Deutsche Einheit Die deutsche Einheit – eine Erfolgsgeschichte?
Richard Schröders Streitschrift möchte mit Irrtümern aufräumen, bleibt aber in guten Absichten und halben Wahrheiten stecken.
Wann ist die deutsche Einheit vollendet? Wenn ihr mit der unsinnigen Fragerei aufhört.« Richard Schröder, Philosoph und Theologe an der Humboldt-Universität zu Berlin, kann sie nicht mehr hören, die Fragen der Journalisten nach dem Stand der deutschen Einheit. Noch mehr aber stören ihn die verbreiteten »Irrtümer über die deutsche Einheit«, wie sie vor allem in den neuen Bundesländern in Umlauf sind. So hat er ein weiteres Buch geschrieben, und es ist Rechtfertigung und Streitschrift zugleich geworden. Sein heiliger Zorn gilt nicht möglichen Irrtümern rund um den Einigungsprozess, sondern ganz im Gegenteil jenen, die vor lauter Kritik das Positive nicht erkennen können. So ist mehr entstanden als ein mal gescheiter, mal oberflächlicher Report über die Stimmungen und Befindlichkeiten der Deutschen. Schröders Buch ist zugleich ein herausragendes Dokument, wie die Fixierung auf jene »ungeheuere Begebenheit« vor bald zwanzig Jahren den Blick nicht freier macht für gemeinsame Perspektiven.
Dabei mag man dem Autor gerne zustimmen, wenn er sich über politisch korrekte Illusionen mokiert: »Was soll denn das sein: die vollendete Einheit? Ost und West ein Herz und eine Seele?« Auch überrascht nicht, dass er eine insgesamt positive Bilanz zieht, sondern wie er das tut. Seine Streitschrift wendet sich nicht gegen Fehler im Einigungsprozess (»Meine Liste ist nicht sehr lang«), sondern gegen Irrtümer in den Köpfen der Menschen. Schröder listet 32 Irrtümer über die deutsche Einheit auf. Zehn davon beziehen sich auf die ehemalige DDR (die Ostdeutschen hätten »nie richtig arbeiten gelernt« oder das Ende des SED-Regimes sei »nicht einer Revolution, sondern Gorbatschow« zu verdanken), dreizehn auf den Prozess der Vereinigung selbst (wenn etwa argumentiert wird: »Die Währungsunion kam zu früh« oder: »Der Umtauschkurs war falsch« oder: »Der Westen hat den Osten kolonisiert«); neun Irrtümer, vor allem im Westen, gelten dem vereinigten Deutschland (der Osten sei »atheistisch« oder »rechtsextrem und ausländerfeindlich« und überhaupt ein »Jammertal«). Auf dem Streifzug gegen die Irrtümer der neuen deutschen Zeit begegnet der Leser treffenden Beobachtungen und originellen Kommentaren, doch nicht selten aber auch politisch korrekten Landschaftsmalereien. Das liest sich dann so: Zwar gebe es rechtsradikales Gedankengut im Osten, aber Wahlerfolge der NPD und der Republikaner habe es schließlich auch im Westen schon gegeben.
Man spürt die Absicht, hat Verständnis und ist dann doch verstimmt. Die deutsche Einheit soll nicht ständig unter »Pleiten, Pech und Pannen« abgehandelt werden. So weit, so gut. Dass der Autor trotzdem sein Ziel verfehlt, hat Gründe; sie liegen nicht in der Beobachtung, sondern im Ansatz. Schröder nennt vier Maßstäbe für den Erfolg oder Misserfolg des Einigungsprozesses. Da ist einmal die (doppelte) Perspektive von außen: Wie wird die deutsche Einheit von Ausländern beurteilt? Und wie sieht es mit der »inneren Einheit« anderswo aus? Bei diesem Vergleich schneidet Deutschland fabelhaft ab. Der Blick in die deutsche Geschichte zeigt Spaltungen, Konflikte und Kriege, im Vergleich zu denen der gegenwärtige Zustand Deutschlands wiederum wie eine positive historische Ausnahme wirkt. Als dritter Maßstab für den Erfolg der deutschen Einheit dienen die anderen ehemals sozialistischen Länder. Dort gehe es den Menschen durchweg schlechter als in den neuen Bundesländern. Beim Vergleich der Lebensbedingungen in der DDR mit unseren heutigen verstehe sich der Erfolg der Einheit ohnehin von selbst.
Diese Kriterien des Erfolgs spielt der Autor nun in allen Variationen durch. Die Partei Die Linke.PDS ist, gewiss doch, keine Eta und keine Lega Ost und auch sonst keine separatistische Bewegung, von einem Vergleich mit Ländern, die zerfallen (Tschechoslowakei) oder ganz verschwunden sind (Jugoslawien) ganz zu schweigen. Doch was besagt das alles? Der Blick in die Geschichte sensibilisiert für die Unterschiede in Deutschland gerade auch innerhalb des Westens wie des Ostens damals und auch heute. Nicht nur hier hat das Buch starke Passagen. Doch dann kommen windelweiche Sätze wie: «Leider gehen viele Ostdeutsche in den Westen, der Arbeit oder der Ausbildung wegen. Sie haben aber dort überhaupt keine Integrationsprobleme.« Sagt das wirklich etwas aus darüber, »wie gut es mit der deutschen Einheit bestellt ist«? Anders als potenzielle Investoren im Osten haben östliche und auch andere Migranten überall dort keine Probleme, wo es ein tolerantes Klima und eine positive wirtschaftliche Entwicklung gibt, wo es sich auch mit anderem Dialekt und anderer Farbe gut leben und arbeiten lässt. Werfen solche Zusammenhänge nicht viel mehr störende Fragen als beruhigende Antworten auf?
Und so geht es weiter mit guten Absichten und halben Wahrheiten. Ostdeutschland schneide »sehr gut ab«, verglichen mit anderen östlichen Ländern. Doch dem, der in kurzen Zeitabständen durch Böhmen und Mähren, Ungarn und die Slowakei streift und die Stimmung und Entwicklung dort mit der Lage in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg vergleicht, kommen ganz andere Gedanken. Erfolg und Selbstbewusstsein lassen sich nicht allein von äußeren Indikatoren ableiten. Dort müssen sich die Menschen nicht mit einer (westlichen) Bundesrepublik vergleichen, haben aber das Gefühl, aus eigener Kraft etwas zu erreichen. Hier gehen die Besten dorthin, wo es ihnen besser geht.
- Datum 26.03.2007 - 04:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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