Am Anfang des Buches begegnen wir einem Sonderling, dem Eigenartiges widerfährt: Als Jüngling verliebt er sich, von der Angebeteten verschmäht, in einen Teichmolch. Dabei entdeckt er seine Liebe zur Natur. Er lernt, den Geräuschen der Amphibien zu lauschen, und fühlt sich eher zu Laubheuschrecken hingezogen als zu seinesgleichen.

Das erinnert an den jungen Edward O. Wilson. Der zog begeistert durch die Wildnis seiner Heimat in Alabama. Wegen einer Sehschwäche konnte er aber nur das Naheliegende beobachten. So kam er auf die Insekten und wurde später zu dem berühmtesten Ameisenforscher, zu einem großen Naturpoeten und einem der wichtigsten Evolutionstheoretiker. In einer Zeit, da kaum noch ein Kind Feuersalamander oder Frauenmantel zu Gesicht bekommt, sind Biografien wie die von Weber oder Wilson selten geworden.

Weber studiert wie Wilson Biologie. Er lernt Frösche sezieren und meißelt Versuchskaninchen den Schädel auf. Jeder, der so etwas tut, stellt sich Fragen. Die haben im Normalfall keine Folgen, weil das Zersägen und Zerschneiden notwendige Zwischenschritte auf dem Weg zum Biologiediplom sind. Doch Weber hört nicht auf mit Fragen. Dabei geht es ihm weniger um die Moral der Tierversuche als darum, ob sie der Wahrheitsfindung dienen: Lässt sich die belebte Welt erklären, wenn die Wissenschaft Tiere in immer kleinere Einzelteile zersäbelt, bis sie nur noch DNSSequenzen vor sich hat? Kann man die Biologie auf mechanische Formeln reduzieren und Kreaturen auf gengesteuerte Maschinen? Warum füllen zelluläre Details ganze Bibliotheken, ohne dass sich erkennen ließe, wie, wann und warum neue Arten entstehen?

Die gängige Erklärung der Schulwissenschaft auf diese Fragen lautet: Wir wissen eben noch nicht alles. Aber wenn wir noch ein paar fehlende Puzzlesteine im Geflecht der Mikroteilchen und Gensequenzen gefunden haben, dann wird sich irgendwann ein Bild des großen Ganzen ergeben.

Weber hält diese Vorstellung für einen Irrweg. In der Tat verhält sich die belebte Welt nicht wie eine programmierte Maschine. Das Leben scheint mehr zu sein als die Summe aller Einzelteile. Es entfaltet sich keineswegs allein als Exekution einer genetischen Blaupause. Viele Vorgänge der belebten Natur folgen nicht der reinen Evolutionstheorie. Warum ist die Tiefseegarnele knallrot, obwohl es in ihrem Lebensraum stockdunkel ist? Wie kommt es, dass Menschen sich in einen Partner gleichen Geschlechtes verlieben? Weshalb imitieren Amseln Handyklingeltöne oder flöten am schönsten, wenn die Paarungszeit vorbei ist, in dem Gesang also keinerlei evolutionärer Nutzen steckt?

Wir können die Natur nicht verstehen, wenn wir weiterhin von außen auf sie draufschauen, meint Weber, der nach seinem Studium der Biologie in der Philosophie promovierte. Wir sind ein Teil der Natur, und wir verleiben uns ständig Umwelt ein, nicht nur als Nahrung, auch in Form von Eindrücken und Einsichten. Ein Schicksal, das wir mit allen Wesen teilen: »Wir leben sowohl materiell als auch mental in Symbiose mit einem unüberschaubar großen Ökosystem, das sich beständig neu hervorbringt.«