Vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und nichts lag näher als die Vermutung oder Hoffnung, das Kapitel RAF sei historisch abgeschlossen. Wir haben andere Sorgen, in der Tat. Die ungeheure Erregung jedoch, die von der bevorstehenden Freilassung der Terroristin Brigitte Mohnhaupt und der möglichen Begnadigung des Terroristen Christian Klar ausgelöst wurde, macht offenkundig, dass es ein ungeheiltes, womöglich unheilbares Trauma gibt. Ulrike Meinhof im Gefägnishof Köln-Ossendorf, 17.06.1972; Andreas Baader und Gudrun Ensslin vor Gericht, 1968 (links) BILD

Zunächst hat dieses Trauma damit zu tun, dass in den Jahren des Terrors 34 Menschen ermordet wurden – Polizisten, Bankiers, Fahrer, Hausfrauen, Staatsanwälte, Unternehmer – und dass jeder oder jede von ihnen Angehörige hinterlassen hat, die nie mehr zur Tagesordnung übergehen konnten. Aber die Erschütterung, die vom Linksterrorismus ausging, hat ihre Ursache nicht allein in den Anschlägen einer Gruppe, die zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung nicht mehr als 250 Personen umfasste, sondern auch und vor allem im Sympathisantentum. Denn der Terror, den Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und ihre Nachfolger inszenierten und vollstreckten, war nicht die Untat externer Invasoren (wie heute die Attentate der Islamisten), sondern er war ein interner Exzess. Er kam aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft, er fand in ihr das Milieu, aus dem er sich rekrutierte. Und er stieß auf eine intellektuelle Öffentlichkeit, die den Weg der Gruppe anfangs mit Sympathie verfolgte.

Der Kaufhausbrand, den Gudrun Ensslin und Andreas Baader am 3. April 1968 in Frankfurt gelegt hatten, um damit, wie sie angaben, gegen den Krieg in Vietnam zu demonstrieren, fand in der linken Szene erheblichen Beifall, und Fritz Teufel sagte auf einer Konferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), es sei immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben – womit er auf Mackie Messer anspielte, der in Brechts Dreigroschenoper sagt: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Ensslin und Baader wurden rasch gefasst und vor Gericht gestellt. Über den Prozess schrieb Uwe Nettelbeck in der ZEIT vom 8. November 1968, es handele sich um »eine Veranstaltung, in der sich die Gewaltenteilung als eine Verteilung der Aufgabe darstellte, die zum Schutz der herrschenden Ordnung notwendige Gewalt auszuüben«.

So leichtfertig hat man damals gedacht und geschrieben, aber noch war die Lage nicht ernst. Die Frankfurter Brandstiftung als gewissermaßen surrealistisch symbolischen Akt gegen Kapitalismus und Konsumterror zu begreifen fiel umso leichter, als keine Menschen zu Schaden gekommen waren. Aber die bald danach einsetzende Debatte über die Legitimität von Gewalt gegen Sachen (im Unterschied zur Gewalt gegen Personen) begab sich auf einen Weg, an dessen Ende die Billigung des Terrors stand.

Nachdem am 7. April 1977 der Generalbundesanwalt Siegfried Buback von Mitgliedern der RAF erschossen worden war, erschien im Mitteilungsblatt des Göttinger Asta unter dem Pseudonym Mescalero ein »Nachruf«, an dessen Ende sich der Verfasser zwar gegen die Gewalt erklärte (»unser Weg zum Sozialismus kann nicht mit Leichen gepflastert werden«), an dessen Beginn jedoch einige Sätze standen, die das Land in hellen Aufruhr versetzten: »Meine Reaktion nach dem Abschuss von Buback ist schnell geschildert: Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören, ich weiß, was er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken für eine herausragende Rolle spielte. Wer sich in den letzten Tagen nur einmal genau genug sein Konterfei angesehen hat, der kann erkennen, welche Züge dieser Rechtsstaat trägt. Ehrlich, ich bedaure es ein wenig, dass wir dieses Gesicht nun nicht mehr in das rotschwarze Verbrecheralbum aufnehmen können, das wir nach der Revolution herausgeben werden.«

Die Wendung von der klammheimlichen Freude schlug ein wie ein Blitz, und sie spaltete das Land in eine Mehrheit der Empörten und eine Minderheit der Sympathisanten. Es folgte ein bizarrer Kampf um die Frage, ob dieser Text publiziert werden sollte oder dürfte. Eine Gruppe von 42 Professoren erklärte sich zu Herausgebern einer Dokumentation, in der nicht allein der Mescalero-Text abgedruckt war, sondern auch ein Artikel von Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1905, der sich mit einem Attentat auf den zaristischen Gouverneur von Moskau befasst. Die Professoren hatten dieser bizarren Zusammenstellung keinen Kommentar beigefügt, und so konnte, wer wollte, zwischen dem »Moskauer Bluthund« (Luxemburg) und dem »Typen« Buback jede beliebige Verbindung herstellen. In einem Interview mit dem Spiegel erklärte einer der Herausgeber, der Jurist Ulrich K. Preuß: »Jede Umwälzung birgt Risiken und erfordert Opfer. Der Unterschied ist, ob man sie nicht verhindern kann oder ob man sie zum Mittel erklärt, das der Zweck heiligt. Und letzteres lehnt Mescalero ab.«