Ökologie Fluss ohne MündungSeite 2/2
Großräumige Wassertransporte und das Bauen von Dämmen erscheinen als eine technische Lösung, verschärfen aber die Krise: zum Beispiel Wassertransporte vom Jangtse zum Gelben Fluss. Indien plant einen Nord-Süd-Transfer, Ägypten will Wasser vom Weißen Nil auf Kosten eines großen Feuchtgebiets. Überdies sprießen aufgrund des Energiehungers und der Bewässerungswirtschaft die Dämme weltweit wie Pilze aus den Böden. Der fischreichste Fluss der Welt neben dem Amazonas, der Mekong, droht durch chinesische Dammbauten am Oberlauf zu vergleichmäßigen. Bei weiteren Bauten besteht die Gefahr, dass der Mekong seine pulsierende Fluktuation einbüßt und so das Seengebiet des Tonle Sap in Kambodscha vom Fluss abgetrennt bliebe – ein Seengebiet, in dem Jahr für Jahr zwei Drittel des Fischbestands des Mekongs heranwachsen, von dem sich mehrere Millionen Menschen Tag für Tag ernähren.
Die Wasserpolitik steht national wie weltweit an einem Scheideweg. Pearce plädiert mit Blick auf diese Entwicklungen für eine Blaue Revolution, die auf einen neuen Umgang mit Wasser zielt. Gegen die technische Gigantomanie, den Raubbau am Grundwasser kommt die Blaue Revolution auf leisen Sohlen daher, ja fast unscheinbar. Pearce beschreibt die Anfänge, vor allen Dingen in Ostasien und Afrika. Die Techniken des Regensammelns greifen dort schon: Zisternenbauten, Kleindämme, die Wiederbelebung der Kanatsysteme – traditioneller unterirdi-scher Höhlensysteme, die das Grundwasser verfügbar machen, ohne eine Überausbeutung zu verursachen. Die intelligente Sammlung von Regenwasser zum Zwecke der Bewässerung, aber auch der Grundwasseranreicherung steht im Vordergrund. Ihr Vorteil: Sie wirkt dezentral und erfordert keine großen Wassertransporte. Kombinierte man diese Techniken mit angepasster Tröpfchenbewässerung, wäre es möglich, den Wassermangel von zwei Milliarden Menschen in ganz Asien erheblich zu mindern.
Eine besondere Art angepasster Bewässerungssysteme, die Pearce seinen Lesern vorstellt, wurde in Indien erfunden: die Pepsees – ursprünglich abstreifbare Plastikschläuche, die Wassereis umhüllten. Diese Schläuche werden um Pflanzen gelegt, und aus kleinen Nadelstichöffnungen sickert langsam das Wasser aus. Heute sind diese Pepsees in der Großproduktion für ein paar Cent zu haben – eine einfache Technik, die viel hoffnungsvoller erscheint als große Flussumleitungen. Die Zukunft der Blauen Revolution liegt für Pearce in der Kombination neuer Materialien und Techniken mit traditionellem Wissen.
Pearce entwickelt eine globale Sicht auf die Wasserprobleme der Gegenwart und Zukunft. Sein Buch liest sich als Warnung vor nichtnachhaltigem Handeln – besonders mit Blick auf den drohenden Klimawandel, der die Wasserkrise anheizt. Doch zeigt er auch, dass den Flüssen und Feuchtgebieten Wasser zurückgegeben werden muss und dass Fluktuationen, regelmäßige Überschwemmungen, das gegenseitige Durchdringen von Wasser und Land etwas Positives sind. Den Regen zu sammeln, wo er fällt, erfordert dezentrale Systemlösun-gen, die lokal angepasst sind. Der Komplementarität von altem und neuem Wissen sind hier keine Grenzen gesetzt.
Fred Pearce: Wenn die Flüsse versiegen
A. d. Engl. v. G. Gockel und B. Steckhan; Kunstmann Verlag, München 2007; 360 S., 24,90 €
- Datum 11.02.2009 - 16:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.03.2007 Nr. 13
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