Globalisierung Welt der Socken

Baumwolle! Érik Orsenna reist auf den Spuren eines Strauchs

Also machten sich die Menschen die Erde untertan. Sie fällten Bäume und versetzten Berge. Sie gruben nach Gold und bohrten nach Öl. Sie begradigten Flüsse und bestellten Felder. Sie erfanden den Kunstdünger und die Pestizide. So wurden sie zu den Herrschern der Welt. Zu ziemlich rastlosen Herrschern. Auf allen Kontinenten wetteifern sie miteinander, wer noch mehr und am allermeisten aus der Erde herausholt, ganz egal, wie sie hinterher aussieht.

Diesen Wettkampf beschreibt der französische Schriftsteller, Ökonom, Philosoph Érik Orsenna in seinem Buch Weiße Plantagen. Eine Reise durch unsere globalisierte Welt . Das Weiße ist die Baumwolle, der Stoff, aus dem sich Hosen, Hemden, Jacken, Socken, Decken und Handtücher herstellen lassen. Außerdem Mullbinden, Banknoten und Kerzendochte, Waschlappen und Taschentücher. Baumwolle steckt in Lacken und Haarpflegemitteln, in Zahnpasta und Eiscreme, in Seife und Kunstoffen. Ein vielseitiges Gewächs, Orsenna nennt sie »das Hausschwein der Botanik«, weil sich alles an ihr verwerten lässt. Trotzdem hätte er genauso gut über Kaffee schreiben können. Oder über Zucker, Mais oder Soja. Die Baumwolle dient Orsenna nur als Beispiel für eine Pflanze, die anfangs nur in einigen Ländern des Südens bekannt war, aber später zum weltweiten Wirtschaftsgut wurde. Eine Pflanze, mit der sich ziemlich viel Geld verdienen lässt. So viel, dass sie mehrere Hundert Millionen Menschen ernährt.

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Rund um den Globus, in mehr als hundert Ländern wird die Baumwolle angebaut oder verarbeitet. Also ist Orsenna losgefahren. Er war in Mali, wo die Bauern die Felder noch mit der Hacke bestellen und die Frauen und Kinder die Baumwollbüschel mit der bloßen Hand von den Sträuchern rupfen.

Er ist in die Vereinigten Staaten geflogen, wo Politiker und Lobbyisten gern den freien Markt beschwören, aber den Baumwollbauern alljährlich mehrere Milliarden Dollar zahlen, damit sie sich auf diesem Markt behaupten können. Er hat Brasilien besucht, wo die Großbauern aus ihren Feldern längst Fabriken gemacht haben, effizient wie nirgendwo sonst auf der Welt, und wo Wissenschaftler die Baumwolle mit den Genen von Spinnen anreichern, zur Qualitätssteigerung. Er ist nach Ägypten geflogen, wo die immer scheinende Sonne die beste Baumwolle der Welt wachsen lässt.

Er hat sich auf den Weg nach Usbekistan gemacht, wo während der Erntezeit alle jungen Leute zwischen zehn und fünfundzwanzig Jahren auf den Feldern arbeiten und wo die dauernde Bewässerung der Baumwollsträucher den Aralsee innerhalb von drei Jahrzehnten um die Hälfte schrumpfen ließ.

Er ist nach China gereist, wo in Datang, der Welthauptstadt der Socke, Zehntausende Arbeiter in zehntausend Firmen an sieben Tagen in der Woche und zwölf Stunden pro Tag Socken produzieren. Natürlich aus Baumwolle.

Schließlich ist er nach Frankreich zurückgekehrt, in die Vogesen, wo ein paar übrig gebliebene Textilunternehmen versuchen, den Kampf gegen die asiatische Konkurrenz zu bestehen.

Auf dieser langen Reise um die Welt hat Orsenna Feldarbeiter und Forscher befragt, Lastwagenfahrer, Museumsdirektoren, Diplomaten und einen Staatspräsidenten. Er hat Städte gesehen, die vom Baumwollgeld gebaut wurden, und Regenwälder, die vom Baumwollstrauch verdrängt werden. Dann hat er angefangen zu schreiben, sein Buch, das im vergangenen Jahr mit dem Ulysses-Preis für Reportage ausgezeichnet wurde.

Auf politische Ratschläge verzichtet Orsenna größtenteils: Sein Buch sei nur »der Bericht eines langen Spaziergangs«. Einer, von dem er in vielen kleinen Geschichten erzählt, die er Steinchen für Steinchen zusammensetzt. So entsteht etwas, das spannender ist als politische Besserwisserei: das Mosaik einer verrückten Realität, auf dem zu erkennen ist, wie sich rund um den Globus Menschen und Landstriche von einem Strauchgewächs derart in Besitz nehmen lassen, dass am Ende nicht mehr klar ist, wer hier wen beherrscht: der Mensch die Pflanze oder die Pflanze den Menschen. Dies zu zeigen ist die Stärke des Buchs.

Seine Schwäche ist die Erzählweise. Weiße Plantagen lebt von Menschen, die Orsenna beschreibt, doch viele von ihnen bleiben gesichtslos wie der afrikanische Bauernfunktionär François Traoré, den Orsenna zwar beim Namen nennt, aber nicht näher charakterisiert (dabei ist Traoré ein beeindruckender Mann, der es vom armen Kleinbauern bis zum Sprecher aller Baumwollbauern Westafrikas gebracht hat). Andere beschreibt er mit dem immergleichen Kunstgriff: Er vergleicht sie mit Prominenten (»sieht aus wie Dominique de Villepin«, … »wie Klaus Kinski«, … »wie William Faulkner«). Die Vorstellung des US-Cheflobbyisten Mark Lange gerät ihm zur Karikatur des dicken, ignoranten Amerikaners. Hätte er das vermieden, wäre ihm nicht nur ein interessantes, sondern ein großartiges Buch gelungen.

Weiße PlantagenSachbuchEine Reise durch unsere globalisierte Welt; aus dem Französischen von Antoinette Gittinter und Uta GoridisÉrik OrsennaBuchC. H. Beck Verlag2007München18,90288
 
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