Ökologie Fluss ohne Mündung
Der Umweltjournalist Fred Pearce plädiert angesichts der dramatischen Weltwasserkrise für eine Blaue Revolution
Eine Weltperspektive auf das Wasser einzunehmen, mit den großen Flüssen als Leitlinien der Wahrnehmung: Ebendies hat sich der international angesehene Umweltjournalist Fred Pearce mit seinem Buch Wenn die Flüsse versiegen zur Aufgabe gemacht. So kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Viele der großen Flüsse sind zwar auf dem Atlas noch mit ihren Mündungen ins Meer eingezeichnet, in der Realität versiegen sie aber Hunderte Kilometer vor dieser Mündung. Fred Pearce versteht es, mit Beschreibungen dieser Art einen Einblick in die Bedingungen der weltweiten Wasserkrise zu geben.
Nach Pearce hat sie ein Bündel von Ursachen. Der Klimawandel geht dabei Hand in Hand mit der krisenhaften Entwicklung der weltweiten Wasservorkommen, denn die Erderwärmung bedeutet auch eine zunehmende Verdunstung und eine Beschleunigung des Wasserkreislaufs. Allerdings sieht dies regional sehr verschieden aus: Die regenarmen Gebiete sind von noch weniger und die regenreichen von noch mehr Niederschlägen betroffen. So verschärfen sich die Extreme. Fluten und Dürre wechseln häufiger.
Insbesondere wenn etwa die Gletscher der Alpen abgetaut sind, wird sich diese Variabilität in unseren Breiten verstärken. Bislang waren diese Gletscher fantastische Puffer. In der Sommerhitze sorgen sie für einen kräftigen Strom, in den regenreichen Herbst- und Winterzeiten sind sie Regenfänger und Schneespeicher. Wenn die Gletscher nicht mehr als Puffer zur Vergleichmäßigung des Abstroms zur Verfügung stehen, wird es möglich sein, durch Flüsse wie den Rhein im Sommer hindurchzuschreiten. Dann wird er nicht mehr schiffbar und im Wesentlichen nur noch aus Kläranlagen-Abläufen genährt sein. Diesen Gefahren sind die großen Ströme der Erde unmittelbar ausgesetzt, der Ganges, der Indus, aber auch der Jangtse, der Gelbe Fluss oder der Orinoko.
Gegenwärtig sind nach Pearce vor allem die Flüsse wegen des Faktors Mensch durch Übernutzung gefährdet. Zwei Drittel des verfügbaren Süßwassers werden durch die Landwirtschaft verbraucht. Der Gelbe Fluss in China, aber auch der Jordan im Mittleren Osten sind Flüsse, die schon lange nicht mehr ins Meer münden. Euphrat, Tigris, Indus nehmen im Verlauf so stark ab, dass nur noch Rinnsale und zu Trockenzeiten gar nichts ins Meer gelangt. Dafür führt Pearce den Begriff der »geschlossenen Flussbecken« ein, und diese sind weltweit auf dem Vormarsch.
Pearce beschreibt ergreifend, was in großem Maßstab die Reaktionen auf diese Ausgangssituation sind: Dort, wo aus Gründen der Übernutzung das Flusswasser nicht ausreicht, wird Grundwasser herangezogen. Denn seit es die einfachen japanischen Diesel- und Elektropumpen gibt, wird wahllos Grundwasser aus der Tiefe geholt. Immer tiefer liegende Wasser, die Zehntausende bis Millionen Jahre alt sind und sich nicht mehr erneuern, werden zu Zwecken der landwirtschaftlichen Bewässerung hochgepumpt. So tickt eine Zeitbombe in Indien, China, aber auch in den USA, in Brasilien und in Europa.
Ein Drittel der auf der Welt produzierten Nahrungsmittel werden bewässert, aus Flüssen und Grundwasser. Diese gewaltige Anstrengung hat etwa in Indien den Hunger besiegt, die Getreidespeicher gefüllt, aber zugleich die Flüsse geleert, das Grundwasser angegriffen. Pearce versteht dies als ein Ergebnis der Grünen Revolution und betont, dass die Wissenschaftler nicht zur Kenntnis genommen haben, dass die Hochertragssorten bei Weizen, Mais und Reis zwar äußerst effizient im Ertrag pro Hektar sind, aber äußerst ineffizient in der Relation zum Wasserverbrauch. Daraus folgert er, dass für ein Drittel der Ackerfläche nicht das Land der einschränkende Faktor ist, sondern das Wasser.
- Datum 11.02.2009 - 16:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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