellen Debatte in Deutschland. Kaum einer polarisiert so stark wie er. Kaum einer ist so vielseitig. Kaum einer wurde von deutschen Zeitungen schon mit so vielen Etiketten belegt: »Einer der geistig unruhigsten Köpfe der akademischen Nachkriegszeit« sei Gumbrecht, ein »Luftbürger«, »Religionsstifter«, »Super-Amerikaner«.

Der Super-Amerikaner Gumbrecht war es, der den Unmut seiner Kollegen dermaßen erregt hat. Gumbrecht, ursprünglich aus Franken, ist seit März 2000 US-Bürger und hatte sich in der FAZ über die »Diffamierung Amerikas« im Bundestagswahlkampf 2002 beklagt: »Blindheit verursachende Volkswut« hatte er analysiert, »nationale Selbstgefälligkeit«. Wenn binnen einer Woche drei deutsche Grenzbeamte seine Staatsbürgerschaft missbilligten – was sei das dann anderes als »grassierender Antiamerikanismus«?

Nun sitzt er da, morgens um kurz vor acht in der Lobby des Berliner Adlon. Er ist einige Minuten zu früh, raucht eine Marlboro. Trägt ein schwarzes Armani-Sakko, dazu Röhrenjeans und schwarze Slipper. Er hat einen wuchtigen Schnauzbart und sieht so aus wie »der überschwängliche frühere bayerische Katholik«, als der er sich einmal in einer »autobiografischen Fantasie« bezeichnet hat. Er zieht an seiner Zigarette, beugt sich nach vorn: »Es muss etwas Starkes in meinem Text gestanden haben, dass die so aus den Latschen kippten.«

Er hatte mit seinem Essay das Ziel erreicht, eine Diskussion auszulösen. Weil »jeder durchschnittliche geisteswissenschaftliche Aufsatz sechsmal gelesen wird«, sei es »ein großer Erfolg für Geisteswissenschaftler«, eine Diskussion zu erzeugen. Ärzte könnten Kranke heilen, Ingenieure Brücken bauen, »für einen Geisteswissenschaftler ist es aber ein Erfolgskriterium, dass er polarisiert«. Mut zur Exzentrik mahnte er kürzlich in einem Aufsatz an.

Dabei beginnt seine wissenschaftliche Laufbahn gar nicht so furchtbar exzentrisch: Mit einer Arbeit zur Hyperbolik in literarischen Texten des romanischen Mittelalters wird er in Konstanz von Hans Robert Jauß promoviert, habilitiert sich dann über die parlamentarische Rhetorik der Französischen Revolution. Mit 26 wird er Professor in Bochum, in einem Alter, in dem andere ihre Magisterarbeit schreiben. Er ist ein halbes Jahr jünger, als das Beamtenrecht erlaubt – und vertritt sich ein halbes Jahr selbst, bis er den Lehrstuhl übernehmen kann. Später wechselt er nach Siegen, einem Ort, an dem man »viel stärker Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann als an den meisten anderen«. Er holt Derrida als Gast nach Siegen, gründet das erste Graduiertenkolleg. Frank Schirrmacher, heute Herausgeber der FAZ, schreibt seine Doktorarbeit bei ihm. Gumbrecht verfasst maßgebliche Werke, über die Geschichte der spanischen Literatur genauso wie später über Hermeneutik. 1989 geht er nach Stanford – und erschließt sich nach und nach die Epochen der Geschichte. »Außer der Renaissance«, sagt er, »gibt es keine Zeit, über die ich nicht schon gearbeitet habe.«

Sein Oeuvre ist in der Tat vielfältig. Während andere über »Apfelbezeichnungen im Sardischen« arbeiten, wie er lästert, erreicht er Hunderttausende – schreibt unzählige Zeitungsartikel oder tritt im brasilianischen Sportfernsehen auf. Seine Publikationsliste füllt 45 eng bedruckte Seiten, seine Bücher sind nicht nur auf Deutsch und Englisch erschienen, sondern auch auf Portugiesisch, Spanisch, Niederländisch, Russisch und Chinesisch.