RAF Klammheimliche FreundeSeite 3/3

Das entscheidende Datum war der 2. Juni 1967, als der Schah West-Berlin besuchte und Studenten dagegen demonstrierten. Da brach der dünne Boden demokratischen und rechtsstaatlichen Denkens, polizeistaatlicher Terror schuf sich Bahn. Der arglose Student Benno Ohnesorg gehörte zu jenen, die, ohne dass sie etwas Illegitimes getan hätten, von Polizisten niedergeprügelt wurden. Nach Austs Darstellung lag Ohnesorg schon fast am Boden, als der Polizist Karl-Heinz Kurras ihm aus der Entfernung von kaum einem halben Meter von schräg hinten in den Kopf schoss. Unter den empörten Studenten, die danach im SDS-Zentrum diskutierten, befand sich auch Gudrun Ensslin. Sie schrie: »Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren, Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Das ist die Generation von Auschwitz, mit denen kann man nicht argumentieren!«

Damit begann die Spaltung zwischen der alten Generation (dem »Establishment«) und der neuen Generation, die sich antiautoritär nannte. Damit waren jene Kampfbegriffe gefallen, die von nun an jedes Gespräch unmöglich machten. Der Faschist war immer der andere. Zur Tragik jener Jahre gehört, dass diejenigen, die den Kampf gegen den von ihnen so genannten Faschismus aufnahmen, ihm selber anheimfielen. Das wurde sichtbar im Antisemitismus der Terroristen, in der unmenschlichen Sprache ihrer Manifeste, in der Bestialität ihrer Anschläge. Bohrer schrieb damals: »Die emotionelle Reaktion gegen Auschwitz führt, wird sie neurotisch, zum gleichen Ende.« Eine schrecklich lange Zeit verbrachten nicht wenige der bundesdeutschen Linken damit, jenen Faschismus, den sie allerorts vermuteten, durch tückische Provokation hervorzulocken, und sie waren insgeheim erfreut, wenn er sich dann zeigte. Allzu oft wurde der Rechtsstaat im Namen eines nicht erklärten Ausnahmezustands in die Knie gezwungen – wohlgemerkt von beiden Seiten. Buback hatte, noch bevor er Generalbundesanwalt wurde, öffentlich behauptet, es sei »standeswidrig«, wenn Anwälte sich zur Verteidigung von Terroristen bereit erklärten.

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Dieses Land kann sich glücklich schätzen, dass die Schar der Demokraten am Ende groß genug war, seine Abdrift zu verhindern. Zunächst hatten die Ereignisse des 2. Juni dem linken Widerstand eine Welle der Sympathie, ja der tätigen Unterstützung zugeführt. Ich erinnere mich, dass dieses offensichtliche Unrecht meine eher unpolitischen Freunde und mich tief verstörte. Wir betrachteten den Staat und seine Vertreter mit wachsendem Argwohn. Nun begann für nicht wenige der Abstieg in den Untergrund. Die von Zeitungen des Springer-Konzerns auf verantwortungsloseste Weise geschürte Kampagne verschärfte das Ohnmachtsgefühl, und der Freispruch von Kurras entsprach nur noch dem, was man ohnedies erwartete. Als der friedliebende Adorno in seiner Ästhetik-Vorlesung im Sommersemester 1968 von einem Zettel seine in unseren Ohren überaus matt klingende Protestnote gegen den Kurras-Freispruch ablas, fühlten wir uns von allen guten Geistern verlassen. Eine Allensbach-Umfrage, erhoben nach dem Tod Petra Schelms, ergab, dass jeder vierte Bundesbürger unter dreißig der RAF »gewisse Sympathien« entgegenbrachte. Jetzt eskalierte das Wechselspiel der Verdächtigungen. Polizisten hießen nur noch »Bullen« oder »Schweine«, Studenten nur noch »Chaoten« oder »Kommunisten«. Der Höhepunkt war erreicht, als eine nennenswerte Anzahl Stuttgarter Bürger den in Stammheim durch Suizid zu Tode gekommenen Häftlingen eine Beerdigung verweigern wollte.

Vor allem in ihren Anfängen bestimmte die RAF den politisch-intellektuellen Diskurs. Er ideologisierte und verschärfte sich immer mehr. Auch der Nobelpreisträger Heinrich Böll nahm daran teil, mit seinem immer noch lesenswerten Roman Die verlorene Ehre der Katharina Blum und jenem Aufsatz, in dem er »freies Geleit für Ulrike Meinhof« forderte (1972). Davor hatte Alfred Andersch das absichtsvoll skandalisierende Gedicht Artikel3(3) publiziert, in dem es hieß: »ein volk von / ex nazis / und ihren / mitläufern / betreibt schon wieder / seinen lieblingssport / die hetzjagd auf / kommunisten / sozialisten / humanisten/ dissidenten / linke.« Der Schluss des erbärmlich sprachlosen Gedichts lautete: »das neue kz / ist schon errichtet / ein geruch breitet sich aus / der geruch einer maschine / die gas erzeugt.«

So leichtfertig hat man damals gedacht und geschrieben, aber nun war die Lage ernst. Sie wurde bis zum »deutschen Herbst« 1977 immer ernster, bis auch der bornierteste Zeitgenosse begriff, welche mörderischen, zerstörerischen Folgen die Praxis der RAF hatte. Die späteren Terroristen, die entsetzlichen Techniker des Terrors, hatten nie die Aura der Gründerfiguren. Ulrike Meinhof aber, die heilige Johanna der Entrechteten, ist bis heute, gerade unter den Jüngeren, eine legendäre Figur – ganz unabhängig davon, ob sie je dem überlieferten Bild entsprach. Die unterschiedlichsten Projektionen zieht sie auf sich: Die Reinheitsfantasien der Unpolitischen, die das Spiel der Interessen für schmutzig halten; die Robin-Hood-hafte Unbedingtheit der Moralisten, denen Ungleichheit unerträglich ist; die romantische Lust auf die große, die außerordentliche Tat. Ulrike Meinhof verkörpert aber auch jene unschuldige und achtenswerte Tugend, die, bevor der Zynismus oder Realismus des Alters sie aufzehrt, das Vorrecht der Jugend ist: ein geradezu heiliges Gerechtigkeitsbedürfnis. Es sucht sich seinen Empörungsgrund.

Empörungsgrund war damals der Krieg in Vietnam. Seither hat es einige nicht minder grausame, nicht minder ungerechte Kriege gegeben. Die soziale Lage hierzulande war damals, verglichen mit der jetzigen, komfortabel. Die Unternehmer wollten noch fürs Ganze verantwortlich sein, die Öffentlichkeit betrachtete Armut noch als ein öffentliches Problem. Die Gründe der Kritik haben also eher zugenommen. Aber wenn man heute mit Studenten redet, fällt ihr zuweilen bis ins Kritiklose gehender Pragmatismus auf. Dies scheint beruhigend, weil »Umwälzung«, die Opfer »erfordert« (um ein letztes Mal mit Ulrich K. Preuß zu reden), einstweilen nicht ansteht. Aber wir sollten uns nicht darauf verlassen. Mag auch die Oberfläche der Verhältnisse entspannt wirken – wir wissen selten, was sich darunter verbirgt. Die Jahre des Terrors haben es in Erinnerung gebracht.

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Leser-Kommentare
  1. Wahrscheinlich weiss kaum noch jemand, dass es nach dem so schicksalsschweren Schah-Besuch 1967 fast noch einmal zu einem Besuch desselben Schahs in Berlin gekommen wäre: für den August 1978 war ein Staatsbesuch Rezah Pahlevis in Berlin, Hauptstadt der DDR, geplant. Dazu kam es nicht mehr, wegen des Ausbruchs der Islamischen Revolution sagte der Schah ab - wenige Monate später war er gestürzt. Einen symbolisch hoch bedeutsamen Schahbesuch im deutschsprachigen Raum hatte es bereits 100 Jahre vorher gegeben, als der damalige Schah Nasreddin den Boykott der Engländer und Franzosen gegen die Wiener Weltausstellung 1873 ignorierte und zu deren wichtigstem ausländischen Besucher wurde.

  2. Die angebliche 'Leichtfertigkeit', mit der damals geschrieben und gedacht wurde, entspricht vermutlich exakt jener, mit der ein lebensmüder Selbstmordkandidat , den Strick am Hals, auf einen Stuhl steigt. (Apropos: Man hört ja gar nichts - wie geht es eigentlich dem Kerl, der sich vor die Straßenbahn warf, nachdem er einen kleinen Jungen auf dem Gewissen und die Meute am Hals hatte?).

    Dass inzwischen 'auch der bornierteste Zeitgenosse“ nicht nur „begriff, welche mörderischen, zerstörerischen Folgen die Praxis der RAF hatte“, sondern auch, wie es dazu kommen konnte, ist im Übrigen mehr als unwahrscheinlich. Wenn es vielleicht auch nicht ubedingt der pure Zufall ist, dass die RAF-Debatte ausgerechnet nach dem Ende einer 7-jährigen Basta-Kanzlerschaft und zu Beginn einer angeblich ziemlich aufschwung-trächtigen Großen Koalition wieder aufflammt.

    Eins noch: Das „geradezu heilige[s] Gerechtigkeitsbedürfnis“, welches angeblich eine „unschuldige und achtenswerte Tugend“ und „das Vorrecht der Jugend“ ist, scheint nicht nur unter den heute Zwanzigjährigen ein ganz klein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Schade eigentlich. Vielleicht ist es ja der Virus „Zynismus oder Realismus des Alters“ zum Opfer gefallen, der heute offenbar bereits Zehnjährige krank macht, wenn sie sich nur lange genug dicht genug bei den davon infizierten Alten aufhalten.

  3. habe ich ein paar ganz einfache erklärungen:

    wie das halt so ist mit dem jung-sein: qua alter hat man einfach noch nicht genug verstanden, zu wenig gelesen, zu wenig nachgedacht. die dinge sind so großartig einfach.

    man weiss nix ist aber angesichts altersbedingter hormonumschichtungen genötigt, so zu tun, als hätte man gerade den stein der weisen gefunden.

    und weil man gerade auf 'rebellisch' getuned ist, sympathisiert man eben mit den 'rebellen', die in den fachblätter angepriesen oder eben dämonsiert werden.

    wenn man älter, belesener, verständiger wird, wird einem schnell klar, daß andere personen mehr respekt verdient haben als diese desorientierten desperados auf droge: ossietzky, die geschwister scholl, johann georg elser, um mal ein par zu nennen, die wirklich gegen ein totalitäres system angingen und von ihm gefressen wurden.

    daß es eben kein spaß ist, wenn sich jemand anmasst, eine liste zusammenzustellen von köpfen, die demnächst rollen. daß dei letzten auf deutschem boden, die das gemacht haben, die nazis waren und - ganz entsetzliche erkenntnis für einen mit 'klammheimlicher sympathie' - die raf & co kg im grunde sehr deutsch waren [in frankreich jedenfalls kam keiner auf so eine saublöde idee].

    man kann sich sicher sein, daß wir demnächst der ganzen sache in einem hohlspiegel begegnen werden, wenn die ersten durchgeknallten brüder von der braunfraktion das anwenden, worin sie bis jetzt nur geschult wurden.

    mal gespannt, ob _wir_ dann auch so bescheuert sein werden wie unsere 'alten', denen nix besseres einfiel, als in gesellschaftliche hysterie zu verfallen und so elend überreagierten, daß es heute noch nachwirkt.

    warum aber die generationen, die ein gutes stück älter waren als wir damals, sympathie für den 'bewaffneten kampf' empfanden, das macht mich - auch nach der lektüre dieses artikels und dem interessanten beitrag von hans eberhard richter in der FR - immer noch ratlos.

    oder kann sich einer von euch daran erinnern, daß damals einer von den älteren unter 'unseren leuten' mal darauf hingewiesen hätte, daß leute umzubringen eigentlich eher ein merkmal von nazis ist - und humanisten damit anders umzugehen hätten?

    mir fällt gerade keiner ein.

    • Anonym
    • 19.04.2007 um 15:00 Uhr

    als 62 Geborener ist mir die Wurzel des Terrorismus immer fremd geblieben. Für mich waren das Leute, die faschistisch erzogen oder solche Elternhäuser hatten und sich im jugendlichen Rebellentum plakativ davon absetzen wollten.
    Freilich ohne dabei die Methoden in Frage zu stellen, die sie von ihren Altvorderen übernommen hatten.
    Da ich selbst nicht dem Bürgertum entstamme, ist mir soetwas fremd geblieben.

    Das deutlich mehr dahintersteckte wurde mir erst sehr viel später bewußt, auch wenn ich meine ursprüngliche Einschätzung beibehalte, das das verkappte Nazis waren bzw. sind. Heute kann ich zwar genauso wenig entschuldigen oder vergeben aber besser verstehen.

    Traurig, dass das was die RAF bekämpfte, Mitte der 70ziger eigentlich schon gar nicht mehr existent war, weil es Anfang der 70ziger einen weitgehenden generationbedingten Wechsel gegeben hat, der nur noch nicht bis in die Staatspitze vorgedrungen war (da dort ja meist Rentner tätig sind).
    Traurig auch, dass die RAF mit ihrem Kampf genau das Gegenteil erreicht hat von dem was sie angestrebt hat, nämlich die Entliberalisierung der deutschen Gesellschaft.

    Auch deshalb ist die heute Jugend weniger Protestbereit und manchmal viel zu pragmatisch und desillusioniert. Man will das rein auf Etiketten bezogene Schema der Unterscheidung vermeiden, es muss schon viel mehr um echte Inhalte und auch die Verhaltensweisen gehen.
    Insofern sind die Auseinandersetzungen um die Freilassung der Terroristen oder auch die Aufregung um die Rede Oettingers nur ein Nachhall eben dieses alten unfruchtbaren Konfliktes.
    Die nächste Generation wird das, weil es völlig nutzlos ist, kaum noch interessieren. Hoffen wir, das die Gesellschaft nicht bis dahin so viele Verlierer produziert hat, dass diese hoffnungslos veralteten Konflikte neue Bedeutung und Nahrung erhalten und Deutschalnd damit immer wieder auf der Stelle und um sich selbst kreist.

  4. genau so ist es. Sie sind quasi der fleischgewordene Deutsche Michel.

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