Atheismus im klassischen Verständnis heißt Gottlosigkeit, heißt Leben ohne Glauben an höhere Wesen. Ein Fall von Leistungsverweigerung. Oder von Unvermögen? Max Weber hatte sich einmal als »religiös unmusikalisch« bezeichnet. Die Formulierung entspricht der Theorie Calvins, dass den Menschen normalerweise ein Sensus divinitatis innewohne, also ein Gefäß für Gottes Botschaft. Die ganz besondere Tasse im Schrank. Aus der Sicht der Gläubigen sind die Ungläubigen daher geistig minderbemittelt. Ihnen fehlt etwas. Kein höheres Wesen in Sicht. Diese Aufnahme des Weltraumteleskops Hubble zeigt die Galaxie Hoag’s Object BILD

Sie pflegen auch keine besondere Kultur. Von ein paar spießigen Freidenker-Vereinen abgesehen, bilden die Gottlosen keine Gemeinden. Es gibt weder atheistische Priester noch Medienbeauftragte, ebenso wenig wie besondere Vorschriften für Bekleidung, Ernährung oder Sexualität, es wird kein Ritus befolgt, und an verbindlichen Bekenntnisformeln fehlt es auch. Was also soll am Leben dieser Leute mit der religiösen Blutgruppe null Bemerkenswertes sein?

Es kommt darauf an, was sie daraus machen. Gewiss, es gibt nicht nur laue Christen, sondern auch laue Atheisten. Ihnen sind die Fragen egal, die der Glaube beantwortet. Über den Sinn des Wirklichen zerbrechen sie sich nicht den Kopf. Psychohygienisch ist das vollkommen in Ordnung, aber intellektuell befriedigt es nicht. Denn der Geist ist erlebnishungrig. Und der Geist des denkenden Atheisten, der kann etwas erleben, so viel steht fest.

Jenseits der Gewissheiten und Gewohnheiten nämlich erstreckt sich unkartierte See. Inmitten der Gischt sehen wir Menschen in kleinen Booten. Ihnen dienen nur Himmelslichter, Wind, Wellen und Lebewesen als Zeichen. Sie wissen, dass sie in die Irre gehen können, aber paddeln voller Hoffnung. Kein ungefährdeter Ankerplatz des Geistes in Sicht. Und kein Ende des Fragens. Atheismus ist eine polynesische Lebensweise.

Die Theologie kann dem nachforschenden Verstand immer wieder Einhalt gebieten, und sie tut es auch. Gründe für den Zweifel am Glauben werden von der theologischen Literatur, auch der neuesten, neutralisiert mit der Formel: Wer bist du, mit Gott zu rechten? Wir verstünden ihn nur mit Menschenbegriffen, heißt es dann, also bestenfalls analogisch, und die Paradoxien fielen zu unseren Lasten. Ende der Durchsage. Just über einen solchen Ruhepunkt des Denkens verfügen die Gottlosen nicht – wie gesagt: sofern sie nachdenklich veranlagt sind und nicht bloß denkfaul. Sie müssen selbst entscheiden, an welcher Stelle das Denken pausieren darf und nicht mehr quälend fragen muss, warum etwas so ist, wie es ist, und ob es auch anders sein könnte.

Niemand setzt dem atheistisch Denkenden einen Reflexionsstopp entgegen. Das klingt hochmütig. Doch es heißt in Wahrheit, dass der Glaubenslose im Ungefähren leben muss.

Warum Denken traurig macht lautet der Titel eines kürzlich erschienenen Büchleins von George Steiner, in dem der Mensch als geistiges Mängelwesen bedauert wird. »Wir werden niemals wissen, wie weit das Denken reicht im Hinblick auf die gesamte Realität«, schreibt Steiner und setzt fort: Menschen denken nie wirklich konzentriert, können den Klischees nie vollständig entkommen, und ihr Gedachtes wird nie verlustlos zur Praxis. Die Armen! Frustrierte kleine Götter.

Der englische Logiker und Philosoph Alfred North Whitehead brachte den menschlichen Widerspruch mit der Formel »Wir denken in Allgemeinbegriffen, doch wir leben im Detail« auf den Punkt. Der Atheist kennt keine Methode, dieses Spannungsverhältnis höheren Orts aufzulösen. Im schlechteren Fall versucht er sich an einer Ersatzüberzeugung, die ihn erhebt und als unvollkommenen Teil eines vollkommenen Ganzen rechtfertigt; die vorerst letzte dieser Art war der Marxismus. Im besseren Fall akzeptiert er die Tragikomik der menschlichen Existenz. Dieser Haltung verdankt die Weltliteratur viel, von Montaignes Essais bis zu Wilhelm Buschs Balduin Bählamm, dem »verhinderten Dichter«.

Ohne Gott zu leben heißt daher: Demut lernen. Homo sapiens ist vom Universum und von der Evolution »nicht gemeint«, wie Peter Sloterdijk schreibt. Ist nicht auserwählt, niemandes Ebenbild, bleibt ein Erdenwurm. Der Wurm ist eine gekrümmte Strecke, eindimensional in einer n-dimensionalen Welt. Wie sollte er mehr erkennen als das, was auf seinem Weg liegt?

Der Ungläubige muss nicht nur diese Unvollkommenheit akzeptieren, sondern auch noch mitansehen, dass ihm die Kriterien der Vollkommenheit zu zerfließen drohen. Wer keinen Gott hat, wird der Moralphilosophie notwendigerweise bis zu ihrem Schluss folgen, dass es bis heute an einer unanfechtbaren Begründung des Gutseins fehlt. Der Atheist mag sich zwar die Entstehung ethischer Normen erklären, ebenso ihre Funktion für die Gesellschaft, aber daraus einen zwingenden Grund für die eigenen Entscheidungen herzuleiten ist ihm logisch unmöglich: Die vorgefundene Handlungsanweisung, warum soll sie meine werden?

Sein Transformationsproblem erkennend, werfen Verfechter der Religionen dem Gottlosen bis heute vor, kein moralisches Fundament zu haben. Das tatsächliche Verhalten der Ungläubigen kann diesen Vorwurf indes nicht erhärten. Die Geschichte kennt religiöse und nichtreligiöse Untaten aller Arten und jeden Ausmaßes, und Berechnungen der jeweiligen Anteile erübrigen sich. Sozialpsychologische Studien wiederum erweisen eine auffallend geringe Kriminalität unter Nichtgläubigen. Das sollte umgekehrt auch nicht zu ihren Gunsten ins Feld geführt werden, denn sie sind tendenziell sozial besser gestellt und gebildeter als die Gläubigen, jedenfalls im Westen; wir haben es hier also nicht mit einem Religions-, sondern mit einem Klasseneffekt zu tun.

Doch auch der rein theoretische Schluss auf die Amoral des Atheisten ist falsch. Der Gottlose muss seinen Sinn selbst erzeugen, er ist, in den Worten Sartres, zur Freiheit verurteilt. Vor die Wahl gestellt, gut oder böse zu sein, bleibt ihm nur, klug auf sämtliche Vernunftgründe und Gefühle zu achten und dann, unter Ungewissheit und auf polynesische Art, riskante Schlüsse zu ziehen. Das klingt anstrengend und wenig verlässlich. Aber darin unterscheidet sich der Ungläubige vom Gläubigen keineswegs. Zumindest dem Christen ist ebenfalls aufgegeben, aus eigener Kraft erst das Gutsein zu wollen und sodann das Gute zu erkennen, und obgleich er hoffen darf, dass Gott ihm dabei hilft – fest versprochen ist es ihm nicht. Wenn er Pech hat, verstockt ihn sein Herr wie einst den Pharao.

Doch wenn der Atheist Böses verübt hat, ist er dann ein Sünder? Winken ihm Gnade, Vergebung, Erlösung? Das religionslos erzeugte Gewissen kann so drückend sein wie nur irgend eines, doch leider ist ein atheistisches Weltbild nicht zu denken, das eine Gnadeninstanz jenseits des Menschen kennt. Der Atheist wird sein schlechtes Gewissen nicht los, also muss er lernen, mit ihm zu leben. Ob er es auf wohlfeile Weise tut oder nicht, das ist dann schon wieder eine individualpsychologische Frage. Ausflüchte stehen stets bereit, für Gläubige und Ungläubige. Doch wer denkt, erkennt sie als solche.

Seine Nöte und Sorgen ist der Atheist erst mit dem Tod los. Obwohl – genau besehen, stimmt das nicht. Nach dem Sterben existieren die Funktionen nicht länger, mit denen das Individuum seine Rollen ausfüllt. Sprechen oder sonst wie handeln kann es nicht mehr. Es hinterlässt eine Leerstelle, um die sich noch soziale Aktivitäten wie Trauer, Pietät, Nachruhm ranken, aber als Empfänger dieser Transaktionen ist der Tote ausgefallen. Er könnte sie auch nicht wahrnehmen. Woraus sich ergibt, dass da kein Individuum mehr vorhanden ist, das Sorgen haben oder nicht haben könnte. Der Atheist ist mit dem Tod nicht etwa seine Sorgen los, sondern sie sind ihn los. Der sterbende Ungläubige kann daher nicht auf Erlösung durch eine verbesserte Existenz hoffen. Auch nicht auf die Befreiung von schlechtem Gewissen, Schmerzen oder Geldschulden. Der eigene Tod bleibt für einen selbst folgenlos, denn Tote haben kein Selbst. Ein lebensbejahender Gedanke, der auf atheistischem Boden blüht. Andererseits ist er auch todesbejahend. Denn der Tote kann ebenso wenig bedauern, dass er nicht mehr lebt; für ihn gibt es nichts Trauriges. In den Worten Epikurs: »Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.«

Von dieser Erkenntnis zur heiteren Haltung angesichts des Todes ist es indes ein weites Stück. Epikurs Weisheit in Ehren, aber der Selbsterhaltungstrieb der Individuen sitzt tiefer als alle Philosophie oder Religion; wenn es darauf ankommt, werden die meisten Ungläubigen ihre Haut nicht anders retten wollen als die Gläubigen. Der Mensch hängt am Leben, weil sein genetisches Programm es so will. Gelingt es ihm nicht, so kann er sich als Glaubender an das Versprechen halten, irgendwie werde es schon weitergehen; wobei interessanterweise eine große Zahl von Christen schon gar nicht mehr an das ewige Leben glaubt. Dem Atheisten sind solche Aussichten gar nicht erst eröffnet.

Gewisse Lasten wird der Ungläubige mithin immer mit sich herumschleppen: Kein höheres Wesen hilft ihm, Gut und Böse zu erkennen, niemand erteilt ihm Absolution, das Leben bleibt eine Strecke. Das kann bitter schmecken.

Dafür lebt der Glaubenslose nicht in der Not, beständig mit seinem Zweifel ringen zu müssen. Er umarmt den Zweifel nicht als angespannter Feind, sondern als unangestrengt Liebender. Atheistische Philosophen, die gibt es natürlich, und sie schreiben berufsgemäß über Gründe und Gegengründe, die Existenz eines höchsten Wesens zu leugnen, infrage zu stellen, für unbeweisbar oder für eine ohnehin sinnlose Behauptung zu halten. Sie unterscheiden dementsprechend fein säuberlich zwischen Atheisten und Agnostikern, oder sie führen andere Kategorien ein, aber das muss den Gottlosen nicht kümmern. Gottesbeweise machen ihm keine Angst; sollte einmal einer gelingen, wäre es ebenfalls recht, denn dann brauchte der Ungläubige immer noch keinen Glauben – er hätte jetzt ja Wissen.

Nun sind auch Atheisten nur Menschen, weshalb sich etliche von ihnen den irdischen Autoritäten in die Arme werfen. No Heaven – No Hell – Just Science lautete die Titelzeile des amerikanischen Magazins Wired, mit der es kürzlich eine Geschichte über die »Neuen Atheisten« ankündigte. Dabei handelt es sich um angesehene Naturwissenschaftler und Philosophen, die dieser Tage im angelsächsischen Raum einigen Wirbel machen und die Welt davon überzeugen wollen, dass die Existenz Gottes eine widerlegte Hypothese sei und ihr daher mitnichten Respekt gebühre. Ob den Neuen Atheisten der negative Gottesbeweis gelungen sei, darüber ließe sich unter Unglaubensbrüdern streiten, unangenehm jedenfalls fällt an dieser Propaganda der penetrante Weihrauch der Wissenschaftsanbetung auf. Die aber hat der rechte Atheist nicht nötig. Sie verhindert geradezu das Verstehen der Welt. Ein schlechter Polynesier, der glaubte, die Betrachtung der Himmelslichter, der Winde, Wellen und Lebewesen garantiere ihm sichere Überfahrt!

Der Atheist beispielsweise, der leise lächelnd seinen Gibbon, Ranke oder andere Klassiker liest und die Ausbreitungsgeschichte des Christentums als rein irdischen Vorgang begreifen lernt, sollte daraus lieber Demut ziehen und auch die Wissenschaft als Überzeugungsbildung, Machtkampf und Ideologiestreit betrachten, anstatt sie anzuhimmeln. Schon gar nicht sollte er auf die Idee verfallen, von der Wissenschaft zu verlangen, dem Leben einen Sinn zu geben. Sie handelt vom Sein, nicht vom Sollen.

Eine bizarre Form dieses Denkfehlers kursiert heutzutage als Vorstellung, der Mensch könne sich durch biologische Lebensverlängerung, biotechnischen Umbau oder Zusammenschalten mit technischen Systemen selbst transzendieren. Dass Homo sapiens den Weg für seinen eigenen Nachfolger bahnt, das mag zwar sein, aber ein Übermensch bliebe ebenso irdisch wie sein Wegbereiter. Ein Schritt auf der Karriereleiter der Arten ist eben kein Schritt auf der Himmelsleiter.

Nein, der konsequente Atheist kennt keine Hebebühne ins Transzendente, ebenso wenig wie den Deus ex Machina. Das muss sein Seelenleben indes nicht trüben. Zwar ist der Anteil der Selbstmörder unter den Ungläubigen größer als unter den Gläubigen. Das heißt aber nicht, dass ihnen die Gottlosigkeit Seelenpein bereite oder die heilsame Wirkung des Glaubens abgehe. Denn unter den Atheisten sind signifikant mehr Männer als unter den Gläubigen, und Männer bringen sich nun einmal häufiger um als Frauen. Ansonsten geht’s den Ungläubigen so weit ganz gut, niemand muss sich um ihre seelische Gesundheit Sorgen machen. Die Befunde der Sozialpsychologie lassen sich in den Worten des israelischen Religionspsychologen Benjamin Beit-Hallami zusammenfassen: »Man hätte sie gern als Nachbarn.« Atheisten seien tendenziell weniger autoritär, pflegten weniger Vorurteile und übten mehr Toleranz als andere. Was nicht an ihrem Atheismus liegen muss, vielleicht sind dies alles nur Nebenwirkungen des Bildungsfortschritts.

Freilich ist nicht anzunehmen, mit zunehmender Bildung nähme die Gottlosigkeit überhand. Es mag weltweit 500 Millionen Atheisten geben oder auch eine Milliarde, die Schätzungen schwanken, in jedem Fall aber verringert sich derzeit ihre Zahl, denn die Bevölkerung der stark religiösen Länder wächst schnell, die der nichtreligiösen nimmt ab. Und selbst in den westlichen Ländern ist der Atheismus eine Lebensform, die eher des Schutzes bedarf. Sie ist fast wie Aussätzigkeit ins Private verbannt; kaum ein Politiker findet sich, der sich öffentlich demonstrativ zu ihr bekennte, wie es seine Berufskollegen mit ihrem Gottesglauben tun. Jedenfalls kann es nicht schaden, hin und wieder in Erinnerung zu rufen, dass die Religionsfreiheit auch für die Religionsfreien gilt. Diese bringen zwar keine Gefühle in Stellung, die wie rohe Eier behandelt werden müssten, sie halten keine Symbole hoch, deren Entheiligung eine Kollektivbeleidigung wäre, sie fordern weder speziellen Unterricht für ihre Kinder in der Schule noch Subventionen, aber ihnen steht der gleiche Achtungsanspruch zu wie den Religiösen.

Atheisten haben Anteil an der Kultur, und keinen geringen an der europäischen zumal. Ohne sie würde etwas fehlen, etwa die rückhaltlose Religionskritik, aber nicht zuletzt die Option einer metaphysisch abgerüsteten Humanität. Den Menschen nicht als Geschöpf eines Höheren zu lieben, sondern so, wie er ist, ohne Vollendungshoffnung, stattdessen mit Nachsicht, Mitgefühl, freundlichem Spott, darin besteht das humanistische Versprechen der Gottlosigkeit. Eine Haltung, die übrigens auch von erfahrenen Seelsorgern bekannt ist. Die wirklich großen Überzeugungen treffen einander nicht im Unendlichen, sondern im Menschlichen.

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