Kultur Die nackte Wahrheit
Christina von Braun und Bettina Mathes lüften den Schleier, der Orient und Okzident trennt.
Man sieht sie, man sieht sie nicht. Die verschleierte Frau ist eine Irritation. Sie lebt unter uns, aber wenn wir auf sie blicken, wird der Blick vom Schleier abgefangen. Was steckt dahinter? In unserer Vermutung erscheint uns die verschleierte Frau gern als Opfer. Geknechtet von Männern, Familie, Religion, einer rückständigen islamischen Gesellschaft. Vermutlich ungebildet. Derweil sieht sie auf uns, die wir sie nicht sehen können und unverschleiert vor ihr stehen. Was sieht sie?
Wir fragen sie nicht. Wir reden über sie. »Die verschleierte Frau« ist ein Thema, das sogar Politiker, Wissenschaftler, Publizisten erregt, die das Thema »Frau« ein Leben lang als zu weich für sich empfunden haben und sich jetzt hart vornehmen, Stichworte: Ehrenmord, Zwangsheirat, Polygamie. Die verschleierte Frau schafft es, was Frauen des Westens am ehesten nackt gelingt: auf die Titelseiten der Magazine. Warum? Das ist eines der Rätsel, die das Buch Verschleierte Wirklichkeit lüften möchte, die Autorinnen haben sich vorgenommen, Die Frau, der Islam und der Westen, so der Untertitel, in ihren Bezügen zu erkunden, und sie tun es auf eine gründliche, geradezu ausschweifende Weise.
Christina von Braun und Bettina Mathes, die eine Professorin der Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin, die andere Geschlechterforscherin mit einer Professur in Pennsylvania, haben ein Buch vorgelegt, das man »mondial« nennen möchten, in ihrer Terminologie. Anders als die »global« übliche rein ökonomische Sicht auf die neue Weltgesellschaft geht es ihnen auch um soziale und kulturelle Aspekte, um Pluralität der Perspektive. Noch schöner: Das Buch erscheint als Partitur eines ungewöhnlichen wissenschaftlichen Konzerts, das Klängen aus Orient und Okzident aufs Erstaunlichste Raum gibt. Da treffen die ägyptische Religionswissenschaftlerin Leila Ahmed und die Pariser Soziologin Nilüfer Göle auf die iranische Anthropologin Fariba Adelkhah und der deutsche Islamwissenschaftler Ludwig Ammann auf die amerikanische Judaistin Susannah Henschel, es kommen religiöse islamische Texte zu Wort und Meister Eckart, der große christliche Mystiker. Dagegengesetzt: Interviews mit jungen Frauen, die inmitten der westlichen Welt ihre Identität als Musliminnen behaupten möchten.
Die Stimmen verweben sich. Der Text ist so Textur, nicht unähnlich jenem Schleiers, der angeblich den Orient vom Okzident trennt und doch in Wahrheit, so die Autorinnen, auch eine durchlässige Membran ist, an der sich die Kulturen begegnen und mischen. Wie?
Eine Ebene der Antwort wäre: historisch. Am Beispiel der Wissenskulturen von Orient und Okzident lässt sich ja gut zeigen, dass erst der frühe Transfer einer arabischen weitverzweigten Wissenskultur die spätere Fortschrittsexplosion des Westens überhaupt ermöglichte. So entstand im Jahre 800 in Bagdad die erste Papiermühle, von wo aus sich die Technik verbreitete, was dazu führte, dass im Jahre 1924 ein ägyptischer Arzt namens Muhyo Al-Deen Altwawi in der herrlichen Staatsbibliothek Berlin die Kopie einer Arbeit des syrischen Arztes Ibn al-Nafis finden konnte, der im Kairo des 13. Jahrhunderts die Entdeckung des Blutkreislauf festhielt, die Europa lieber dem Briten Harvey zuschrieb, der diese Entdeckung vier Jahrhunderte später nachvollzog. Kulturelle Amnesie! Und ein Symptom für bemühte Abgrenzung, so die Autorinnen. Beispiel: Kopftuchdebatte.
Eine Ministerin argumentiert, das Kopftuch sei als politisches Symbol untragbar, anders als die Tracht einer christlichen Nonne, die kulturell konnotiert sei. Dagegen protestieren die Nonnen, ihr Gewand sei Ausdruck des Religiösen. Und das Kreuz? Die ungelöste Frage also, was Säkularisierung bedeute, schreiben Braun und Mathes, werde vom Kreuz verschoben auf den Streit ums Kopftuch.
- Datum 27.03.2007 - 13:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
- Kommentare 6
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Ich kann jedem der sagt dass der Schleier die Frau schuetzt, raten sich mal so eine Burka ueberzustuelpen - einfach grauenhaft.Man bekommt kaum Luft-- und ich weiss nicht wieviele Polyester fuer das Ding sterben mussten! Das Kopftuch,der Schleier usw., gehoeren alle auf den Muellhaufen der Geschichte - es sei denn das Kopftuch ist von Cartier or Hermes und man kann es anbinden wo man will LOL!
es ist eine Folge des 'Poststrukturalismus', der vor allem unter einer bestimmten Generation von Akademikerinnen den Irrtum verbreitet hat, man, bzw. frau müsse nichts mehr wissen (d.h. über kein historisches, soziales, ethnologisches Grundlagenwissen mehr verfügen) um mal eben so 'mitquatschen' zu können....
Hier nun der Kommentar von MMoehling, der von einem islamistischen Forenteilnehmer des Rassismus (natürlich, was sonst) bezichtigt wurde:
'Von Satisfaktionsfähigkeit kann kaum die Rede sein...
(....) Ich behaupte, dass der Islam in allen relevanten Interpretationen Gewalt gegen Frauen legitimiert - und darin weiß mich mit denjenigen islamischen Denkern einig, die Einfluss auf die Strukturen islamischer Gesellschaften haben, von al-Qaradawi über al-Banna und Khomeini zu Maududi. Sie, Herr ilabernet, und ihre Freunde gehören immer noch nicht dazu, weswegen exegetische Diskussionen mit ihnen irrelevant sind, selbst wenn sie dazu qualifiziert wären.
> Untersuchungen an inländischen Muslima ergeben, dass ca.30% der
> Muslima und 15% der deutschen Frauen Gewalt von ihrem Partner
> erfahren.
Nein, das haben Untersuchungen der Kriminalstatistiken und soziologische Studien ergeben. Untersuchungen 'an inländischen Muslima' könnten bestenfalls ergeben, dass sie beispielsweise rosa Schlüpfer bevorzugen oder gerne die antisemitische Anadolu'da Vakit der Milli Görüş lesen.
Untersuchungen ihrer Beiträge ergeben, dass sie einen laxen Umgang mit Quellenangaben (nichtvorhanden) und deren Interpretation pflegen. Sie beziehen sich auf eine Presserklärung der Integrationsstaatsministerin vom siebten März. Von jeder siebten deutschen Frau ist die Rede, also von 14.2%. Dass Musliminnen, in Erwartung des Kommenden von ihnen Muslimas genannt, doppelt so häufig Opfer von Gewalt werden, läßt sie reflexartig zum invaliden tu quoque greifen: meine Schützlinge sind ja nicht die einzigen, die Frauen schlagen, also reden wir nicht davon, es weckt -ja was?- Vorurteile.
Vorurteile weckt auch die 'Landeskommission Berlin gegen Gewalt' (tagesspiegel.de/berlin/archiv/21.03.2007/3153623.asp). Sie spricht von 30% weiblicher Gewaltopfer unter 'Migrantinnen', die aber, und das steht dort nicht, nur 13% der Bevölkerung stellen. Außerdem kommen Migrantinnen in Berlin mehrheitlich aus Luxemburg, Bhutan, Tirol und Kasachstan, das ist bekannt.
Die fatalen Folgen, die das vom Islam perpetuierte patriarchalische Denken nach über 1300 Jahren vor allem für Frauen hat, läßt sich exemplarisch am wikipedia.org/wiki/Arab_Human_Development_Report ablesen. Bevor sie loslegen: nein, er ist kein jüdisches Machwerk, sondern von arabischen UN Mitgliedern beauftragt, und von arabischen Experten erstellt. Auszüge des Artikels, der seine Quellen nennt:
'Al Jazeera and the Economist describe education and science as being in a 'state of crisis', and 'self-doomed to failure'; three things were lacking: freedom, knowledge, and an adequate status for women [...] Adult illiteracy rates have declined but are still very high: 65m adults are illiterate, almost two-thirds of them women.'
'Women's status. The one thing that every outsider knows about the Arab world is that it does not treat its women as full citizens. The report sees this as an awful waste: how can a society prosper when it stifles half its productive potential? After all, even though women's literacy rates have trebled in the past 30 years, one in every two Arab women still can neither read nor write. Their participation in their countries' political and economic life is the lowest in the world.'
'Governments and societies (and sometimes, as in Kuwait, societies and parliamentarians are more backward than their governments) vary in the degrees of bad treatment they mete out to women. But in nearly all Arab countries, women suffer from unequal citizenship and legal entitlements. The UNDP has a “gender-empowerment measure” which shows the Arabs near the bottom (according to this measure, sub-Saharan Africa ranks even worse). But the UN was able to measure only 14 of the 22 Arab states, since the necessary data were not available in the others. This, as the report says, speaks for itself, reflecting the general lack of concern in the region for women's desire to be allowed to get on.'
Al Dschasira fasst zusammen:
'The educational system is severely retarded; schools produce ignorant young men and women who excel in rote memorisation more than educated innovators. Most intellectuals, even if they deny it, realise that most of what was said in the most recent Arab Human Development Report is true.'
Auch die Turkish Daily News hetzt, das ist nicht schön (www.turkishdailynews.com....):
- ...there [are] around 8 million illiterate Turkish women.
- Beside these 8 million illiterate women, 640,000 girls are not going
to school in Turkey
- Only 3 percent of women receive university educations
- Stating that during Ataturk's term, the number of women
parliamentarians was much higher than today, Toygar said, 'There are
only 24 women parliamentarians and only one woman minister.'
- Stating that 57 percent of Turkish women have been subjected to
violence in the first days of their marriage, Taygar said that almost 90
percent of violence in the family was subjected to women.
Der Tagesspiegel ergänzt aus dieser Studie (tagesspiegel.de/politik/nachrichten/tuerkei-frauenrechte-ehrenmorde/97432.asp): ' In der Türkei sind nach Angaben einer Forscherin in den vergangenen fünf Jahren knapp 5400 Frauen Opfer so genannter Ehrenmorde geworden'. 'Gewalt gegen Frauen halten offenbar viele Türken für normal' spekuliert der TS ganz unberechtigt. 'Zu den so genannten Ehrenmorden kämen noch einmal etwa 5000 Selbstmorde von Frauen', sagt die Leiterin des Frauenforschungszentrum an der Ägäis-Universität im westtürkischen Izmir. Ob man der Glauben schenken soll?! Das klingt doch sehr nach Nestbeschmutzung im Auftrag des Kolonialismus. Diese türkischen Forscher, man kennt die Sorte.
Von der Welt hat man ja nichts anderes erwartet, allerdings zitiert sie die Hürriyet, die wiederum ein seriöses türkisches Meinungsforschungsinstitut beauftragt hat (www.welt.de/data/2006/10/...): 'Ein gutes Drittel junger Türken sieht nichts Schlimmes am Ehrenmord [...] Zum Thema Jungfräulichkeit. Türkeiweit sprechen sich 55,3 Prozent der Studenten dafür aus, dass sie 'unbedingt' bis zur Ehe erhalten werden solle. Junge Frauen von der Middle East University in Ankara, einer der besten des Landes, sagen zu 77 Prozent, ein Mann habe das Recht, seine Frau zu schlagen, wenn sie beispielsweise das Essen anbrennen lasse.
> aber Sie haben ja auch die Welt gemeint
Nein, hatte ich noch nicht, aber ich habe auf ihre Anregung mal nachgesehen. Ich hätte jetzt auch die Amnesty-Menschenrechtsberichte von Bangladesch, Jemen, Mauretanien, Somalia, Ägypten, Syrien, Malaysia oder Iran (etc pp) durchlesen können, aber die kennen sie doch ganz gut. Und dass an dem Elend der Imperialismus und der Jude schuld ist, wissen sie sicher erst recht.
> Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß beim Hetzen
Habe ich nicht, außerdem erledigt die Weltpresse diese Schmutzarbeit ganz gut ohne mich. Sogar diejenige einiger islamischer Länder, die nicht halb so reaktionär sind, wie ihre pseudolinken Freunde - aber leider fast immer genauso antisemitisch. In der Türkei gibt es allerdings ein paar vernünftige Leute - nicht jeder informiert sich aus der Anadolu'da Vakit oder der Jungen Welt - الحمد لل.
Irgendwann muss mit diesem Thema mal Schluss sein. Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Wen interessiert denn ueberhaupt noch, was Musliminnen denken, nicht denken, was hinterm Schleier oder im Hinterkopf ablaeuft. Wir haben genug Probleme mit dem Islam in Europa und waeren froh, wenn alle Muslime morgen wieder in ihre Herkuenftslaender zurueckgehen wuerden. Da haben sie 'ihren Lebensraum' und koennen den Islam voll geniessen.
Das hat uns gerade noch gefehlt. Akademikerinnen, die Vergleiche zwischen verschiedenen Schleiern machen. Darum geht es ueberhapt nicht. Es waere den Autorinnen vorzuschlagen in einem islamischen Land zu leben um die Freiheit der Musliminnen zu beschreiben, aber das geht ja nicht, da sie als Frauen als unterwertig angesehen werden!
Frau kann eben nicht beides haben, die westliche Kultur mit Liberalismus und Aufklaerung, und den Islam, der die Frauen als minderwertig einstuft und es den Maennern erlaubt, sie zu schlagen oder umzubringen.
Ich wundere mich wohin diese naive Multikulti Idee noch fuehren soll. Vielleicht wird den westlichen Frauen ja bald vorgeschlagen Kopftuecher zu tragen, damit wir uns dieser islamischen Bewegung noch mehr anpassen koennen. Aber nein, das gibt es ja schon in Holland, wo viele Hollaenderinnen von ihren auslaendischen Sozialempfaengern belaestigt werden, eben weil sie kein Kopftuch tragen.
Die Damen lueften weder Schleier noch sonst was sondern haben etwas geschrieben, was sie jetzt gut verkaufen koennen. Vor 500 Jahren waren westliche Frauen auch mehr unterdrueckt als jetzt, das heisst aber nicht das wir als westliche Frauen uns das bieten lassen im 20. Jahrhundert. Und die kluegsten Koepfe sind unter Schleiern versteckt? Ich schlage den Damen vor an die Universitaeten ihres geliebten islamischen Ostens zu gehen. Wieviele kluge Koepfe koennen sie denn da zaehlen, die zur Uni gehen? ZERO
Es ist ja noch akzeptabel, wenn die geschichtliche Entwicklung des Kopftuches, auch bei uns, dargelegt wird, was ja auch nicht ubekannt ist.
Wie das aber mit der momentanen Nuzung als politisches Symbol verquickt wird, würde ich hahnebüchen nennen.
So kompliziert verhalten sich größere Gruppen einfach nicht, nur die Abgedrehtheit mancher Einzelner funktioniert so.
Das Kopftuch ist deshalb Reizthema, weil es als Provokation gedacht und auch erkannt wurde.
Fast 30 Jahre lang trugen islamische Frauen kein Kopftuch in Deutschland, weil sie sich schlicht den hiesigen Gepflogenheiten angepaßt haben.
Das es heute getragen wird ist einer bewußten Abgrenzung geschuldet, weil gewisse kulturelle Unvereinbarkeiten zwischen Orient und Okzident die Chancen derjenigen, die andere Vorstellungen haben vermindert.
Ob nun das Kopftuch, die Jeans der 68ziger oder die Kokarde der französischen Revolution, es geht um die Durchsetzung des Andersseins.
Die besonders starke Problematik in diesem Falle sind nur die nicht kompatiblen kulturfremden Positionen, die eine simple Transformation in eine modernere Fassung erschweren, weil eben nicht die gleichen kulturellen Grundlagen dafür in Anspruch genommen werden können.
Insofern war die Einwanderung ein katastrophaler und ignoranter Fehler mit dem wir jetzt fertig werden müssen.
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